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Vorschau auf die Theatersaison : Hoppla, wir sterben!

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Das Publikum der Zukunft, vom deutschen Theater derart oft mit „Projekten“ dort abgeholt, wo es sowieso gerade ist, dass es auch gleich einschlafen kann. Bild: F1online

Das Theater hat große Angst, nichts mehr zu bedeuten. Also läuft es vor sich davon und treibt sich dort herum, wo es nicht hingehört. Und schafft sich so ab. Was aber wird dann aus dem Zuschauer?

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          Monsieur Teste hat den herrlichsten Beruf der Welt: Er ist Zuschauer. Und zwar ein gewaltiger. Denn wenn gilt, dass „jeder Geist, den man gewaltig findet, mit dem Fehltritt beginnt, der ihn bekannt macht“ (so sieht das der Schriftsteller Paul Valéry, der den Monsieur Teste in den neunziger Jahren des vorvorigen Jahrhunderts erfunden hat, wenn er nicht gar mit ihm identisch war), dann bestand Monsieur Testes Fehltritt darin, dass er ins Theater ging. Und dort nicht auf die Bühne schaute.

          Tief atmend und mit erhitztem Gesicht, „auf dem Wärme und Farbe einander anfachten“, verlor er „kein Atom alles dessen, was in jedem Augenblick fühlbar war“ - nämlich: das Publikum. Monsieur Teste schaut den Zuschauern zu, wie sie dem Theater zuschauen, hingerissen von der Szene, die Monsieur Teste nicht sieht. Seinem Begleiter Paul Valéry flüstert er zu, in das „unermessliche Schimmern dieser tausend Gesichter“ gebannt starrend: „Genießen und gehorchen sollten sie!“

          So amalgamiert Monsieur Teste die Gesellschaft und ihr Theater. Er schaut den Zuschauern in die Gesichter - und weiß, was sie am Theater haben. Zwar findet er: „Die Beleuchtung hält sie.“ Aber in Wahrheit ist es die Bedeutung, die sie hält. So lebt das Theater: in seinen Zuschauern. Vorausgesetzt, es spielt für sie. Indem es sie fasziniert, dadurch, dass es ihnen gegenübertritt. In einem Fest, einem Rausch.

          Alltagsdurchgeknalltheit statt Poesie

          Käme also Monsieur Teste in eines unserer gegenwärtigen Theater, er stürbe an Auszehrung. Ihm fehlte sein Publikum. Denn die Zuschauer, die noch da sind, ließen sich kaum noch in die erregten Gesichter schauen - schon deshalb nicht, weil nichts Gemeinsames, Gewaltiges, Erhabenes sie noch bannt. Und vor allem: weil ihnen kaum noch etwas entgegentritt.

          Denn die Leute im Parkett schauen in den meisten Fällen nicht auf eine Bühne, sondern in einen Spiegel. Der ihnen - ob Sarastro, ob Wotan, ob Macbeth, ob Faust, ob Lear, ob Käthchen oder Gretchen, ob Minna oder Emilia, ob als Figur in einem alten, ob als Figur aus einem neuen Stück - das wiedergibt, was sie längst kennen: den Nachbarn um die Ecke. Im Kaufhausanzug. Oder im Business-Kostüm - serviert in einer Sauce aus Schreien, Toben und Dauerwahngeflipptheit. Was dem Nachbarn um die Ecke immerhin den Ausnahmezustand suggeriert. An den sich aber inzwischen alle derart achselzuckend gewöhnt haben, dass sie es für normal hinnehmen.

          Überhaupt ist der Zuschauer zu einem gewaltigen Hinnehmer geworden. Das Theater betrügt ihn zumeist um die Fernreisen ins Unbekannte, Fremde, nicht sofort Konsumierbare, Schöne, Strenge, Erhabene, dem Alltag und seiner Sprache Enthobene, Poetische. Und bewirft ihn dafür mit Alltagsdurchgeknalltheiten. Der Hinnehmer im Parkett aber wird der Bühne dadurch immer mehr entfremdet: weil sie ihm das, was ihn in Spannung zu ihr versetzen könnte, vorenthält.

          Das Theater verliert sein wichtigstes Element

          Sie rührt den Szenenbrei an, den sie als Einheitsnahrung verabreicht. Irgendwann geht dann der Appetit verloren. Für jede Küche ein drohend tödlicher Moment. Das Menü verliert an Bedeutung. Die Bühnen werden dergestalt zu einer Art mobilen Hungerküchen-Station, die den Zuschauer dort „abholt“ (wie das im Sozialneudeutsch heißt), wo er gar nicht mehr auf den Gedanken kommen dürfte, dass es sich noch um Theater handelt,

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