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Theater : Wolfsgeheul in Erlangen

  • -Aktualisiert am

Will keine „Wölfe”: Ralph Giordano Bild: dpa

Das Theater Erlangen will die „Wölfe“ inszenieren, ein U-Boot-Drama des NSDAP-Mitglieds Hans Rehberg. Jetzt befaßt sich der Stadtrat damit: Soll die Aufführung, wie von Ralph Giordano gefordert, verboten werden?

          Der Dramatiker Hans Rehberg lebte von 1901 bis 1963. Seine beste Zeit hatte er von 1930 bis 1943. Seine Stücke heißen unter anderen "Cecil Rhodes" (1930, Regie: Müthel), "Johannes Kepler" (1933), "Der große Kurfürst" (1934, Regie: Fehling), "Friedrich I." (Regie: Hilpert), "Friedrich Wilhelm I." (1936, Regie: Fehling) oder "Der siebenjährige Krieg" (1938, Regie: Gründgens). Sein Thema: die großen, einsamen, empfindsamen, tragischen aristokratischen Männer, hart gegen sich selber, aber dem großen Ganzen gegenüber eher "Balljungen des Schicksals". Geworfene, die den Wurf als etwas schrecklich Überpersönliches akzeptieren, erleiden, erdulden. Sozusagen in einem expressionistisch-existentialistischen Historismus. Stählern überwölbt allerdings vom "unerbittlichen Überzeitlichen". Hätte Gerhart Hauptmann keine Kleine-Leute-Dramen, sondern Große-Männer-Dramen geschrieben, wäre aus ihm eine Art Über-Rehberg geworden.

          Aber einen "Adolf Hitler" oder "Joseph Goebbels" oder ein "Tausendjähriges Reich" hat Rehberg nie geschrieben. Obgleich das NSDAP-Mitglied, das keine Nazi-Stücke verfaßte, aber ein Suhrkamp-Autor war (als Peter Suhrkamp den arisierten Fischer-Verlag übernahm und so die Suhrkamp-Kultur begründete), unter den Nazis wohlgelitten ward: eben wegen der starken, einsamen, tragischen, vor allem preußischen Supermänner. Einmal verstieg er sich - ähnlich wie Luise Rinser, die starken Männern noch viel mehr zugetan war - zu einer Hitler-Hymne (von Peter Suhrkamp gegengelesen). Rehbergs Stücke freilich kennt heute keiner mehr. Und es besteht kaum ein zwingender Grund, sie zu spielen. Starke Männer sind längst in schwache Komödien abgewandert. Vom Dramatiker Hans Rehberg bleibt allenfalls: Sohn Hans Michael, ein großer, herrlicher Nerven-Schauspieler.

          Ein Erfolg

          Jetzt kündigt das Theater Erlangen an, es wolle Rehbergs "Wölfe" aus dem Jahr 1943 wieder ausgraben. Nach allem, was man über es lesen kann (denn selber lesen kann man es nicht, es gibt keine Ausgabe davon): ein U-Boot-Fahrer-Drama mit den Geistern getöteter Matrosen, verzweifelten Frauen in der Heimat, unerbittlichem Schicksal und aussichtslosem Kampf bei unbedingtem Durchhaltewillen. Sozusagen "Drinnen vor der Tür", ein Kriegsstück mit Nachkriegsahnungen, ein Borchert avant la lettre. Könnte man sich vorstellen. Die Uraufführung war damals, 1943, in Breslau. Regie: Bernhard Minetti. In einer der Kommandanten-Hauptrollen: der flotte Bursche Dieter Borsche. Ein Erfolg. Goebbels verbot trotzdem die Aufführung für die Reichshauptstadt. Dem Propagandaminister war darin zuwenig Propaganda und zuviel Pessimismus enthalten.

          Warum das Theater Erlangen jetzt plötzlich auf U-Boot-Flair und die Eingeschlossenen im Eisenunterwassersarg steht, kann bis zur Premiere am 23. Oktober nur vermutet werden. Weniger könnte man wahrscheinlich von den armen Durchhalte-Schweinen dramaturgisch gereizt worden sein, die heute keinen U-Boot-Hund mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Mehr wahrscheinlich von der Sensationskoketterie mit einem "Nazi-Dramatiker", der kein Nazi-Dramatiker war. Man kann da als Theater, das sonst national nie auffällt, einmal so richtig auffällig mit Tabu- und Nichttabubruch spielen und einen Mut beweisen, der keiner ist. Prompt tut der bundesdeutsche Oberkorrektheitswächter Ralph Giordano, dessen erhobener Zeigefinger bekanntlich dauernd "Meine Ruhe ist hin" singt, dem kleinen kessen Theaterchen republikweit den Gefallen und attestiert ihm einen Supermut. Denn Giordano fordert nichts weniger als ein Verbot der Inszenierung. Diese stelle einen "Akt der Versöhnung mit den Tätern auf dem Rücken der Opfer" dar und zeige wieder einmal, daß "unser Volk mit seinem NS-Erbe nicht im reinen" sei. Als seien die "Wölfe" pures NS-Erbe und die Opfer, die Rehberg zeigt, nicht auch Opfer eines NS-Wahnsinns.

          Soviel Depression

          Wohingegen ebenso prompt der Theaterhistoriker Günther Rühle, der zu seinen Zeiten als Frankfurter Intendant Fassbinders antisemitisches "Müll"-Stück gegen den Protest der jüdischen Gemeinde durchzusetzen versuchte, sich für die Inszenierung ausspricht. In einem Interview mit der Tageszeitung "Die Welt" sagte Rühle, Rehberg sei der einzige Dramatiker der NS-Zeit, der diskutierbar sei und "möglicherweise einer Revision bedarf". Zwar gelte das Stück "Die Wölfe" als Durchhaltedrama, doch sei es in Wahrheit "ein Stück voller Trauer über die großen Verluste im U-Boot-Krieg". Er habe das Rehberg-Drama vor zwei Jahren gelesen und sei überrascht gewesen, "wie viel Depression da drinsteckt". Als hätten wir nicht schon genug Depression im Theater, und als wäre "Revision", diese Buchhalter-Sehnsucht, schon ein Wert an sich.

          Erlangens Oberbürgermeister Siegfried Balleis (CSU) will sich die Sache mit der Absetzung des Stücks überlegen; der Stadtrat ist damit befaßt. Als könne einfach die Politik der Theaterkunst in der Manier der Zeiten, aus denen das inkriminierte Stück stammt, zensurmäßig ins Handwerk pfuschen. Die Theaterkunst ist und bleibt frei. Allerdings auch so frei, nicht alles spielen zu müssen, was da so im Schleppnetz der Zeiten an alten, verfaulten Fischen herumhängt. Obwohl: Die jüngeren dramatischen Fische vom Jahrgang 2003, vor allem, wenn sie wie die allerjüngsten wieder so verdammt nach Kriegsspielstück und Durchhaltewillen im US-Dschungel stinken (F.A.Z. vom 5. Oktober), wirken keinesfalls frischer. Nur daß Ralph Giordano dagegen nicht protestiert.

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