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Theater : Zürcher Intrigantensumpf

Auf dem Sprung: Matthias Hartmann Bild: AP

Im Zorn verlässt der Direktor Matthias Hartmann das Zürcher Schauspielhaus. Zum Abschied klagt er über antideutsche Ressentiments. Zugleich wird eine alte Affäre um ein bulgarisches Kindermädchen hochgespielt.

          Nicht nur wegen Schwarzarbeit, auch wegen Amtsmissbrauchs und Begünstigung wird derzeit in Zürich ermittelt. Diese Vorwürfe allerdings richten sich nicht an den scheidenden Direktor des Schauspielhauses. Dass Matthias Hartmann im Bereich der Jugendarbeit wertvolle Dienste geleistet hat, räumen auch seine Gegner und Kritiker ein. Dass es allerdings ausgerechnet seine Schwester war, die das Junge Schauspielhaus aufbauen durfte – wie auch immer: Für einen Intendanten sind Amtsmissbrauch und Begünstigung ohnehin Begriffe von begrenzter Verbindlichkeit. Für Politiker und Beamte allerdings handelt es sich um Delikte.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Und gegen diese Vorwürfe muss sich nun sogar die Justizministerin des Kantons Zürich, Rita Fuhrer, wehren. Dass sie zur Schweizerischen Volkspartei SVP gehört, die weder der Kultur noch den Ausländern besonders nahesteht, macht den Fall nicht besser. Es geht nicht um Matthias Hartmanns Leitung des Schauspielhauses. Sondern um sein Kindermädchen, eine Bulgarin. Hartmann hat sie seinerzeit aus Deutschland mitgebracht. „Ich bin 1 Meter 93 groß, spreche Hochdeutsch und drücke mich klar aus“, stellte er sich in Zürich der Öffentlichkeit vor.

          Bußgeld wegen Schwarzarbeit

          Schon um seine Villa, die er am See bezog, gab es Knatsch. Das Kindermädchen für seine beiden Töchter hatte keine Arbeitsbewilligung. Und durfte mit Wissen der Regierung dennoch arbeiten. Der damalige Bürgermeister soll Hartmann versprochen haben, die Angelegenheit zu regeln. Irgendein Beamter stellte sich quer und hielt eine Arbeitsbewilligung für nicht berechtigt. Sie wurde abgelehnt. Der Direktor des Zürcher Schauspielhauses wurde wegen Schwarzarbeit zu einem Bußgeld verurteilt. Und Rita Fuhrer erklärt daraufhin in der „NZZ“ treuherzig, sie hätte auch bei weniger prominenten Delinquenten ein Einsehen mit den Kindermädchen gehabt.

          Hochgespielt wird diese Affäre erst jetzt – nachdem Matthias Hartmann mit einem Interview im „Tages-Anzeiger“ im Zorn von Zürich Abschied genommen hat. Seine letzten paar Vorgänger waren ausnahmslos entlassen worden. Er habe sich gerade noch rechtzeitig zum Abgang entschlossen, poltert Hartmann. Im „Intrigantensumpf“ an der Limmat wird gelogen wie nirgendwo sonst: Man blickt „in Rütli-Schwur-Augen und bekommt per Handschlag die Welt versprochen, und dann passiert das Gegenteil“. Ein Opfer antideutscher Ressentiments sei er geworden: „wie alle Deutschen in der Schweiz“.

          Er selber hat diese Ressentiments zumindest so erfolgreich geschürt wie jüngst der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück. Aber auch das kann nur am „Systemfehler“ (Hartmann) liegen: „In den letzten dreiundzwanzig Jahren gab es am Burgtheater zwei Intendanten, am Zürcher Schauspielhaus sieben. Ich verstehe nicht, warum die Zürcher aus dieser Schmach nichts lernen wollen.“ Wien ist tatsächlich die nächste Station des Matthias Hartmann. In Zürich werden sie ihn noch eine Zeit lang nicht vermissen. Und sein bulgarisches Kindermädchen kann er gleich an die Donau mitnehmen.

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