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Theater : Wir trinken Tequila: „Hannelore Kohl“ im Theater

Die Kohls: Hans-Jürgen Moll und Sarka Vrastakova Bild: ddp

Endlich mal wieder was los im Bundesstädtchen: Wochen im voraus hatte Johann Kresniks Tanzstück „Hannelore Kohl“ in Bonn für Aufregung gesorgt. Doch der einzige Skandal dieser Aufführung lag in ihrer Harmlosigkeit.

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          Die Junge Union hatte eine Demonstration angekündigt, und der Intendant wollte den Teilnehmern Glühwein ausschenken, auf daß sie dem Theater auch innerlich gewärmt die Ehre des Skandals antun und schön bei der Stange bleiben an diesem naßkalten Bonner Vorweihnachtsabend.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Doch die empörungswilligen Nachwuchspolitiker ließen sich nicht blicken, und die aufgebockte Theke unter dem Vordach des Opernhauses blieb verwaist. Statt dessen lud die Junge Union zu einer „stillen Protestaktion“ in die „Tequila-Bar“ gleich hinter dem Musentempel ein, wo aus der Hannelore-Kohl-Biographie gelesen wurde. Was das Theater auch freute, denn dort, in der „Tequila-Bar“, so der Pressesprecher, „ist es sonst immer so leer“.

          Nein, dieses Problem kennt die Oper, zumindest an diesem Abend, nicht, schon zwei Wochen im voraus war die Aufführung mit Schlagzeilen geadelt worden. „Mehr als hundert Journalisten haben sich“, meldete der „General-Anzeiger“, „zur Uraufführung von Johann Kresniks Tanzstück ,Hannelore Kohl' angemeldet.“ Ein Berliner Weltblatt hatte kurz vor dem Termin sogar noch den Ballettkritiker gegen einen Politikredakteur ausgetauscht, um damit genau jenem Trugschluß aufzusitzen, dem der Choreograph so gerne frönt: daß Theater, nur weil es sich eine Person des öffentlichen Lebens „vorknöpft“, schon politisch sei.

          Eine „Schmutzkampagne“

          Kresnik aber frohlockte schon vorher, hatte ihm die lokale CDU doch auf die bloße Ankündigung eines Tanzstücks namens „Hannelore Kohl“ hin eine „Schmutzkampagne“ vorgeworfen: „Meine Stücke sind immer unbequem“, tönte der Choreograph; und: „Theater muß aggressiv werden, neue Formen und Bilder schaffen, um den Zuschauer wieder neugierig zu machen.“ Endlich mal wieder was los im Bundesstädtchen! Nur, die Pranke dafür hat das vermeintliche Enfant terrible nicht (mehr). Das Theater muß ja eigentlich gar nichts, hier aber darf oder kann es nicht, wie es müssen soll. Mehr als ein biederer Bilderbogen ist in „Hannelore Kohl“ nicht drin: Der einzige Skandal dieser Aufführung ist ihre Harmlosigkeit.

          „4. Juli 2001“: Die erste Szene zeigt Hannelore Kohls Tod. Im quittengelben Seidenpyjama steht sie barfuß vor einem Tisch voller Plastikbecher, verklebt Abschiedsbriefe und mischt sich, während neben ihr ein gelb-blauer Spielzeugfallschirmspringer langsam zu Boden geht, einen Gift-Cocktail. Noch im Selbstmord die patente Hausfrau, scheidet sie, sich qualvoll am Boden windend, aus dem Leben, das danach in Rückblenden aufgeblättert wird: Da wird die kleine Hannelore zunächst von den Eltern auf dem Küchentisch zurechtgeknetet, und als der Vater das Hemd auszieht, entrollt sich eine Fahne mit einem Hakenkreuz, das er auch auf der nackten Haut trägt. „Familienalbum“ oder Heiner Müller für Anfänger.

          Batterien von Nuckelflaschen

          Mehr Revue als Requiem. In zweiundzwanzig Szenen und knapp hundert Minuten rekapituliert Kresnik Stationen einer Biographie: Das „Trauma Krieg“ findet in einem brennenden Stahlhelm seinen Fokus, in der „Tanzstunde“ wirbeln die Petticoats zum Glenn-Miller-Sound, die „Karriereplanung“ ihres Partners läuft an, während die Wiederaufbaugeneration zu „Zwei kleine Italiener“ eine Bademodenschau zeigt, die Söhne Peter und Walter werden von der trillerpfeifenherrischen Mutter mit Batterien von Nuckelflaschen gesäugt, und die „Politiker-Strohwitwen“ halten die Stellung, bis Hannelore im blauen Kostüm zur First Lady wird - und doch nur Anhängsel ist.

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