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Theaterfestival Mannheim : Dämonen, Orgien und Vanilleeis

Don Juan im Gruselkabinett: Steven Scheschareg in der Dostojewski-Oper „Böse Geister“ in Mannheim Bild: Hans Jörg Michel

Der Australier Simon Stone sorgt beim Festival „Theater der Welt“ in Mannheim mit einem Gewaltstück für Furore. Szenenapplaus aber gibt es für andere.

          3 Min.

          Pünktlich zur Feier seines halbrunden 175. Geburtstags lockte das Mannheimer Nationaltheater in diesem Jahr zum Festival „Theater der Welt“, weshalb das Direktorenduo des Forums, Burkhard Kosminski und Matthias Lilienthal, die Speerspitze der Bühnenavantgarde aus Japan, Chile, dem Libanon, Australien am Zusammenfluss von Main und Neckar versammelte. Das anspruchsvollste Theatergeburtstagsgeschenk in dem illustren Rahmen war gleichwohl ein deutsches Fabrikat: die Uraufführung der Dostojewski-Oper „Böse Geister“ der rumänischstämmigen Komponistin Adriana Hölszky.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dostojewskis Roman „Die Dämonen“, der so prophetisch und ewig aktuell ist, dass er in Sowjetrussland lange verboten war, schildert – der wertekonservativen Hölszky zufolge – die revolutionäre Selbstzerstörung der Gesellschaft infolge von Hybris und Verantwortungslosigkeit ihrer Mitglieder. In ihrer Partitur skizziert sie die Solofiguren des Romans daher nur durch kompakte freitonale Duette und Ensembles in kurzen Symbolszenen. Die musikalische Hauptrolle spielt der großartige Chor des Mannheimer Nationaltheaters, den Regisseur Joachim Schlömer auf den obersten Balkon plaziert hat.

          Aus solch himmlischer Distanz vergegenwärtigt er mit einer von Chorleiter Tilman Michael subtil herausgearbeiteten Artikulationspalette von Brummeln, Schnalzen, Zisch- und Verschlusslauten bis zu ersticktem Schreien das Leiden der Sprach- und Namenlosen, das vom dämonischen Haupthelden Stawrogin – dem russischen Don Juan – ausgeht, der wie der eigentliche Regisseur im Rücken des Dirigenten thront. Stawrogins luziferische Rezitativrede über seine Lust an Betrug und Vergewaltigung gliedert das Geschehen, das vom Orchester mit unheimlichen Clustern, Geräuschen und apokalyptischen Posaunensignalen kommentiert wird.

          Antike im Partyexzess

          Unterm Dirigat von Roland Kluttig bewältigen die Gesangssolisten die expressiven Partien mit Bravour und nehmen in ihren historischen Kostümen immer wieder Postkartenposen ein. Leider steht die Musik neben dem Geschehen, sie beklagt das Böse, macht aber seinen verführerischen Magnetismus nicht spürbar. Wozu auch Bariton Steven Scheschareg seinen Teil beiträgt, der den Stawrogin als schmierigen Lüstling gibt – eine absolute Fehlbesetzung. Dass ihm Frauen und ambitionierte junge Männer gleichermaßen verfallen, wie Dostojewski in seinem Roman glaubhaft macht, erscheint ausgeschlossen.

          Dafür entschädigte das ebenso adrenalingeladene wie formvollendete Kammerspiel des Australiers Simon Stone „Thyestes“, das mit dem Vokabular zeitgenössischer Partyexzesse den antiken Mythos von der Autodestruktivität des Erfolgsmenschen packend neu erzählt. Stones Bühne ist ein kleinbusgroßer, grellweißer Guckkasten, der dem Publikum an zwei Seiten Einblick gewährt. In solch filmischer Nahsicht lässt Stone seine fabelhaften Darsteller und Mitautoren Thomas Henning, Chris Ryan, Toby Schmitz mit angelsächsischer Aggressivität und scheinalkoholisierter Explizitheit einander in ihre Männerabenteuer einweihen. Strukturiert wird die durch totale Finsternis und wilde Rockmusik gegliederte Szenenfolge durch die Konkurrenz zweier Alphamännchen um den romantischen Dritten. Der brutalere von beiden feiert seinen Sieg mit einer sexuellen Erniedrigung des Begehrten. Der besondere Reiz liegt darin, dass dieser, der in einer lyrischen Szene höchst talentvoll Schumann singt und sich selbst auf dem Klavier begleitet, nicht als Homosexueller vernascht wird, sondern als anthropologisch ewig weibliche Verkörperung der Unschuld.

          Untermalt von Bachs Wohltemperierten Klavier

          Einen Höhepunkt diametral gegensätzlicher Art bildete der zu hoher Absurdität formalisierte Tanz ums goldene Kalb, den der Japaner Toshidi Okada unter dem Titel „Super Premium Soft Double Vanilla Rich“ choreographierte. Tokada, den die Fukushima-Katastrophe traumatisierte, weil er sie als Chance zur Umkehr wahrnahm, die seine Landsleute ignorierten, versetzt in einen jener rund um die Uhr geöffneten Konsumtempel, ohne den für Japaner ein Ort zur abgehängten Provinz wird. Untermalt von der nähmaschinenpräzisen Raserei von Bachs Wohltemperiertem Klavier auf Cembalo erlebt der Zuschauer, wie der brave mit dem faulen Ladenangestellten schwatzt, wie der Filialchef beide anmeckert und dann seinerseits vom Inspektor aus der Zentrale mit hallender Mikrophonstimme wie ein Deus ex Machina zur Schnecke gemacht wird. Okadas Schauspieler unterstreichen ihre rituellen Monologe mit wunderbar sinnlos und doch eloquent rudernden Handbewegungen.

          Einhellig bejubelt wurde die belgische Choreographin Anna Teresa De Keersmaker, die die von Adorno diagnostizierte Erkrankung unserer Gesellschaft an „Amusie“ kuriert. Sie übersetzt dazu musikalische Formen in raumkörperliche Bewegungen, die sie in die Stille hinein tanzen lässt, als sollten sie darin aufgeladen werden.

          In Mannheim präsentierte De Keersmaker ihr neues Werk „Vortex temporum“ (Strudel der Zeiten) zu dem gleichnamigen Instrumentalstück von Gérard Grisey. Wie schon De Keersmakers „Partita“ erklang zunächst nur das vom Ensemble Ictus intonierte nervös beschwingte Musikstück, das nach seinem Verstummen sechs Tänzer durch rhythmische Körperverschraubungen und elliptische Läufe tonlos weiterspielten. Als dann die Instrumentalisten wieder einsetzen, werden auch sie in den Strudel der poetischen Tänzerplanetenbahnen gezogen. Ein Reigen, dem man sich in Mannheim kaum entziehen konnte.

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