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Theaterfestival von Avignon : Sogar die Götter sind schockiert

  • -Aktualisiert am

Geschichten von ausnehmender Grausamkeit: Die riesige metallene Hand ist ein Hinweis auf die Extremitäten getöteter Kinder. Bild: Christophe Raynaud de Lage / Fes

Schwarze Schmetterlinge in der Handtasche: Im Mittelpunkt des Theaterfestivals von Avignon stehen Geschichten von monströser Gewalt.

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          Im Juli, so sagt es unbescheiden Festivalleiter Olivier Py, verlagert sich das Zentrum Frankreichs von Paris nach Avignon, zum Theaterfestival. Es ist und bleibt ein Ereignis: für freie Gruppen, die ihre Produktionen zu verkaufen versuchen, für die Bürger, die zu Festivalzeiten ihre Kinder zum getrennt lebenden Vater schicken, um auch das letzte Eckchen ihrer Wohnung zu vermieten, für Diebe, die auf dem Motorrad um Zuschauergruppen im Vorort kreisen und Frauen ihre Handtaschen wegreißen. Das alles bei 35 Grad, schattenfreien Gassen und etlichen Menschen, die auf den vielen Plätzen der Stadt gaukelnden Darbietungen folgen, glücklich überteuertes Bier trinken oder sich in Busse quetschen, um zur nächsten Vorstellung zu gelangen. Mehr als 4500 Künstler zeigten diesmal ihre Stücke, 150.800 Zuschauer waren gekommen.

          Doch wer in der französischen Theaterwelt etwas gelten möchte, der sollte dann doch bei den Produktionen mitwirken, die für den offiziellen Teil eingeladen wurden. Dieses Jahr unter das Motto „Geschlechteridentität“ gestellt, standen die wichtigsten Inszenierungen im Zeichen der Frage nach den Ursachen grausamer Gewalt. Und im Zeichen sehr unterschiedlicher junger Regisseure mit dem unbedingten Willen, Theater anders zu machen als auf den ausgetretenen Pfaden.

          Die verfluchte Asche des Unglücks

          Der sechsunddreißigjährige Thomas Jolly möchte, dass Theater verständlich für jeden ist. Ein Ort nicht nur für die französische Elite. Er möchte es öffnen, dezentralisieren. In seiner Inszenierung von Senecas „Thyestes“ zeigte sich sein Bedürfnis nach Massentauglichkeit in einer sehr gut verständlichen Übersetzung der römischen Tragödie durch Florence Dupont. Und in einer Eindeutigkeit des Erzählens: Die Geschichte von Atreus, der sich an seinem Bruder Thyestes rächt, indem er dessen drei Söhne zerstückelt, brät und ihm zum Essen gibt, so dass sogar die Götter von seiner Grausamkeit schockiert sind, gießt Jolly im altehrwürdigen Papstpalast in gigantische Bilder mit spektakulären Lichteffekten.

          Das Bühnenbild besteht aus einer riesigen metallenen Hand und einem liegenden Metallkopf, ein Hinweis auf die Extremitäten der getöteten Kinder. Tantalus entsteigt im grünen Glitzerkostüm einem Gullydeckel, um den Fluch über die Familie auszusprechen. Atreus, gespielt von Jolly, ist ein lächerlicher Exzentriker mit Plastikkrone, während sein Bruder Thyestes mit Lendenschurz zunächst wie ein animalischer Überlebenskünstler aussieht. Die verfluchte Asche des Unglücks erreicht den Zuschauer in Form von schwarzen Papierschmetterlingen, die aus den Fenstern des Palastes herunterfallen, im Mistral des Südens über die Zuschauerränge schwirren und in ihre Taschen fallen, eine feine kleine Idee.

          In Thomas Jollys Inszenierung von Senecas „Thyestes“ zeigte sich sein Bedürfnis nach Massentauglichkeit.
          In Thomas Jollys Inszenierung von Senecas „Thyestes“ zeigte sich sein Bedürfnis nach Massentauglichkeit. : Bild: Christophe Raynaud de Lage / Fes

          Jolly lässt jede Grausamkeit ausspielen oder deklamieren, überlässt nichts der Imagination. Thyestes findet die Köpfe seiner Kinder tatsächlich in einem Sack, das Kleid der Furie ist blutverschmiert, die Brüder kauern am Ende gemeinsam wie Embryos auf der Opfertafel unter ihrem Unheil, dem durch ein Streichquartett noch Dramatik verliehen wird. Jolly malt beeindruckende, apokalyptische Bilder, nicht zuletzt das der Sonnenfinsternis, die im fahlen Licht einen großen Kinderchor auf der Bühne zeigt. Aber durch seine Übertriebenheit und Eindeutigkeit verliert das tiefschwarze Stück paradoxerweise an Schrecken.

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