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Theaterkritik : Commedia-Strip

Farbenfrohe Gewänder statt Lederjacke: So stellte sich Sandro Botticelli das in der „Göttlichen Komödie“ beschriebene „Inferno“ vor. Bild: marix verlag

Dem zunehmenden Vampirismus der Theater ist in Köln jetzt Dantes „Göttliche Komödie“ zum Opfer gefallen.

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          Dante („Mein Name ist Alighieri“) trägt Lederjacke, T-Shirt, Tarnhose und Stiefel, ein Heimkehrer aus dem Krieg, der, als er an der Wohnungstür klingelt, von einem leichten Mädchen abgewimmelt wird: Das sei jetzt ihre Wohnung, gerade erst hatte sie, auf Italienisch am Telefon fluchend, sich diese unter den Nagel gerissen, und die geliebte Beatrice, „Ihre Geheiratete“, sei verschwunden und liege da, sie zeigt auf ein mit Schneematsch bedecktes Rechteck, auf dem Friedhof.

          Szenische Zurichtung

          Hier könnte die Geschichte schon zu Ende sein, denn Dante schiebt sich die Pistole in den Mund, doch Vergil geht dazwischen, tritt ihm zur Seite, spritzt ihn fit und schickt ihn, von vier Spezialisten, Arzt, Mädchen, Frau und Kunsthistoriker, beraten, auf eine Reise, auf der er sie alle in den Himmel führen soll. So beginnt am Schauspiel Köln die szenische Zurichtung der „Göttlichen Komödie“. Und so wird der anhaltende Vampirismus der Theater, der allfälligen Romanmassen – Döblin, Feuchtwanger oder Thomas Mann sind längst abgeräumt – ihren spielerischen Gehalt aussaugt, auf ein episches Gedicht des frühen vierzehnten Jahrhunderts ausgeweitet. Doch lassen sich 14233 Verse nicht in 142,33 Minuten pressen.

          Die Kunst der Bühne lebt ja im und vom Augenblick, und die Aufführung müsste, ungeachtet aller Verluste, nur eines: sich als Theater behaupten. Doch um die große Dichtung kleinzukriegen, plaziert sie der Regisseur Sebastian Baumgarten in einer zweistöckigen Unterwelt mit Büros, Tiefgarage und Autowerkstatt, zwischen zwielichtiger Halbwelt und trashiger Wunderkammer, dekoriertem Altar und demoliertem Alfa Romeo, wo Fenster und Türen sich mit lodernden Flammen und fetten Fischen, Rotlichtkammern und kahlen Betonverliesen füllen und der Fahrstuhl illustre Karikaturen ausspuckt: Dantes „Commedia“ dient als Vorwand für einen nervös delirierenden Comicstrip, dem Vergil mit der Doping-Spritze aufhilft. Bilderwirbel und Flammenfelder, Maskenfratzen und Filmeinblendungen illustrieren das Inferno nach Belieben.

          Skeptischer Kitsch

          Im Purgatorium, wo die Büßer Mönchskutten und Spruchbänder mit ihren Lastern tragen, haben die Schauspieler vor allem mit dem Text zu kämpfen, und das Paradies, wo Gustav Mahlers „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ angestimmt wird, verklimpert in skeptischem Kitsch. Dantes Bedeutung, so vermerkt Boccaccio in der Einleitung zu den von ihm angefertigten Abschriften des Werks, offenbare sich in seinem Namen von selbst: „Deshalb kann jede Person, die großzügigen Gemüts jene Dinge verschenkt, mit denen sie Gott so reichlich gesegnet hat, verdienterweise Dante (der Gebende) genannt werden.“ In Köln wird ihm fast alles genommen.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

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