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Vorschau auf die Theatersaison : Hoppla, wir sterben!

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Das Theater aber könnte ihm das ganz Andere, das Gegenweltliche, den himmlischen Abhub der „unbegreiflich hohen Werke“, das dramatisch Tolle, Aberwitzige, Schöne, Herrliche, Abgrundtiefe bieten, in das hinein man aufbräche wie in einen fernen, fremden Kontinent, geduldig und demütig. Und den Zuschauer mitnähme auf eine Reise, von der er reicher und erregter zurückkäme als zuvor (wie das zum Beispiel Peter Brook und Ariane Mnouchkine noch fertigbringen). Aber das Theater macht lieber auf Ohrensessel und auf Gemeinschaftskundegrundschulunterricht.

Zuschläge für Theater und Kulturjournalismus?

Der Schauspielchef des Mannheimer Nationaltheaters, eines großen Drei-Sparten-Hauses, hat unlängst in einem offenen Brief an die Bundesministerinnen Wanka (Bildung) und Grütters (Kultur) und an die dementsprechenden Ressortchefs im baden-württembergischen Landeskabinett die allgemeine Theater-Apokalypse beschworen: Die Kultur erlebe einen „Bedeutungsschwund in erschreckendem Ausmaß“; die Schuldenbremse, „die es Bund und Ländern zwingend vorschreibt, von 2020 an keine Schulden mehr zu machen“, werde dazu führen, dass es „keine Ziele mehr jenseits des Sparzwangs“ gebe, und „zu einem radikalen Kahlschlag“ mit der Folge, „dass ein Großteil der deutschen Stadttheater und damit ein großer Teil der Kultur von der Landkarte verschwinden wird“.

Von der Landkarte verschwinden würde im Mannheimer Fall zum Beispiel auch eine angekündigte „Jungfrau von Orleans“ (eigentlich von Schiller), in der „Texte von Soldatinnen aus aller Welt“, vorgetragen von Soldatinnen der Bundeswehr, für die dieserhalb ein Casting ausgeschrieben wird, die Hauptrolle spielen sollen. Der kurpfälzische Theaterdirektor schlägt deshalb vor, den Solidaritätszuschlag (vulgo: Soli) künftig nicht zum Aufbau Ost, sondern zum Ausbau Stadttheater zu verwenden, denn „wir brauchen gemeinsame Werte“, worunter er auch die Kulturteile von Zeitungen zählt, die ebenfalls vom schleichenden Tod bedroht seien und die er gleichfalls der öffentlichen Unterstützung durch den umgewidmeten Soli empfiehlt.

Abgesehen davon, dass staatlich subventionierte Zeitungen gerade nicht die „gelebte Demokratie“ wären, die dem Mannheimer Bühnenchef vorschwebt, sondern ein eiertänzerischer, parteientaktischer, publizistischer Mehltau-Albtraum; abgesehen auch davon, dass es doch sehr fraglich ist, ob die Theater noch viel mit dem zu tun haben, woran dem öffentlichen Briefschreiber so sehr zu liegen scheint, nämlich mit „Kultur und Bildung“ und nicht vielmehr mit den privatesten Interessen und Obsessionen von kühl marktwirtschaftlich in ihren Nischen operierenden Regisseuren und dramaturgischen Bearbeitern - wieso soll die öffentliche Hand einem Theater hinterherlaufen, das vor sich selbst davonläuft? Monsieur Teste jedenfalls hat das Haus längst verlassen.

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