https://www.faz.net/-gqz-7pesf

Theaterlegende : Rolf Boysen ist tot

  • Aktualisiert am

Rolf Boysen, 1920 bis 2014 Bild: Jan Roeder

Seinen 90. Geburtstag hatte er noch standesgemäß im Theater gefeiert. Über Jahrzehnte hinweg prägte er mit seinen Darstellungen die deutschen Bühnen. Jetzt ist der große Rolf Boysen gestorben.

          Das Theater war seine große Liebe. Noch im hohen Alter war Rolf Boysen auf den Brettern, die ihm die Welt bedeuteten, zu Hause. Am Freitag ist Rolf Boysen im Alter von 94 Jahren in München gestorben, wie die Kammerspiele mitteilten, zu deren Ensemble er jahrelang gehörte. „Ich finde, ein Mensch, der noch kein Theater gesehen hat, müsste verzweifeln“, sagte Boysen einmal in einem Interview des Bayerischen Rundfunks (BR).

          Noch mit über 90 Jahren war Boysen - „ohne jede Einschränkung“, wie er damals betonte - Mitglied des Bayerischen Staatsschauspiels. Und er war eines der erfolgreichsten. Er zählte zu den Großen des deutschsprachigen Theaters, hat für seine Schauspielkunst unter anderem den kulturellen Ehrenpreis der Stadt München und den Bayerischen Theaterpreis für sein Lebenswerk bekommen und im Jahr 2009 das Bundesverdienstkreuz. Auf die Frage, worauf es ankomme, wenn er einen Text erarbeitet, sagte Boysen: „Auf inneres Feuer.“

          Man trägt Verantwortung

          Dabei hatte seine Karriere zunächst einen ganz anderen Weg eingeschlagen. Boysen - 1920 in Flensburg geboren und in Hamburg aufgewachsen - begann eine kaufmännische Ausbildung, bevor er sich für die Schauspielerei entschied. „Ich habe zu dieser Materie einfach kein Verhältnis“, erinnert er sich an seine kurze Zeit als Kaufmann. „Ich habe das wirklich nicht begriffen. Es hat mich auch überhaupt nicht interessiert.“

          Ganz anders die Schauspielerei: Er habe schon immer einen Darstellungstrieb gehabt, sagte Boysen. Am Anfang sei das „Jux und Tollerei“ gewesen - dann wurde aus Spaß Ernst. „Man trägt Verantwortung, jawohl, Verantwortung auch für das, was der Autor geschrieben hat; man muss versuchen herauszufinden, was der Kern eines Textes, einer Rolle ist.“

          Und das gelang Boysen wie kaum einem anderen. Er spielte antike Dramen, Shakespeare, deutsche Klassiker und zeitgenössische Stücke. Im Fernsehen wurde Boysen einem größeren Publikum in der Hauptrolle einer Wallenstein-Inszenierung bekannt. Sein erstes Engagement erhielt Boysen 1946 in Dortmund, danach führte ihn seine Arbeit quer durch die Republik und auch nach Österreich. Stationen waren neben München und Hamburg Kiel, Hannover, Berlin, Düsseldorf, Bochum und Wien. Seit 2001 war er Ensemblemitglied am Bayerischen Staatsschauspiel.

          Der Glanz der Menschlichkeit

          Er feierte vor allem als King Lear große Erfolge, war Othello, Nathan der Weise und der Vater von „Emilia Galotti“. Eine letzte große Rolle war der Shylock in Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ auf der Bühne des Münchner Residenztheaters.

          Stets gelang es ihm dabei, das Eigenleben seiner Rollen zu erkennen und seine Figuren glaubwürdig, wahrhaftig und klar darzustellen. „Den Glanz, den Boysen in all seinen Rollen sucht und mit dem er seine Figuren beleben will, ist die Menschlichkeit“, schrieb die „Süddeutsche Zeitung“ zu seinem 50- jährigen Bühnenjubiläum. In seinen letzten Jahren unter Dieter Dorn am Residenztheater las er mehrere große Epen, darunter Homers „Ilias“.

          Berührend war seine letzte Lesung in der Intendanz Dorn im Juni 2011, kurz vor dem Abschied des Intendanten, der ihn mit Tränen in den Augen umarmte. Heinrich von Kleists „Über das Marionettentheater“ hatte er sich damals ausgesucht für das Ende einer Theaterära - und Briefe des Dichters vorgelesen, die dieser kurz vor seinem Selbstmord geschrieben hatte.

          Texte voller Scharfsinn und Ironie, Euphorie und Wut waren es - Texte voller Leidenschaft für die Kunst, für das Drama. Fast hätte der Zuhörer damals vergessen können, dass der alte Theatermann nur rezitierte. Zu sehr hatte auch er sein Leben und seine Leidenschaft dem Theater gewidmet.

          „Theater spielen hält lebendig“, sagte Boysen, der seine Kunst selbst in seinem 1997 erschienenen Buch „Nachdenken über Theater“ eher nüchtern und bescheiden sah: „Wir bauen an jedem Abend wieder neu. Und wenn der Vorhang zugeht, ist es wieder aus.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.