https://www.faz.net/-gqz-a7obr

Herbert Fritsch wird 70 : Hamlet im Labor

Man muss stürzen wollen, um fliegen zu können: Herbert Fritsch Bild: ddp Images

Choreographien des freien Falls: Als Schauspieler, Regisseur, Filme- und Projektemacher, Installations- und Medienkünstler hat Herbert Fritsch seine Methode perfektioniert. Jetzt wird die Zentrifugalkraft unter den Theaterkünstlern siebzig Jahre alt.

          2 Min.

          In einem Gespräch mit dem Theaterkritiker Peter Kümmel hat Herbert Fritsch einmal einen Satz gesagt, der in dem Zusammenhang, in dem er fiel, nicht besonders philosophisch-programmatisch klang, sondern eher ganz konkret und sehr pragmatisch: „Man muss den Sturz wollen“.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Fritsch bezog sich auf eine Inszenierung von „Yvonne, die Burgunderprinzessin“ am Hamburger Schauspielhaus, in der er eine Nummer mit einem Bungeeseil versemmelte, weil sich etwas in ihm gegen den Sturz gesperrt hatte. Dabei steht wohl kein anderer Theaterkünstler so sehr für die Lust an den Choreographien des freien Falls wie Herbert Fritsch. Als Schauspieler, Regisseur, Filme- und Projektemacher, Installations- und Medienkünstler hat er in zahlreichen Anläufen und Absprüngen seine Methode perfektioniert: denkspielend kopfüber voran, manchmal sogar in alle Richtungen zugleich.

          Ein Spiellustentfessler

          Fritsch interessiert sich nicht besonders für Grenzen, schon gar nicht, wenn es sich dabei um Genregrenzen handelt. Anders gesagt: Nichts ist vor ihm sicher. Nur um die deutsche Klassik hat er bislang einen Bogen gemacht. Von Shakespeare und Molière reicht die Bandbreite seiner Inszenierungen über Labiche, Gogol und Ibsen bis zu Beckett, Brecht und Schwänken wie „Die (s)panische Fliege“ des Autorenduos Arnold und Bach. Als Schauspieler, der mit Gotscheff, Schlingensief, Robert Wilson, vor allem aber mit Castorf gearbeitet hat, war er oft ein Verausgabungskünstler, als Regisseur ist er ein Feuerwerker und Spiellustentfessler. Seine Bühnenbilder lassen zuweilen an Verner Panton und andere Vertreter der Pop Art denken, in „Murmel Murmel“, einem genialischen Abend nach Dieter Roth, bei dem elf Schauspieler das Wort „Murmel“ variieren, erweckten manche Tableaus den Eindruck, als habe sie Andy Warhol im Tiefenrausch nach einer U-Bootfahrt mit Heinz Edelmanns „Yellow Submarine“ entworfen.

          Fritsch hat keinen Stil, sondern Stile. Sein Eklektizismus ist ironisch, wird aber ganz ernst, wenn es darum geht, zu zeigen, dass unter einer Oberfläche noch ganz andere Oberflächen stecken, die womöglich aus anderen Zeiten stammen und deshalb in anderen Farben schillern.

          Mythos in der Wohnküche 

          Gegen den „Hamlet“ sind schon viele Regisseure angerannt, aber so gründlich in Einzelteile zerlegt wie Herbert Fritsch hat ihn wohl kein anderer. Aus 111 Splittern (und weiteren 111 Referenz-Splittern) soll am Ende das Projekt „Hamlet-X“ bestehen, das Fritsch seit zwei Jahrzehnten verfolgt: eine intermediale Unternehmung, die „den Mythos aus der Perspektive moderner Alltagskultur“ ergründen will.

          Eine Wohnküche als Hamlet-Labor, in dem bislang 55 Kurzfilme entstanden sind, unter Beteiligung von vielen großartigen Schauspielern wie Susanne Lothar, Jürgen Holz, Milan Peschel, Hermann Lause, Ilse Ritter, Corinna Harfouch. An diesem Mittwoch wird Herbert Fritsch, die Zentrifugalkraft unter den Regisseuren, siebzig Jahre alt.

          Weitere Themen

          „Azor“ Video-Seite öffnen

          Trailer (OmU) : „Azor“

          „Azor“, Regie: Andreas Fontana. Mit: Fabrizio Rongione, Stéphanie Cléau, Carmen Iriondo, Juan Trench, Ignacio Vila, Pablo Torre, Elli Medeiros, Gilles Privat, Alexandre Trocki, Augustina Muñoz, Yvain Julliard. CH, F, ARG, 2021.

          Der lange Marsch ins Licht

          Rattle bei Musica Viva : Der lange Marsch ins Licht

          Noch ist Simon Rattle noch nicht Chefdirigent des Symphonie-Orchesters des Bayerischen Rundfunks, doch gleich nach Vertragsunterzeichnung dirigiert er zwei Konzerte bei der Musica Viva. Ein starkes Signal: Neue Musik ist Chefsache.

          Topmeldungen

          Arbeiten schon lange erfolgreich zusammen: der CDU-Vorsitzende Armin Laschet (links) und Nathanael Liminski (rechts)

          CDU-Vorsitzender : Laschets Vertraute

          Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident ist jetzt Bundesvorsitzender der CDU – und hat noch einiges vor. Auf wessen Rat hört er?
          Wer suchte den Kontakt zum Gesundheitsminister? Jens Spahn vergangene Woche im Bundestag

          Konsequenzen aus Masken-Affäre : Ein Kodex und Spahns heikle Liste

          Mit Verhaltensregeln und einem „Sanktionsregime“ will die Unionsfraktion auf die Vorwürfe gegen Nikolas Löbel und Georg Nüßlein reagieren. Für Unruhe könnte eine Ankündigung des Gesundheitsministers sorgen.
          Britische Zeitungen am Tag nach dem Interview.

          Harry und Meghan : Rassismus bei den Royals?

          Eine familiäre Seifenoper hat sich in eine kleine Staatsaffäre verwandelt. Wenn sich sogar Boris Johnson äußern muss, wurde tatsächlich eine „Atombombe gezündet“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.