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„Oedipus“ am Deutschen Theater : Wie Schwarz aus seinen blutigen Augäpfeln tropfte

  • -Aktualisiert am

Ein karges Bühnenbild ist der antiken Tragödie angemessen, wenn das Ensemble darin alles gibt: „Oedipus“ in Berlin Bild: Arno Declair

Vor Sigmund Freuds Deutung zurückgekämpft: Ulrich Rasches Inszenierung des „Oedipus" von Sophokles am Deutschen Theater in Berlin.

          3 Min.

          In Theben liegen tote Kinder am Feldrand. Pesthauch weht durch die Luft, die Sterbenden stöhnen. Für Trauer ist keine Zeit, der Tod greift mit rasender Geschwindigkeit um sich. „Wen die Nacht ­verschont, der stirbt am kommenden Tag.“ Die Bürger der Stadt sind in Aufruhr. Es muss doch einer Schuld haben an dem Desaster, an dieser furchtbaren Seuche, die die Menschen hinwegrafft wie die ­Fliegen.

          Ihre Gesichter wirken ungläubig, so als ob sie das Ausmaß der Katastrophe noch nicht fassen könnten. Ihre Bewegungen sind starr, als habe ihnen jemand unter Todesdrohung den exakten Takt befohlen, in dem sie zu laufen hätten. Durch die Mikroports dröhnt ihr keuchender Atmen herüber von der rastlos drehenden Bühne, über der sich verschiedene Heiligenscheine winden. Heilig ist diesem Abend vor allem sein von Friedrich Hölderlin übertragener Text. Gegeben wird das alte Klagestück „Oedipus“ – und hier einmal nicht „nach“, sondern wirklich „von“ Sopho­kles. Keine ironische Brechung, keine zeitgeistige Anverwandlung lässt Regisseur Ulrich Rasche zu, stattdessen wird der Text auf geradezu manische Weise verdeutlicht und absichtsvoll ausgedrückt. Die Worte werden zu Sound, die Sprache wird zum heiligen Kalb, um das sich alles dreht. Auf die Dauer wird das ermüdend, weil die Monotonie des Stückes, in dem nicht viel geschieht, sondern vor allem Geschehnisse berichtet werden, durch Rasches unbedingtes Rhythmustheater noch verstärkt wird.

          Unbedingter Stilwille

          Auch die vom Komponisten Nico van Wersch erdachte neumusikalische Begleitung sorgt hier weniger für Tempo oder Spannung als für Überanstrengung. Vier unrein gestimmte Streichinstrumente werden von den Musikern nicht im herkömmlichen Sinne gespielt, sondern benutzt, um experimentelle Klangflächen zu erzeugen und ihre Zuhörer rammdösig zu machen. Das Keyboard ist mit den Klängen von Synthesizer-Prototypen programmiert, so- dass man plötzlich auch eine Ondioline und ein mikrotonal gestimmtes Novachord hört. Aber das, was bei der letzten Zusammenarbeit der beiden hier am Haus, bei Sarah Kanes „Psychose 4.48“, eindrucksvoll gelang, das gegenseitige Hochschaukeln von Musik und rhythmischem Sprechen, gelingt dieses Mal nicht. Und auch das scharf gesetzte, peinlich genau durchinszenierte Sprechen entwickelt an diesem gut dreistündigen Abend keine eigene Kraft. Eigentlich lapidare Sätze wie „Ich geh also“ oder „Wenn dem einer folgt“ wirken durch das abgesetzte Arrangement künstlich mit Bedeutung aufgeladen. Weder Manuel Harder als Oedipus noch Almut Zircher als seine Frau und Mutter Jokaste können mit Rasches unbedingtem Stilwillen etwas anfangen, so scheint es, sie exerzieren gehorsam nach, was ihnen befohlen ward, aber nehmen ihren Dienst nicht innerlich an. Ihre Bewegungen wirken vorprogrammiert, ihre Mienen aufgesetzt. Sogar die schockierende Offenbarung, dass Oedipus selbst jener „Fleck“ ist, nach dem er fahndet, verhallt hier im Leeren.

          Für manche unerträglich

          Nur wenn der Chor spricht, wenn die Bürger Thebens gemeinsam ihrem Schrecken Ausdruck verleihen und furchtvoll davon berichten, wie der vom Schicksal betrogene Herrscher sich „Nadeln ins Helle seiner Augen“ stieß und „Schwarz aus seinen blutigen Augäpfeln tropfte“, dann hämmern die Worte wie Schläge auf das Publikum ein, dann blitzt etwas auf von jenem kompromisslosen Ernst, der Rasches Theaterregie für manche so unerträglich, für andere so bedeutsam macht. Erst ganz am Ende, gut zwanzig Minuten vor Schluss, wenn der Hirte in Gestalt von DT-Neuzugang Julia Windischbauer auftritt, bekommt der Abend einen sicheren Stand. Sie zieht mit einigen wenigen, aus angerauter Kehle hervordrängenden Worten alle Aufmerksamkeit auf sich und gibt genüsslich Auskunft über ihr Handeln. Sie weiß, dass sie mit ihren Angaben das Urteil über einen großen Herrscher fällt – und genießt es, sie wirft den Kopf angriffslustig nach vorne, lächelt dämonisch, verzieht dann wieder pflichtbewusst schmerzverzerrt ihr Gesicht. Sie ist eine Besessene, eine, die vom Unglück der Anderen beflügelt wird. Mit ihren dünnen Armen und lockitisch da, im matt leuchtenden Lichtkreis, auf der drehenden Scheibe und giert danach, ausgefragt zu werden. Freudig bejaht sie, das Findelkind damals dem Boten übergeben zu haben: „Ich gab’s!“, ruft sie euphorisch und fügt fast schon hämisch ein „Jawohl, mein König“ an. In Windischbauers kurzem Auftritt bricht sich jene Spannung zwischen Regierten und Regierendem Bahn, die Sophokles’ Stück eben auch durchzieht. Von ferne deutet sich hier an, was der Regisseur vorgehabt haben könnte: die trivial gewordene Triebdeutung Freuds beiseitezuschieben, um das ursprüngliche, politische Thema des Stücks freizulegen.

          Trotz großer Anstrengung der Gewerke, von Licht, Bühne und Ton, gelingt es Rasche aber diesmal nicht, seinem eigenen Anspruch gerecht zu werden. Das Ensemble schwitzt und keucht vergebens. Was bleibt, ist eine unbedingte Treue zum Text und ein ungebrochener Wille zur ästhetischen Wirkung. Beides ist außergewöhnlich in diesen Theatertagen und darf daher eine besondere Geltung behaupten. Aber um ein so schwieriges Stück wie „Oedipus“ wirkungsvoll zu inszenieren, braucht es neben Text und Technik offenbar doch etwas Drittes: nicht nur von außen, sondern von innen bewegte Menschen.

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