https://www.faz.net/-gqz-rxio

Theater : Wir Geschändeten

  • -Aktualisiert am

Alexander Doering, Christina Drechsler und Thomas Niehaus (v.l.) in „Die Schändung” Bild: dpa

Zwei Dramatiker bringen die Welt fast zum Einsturz - doch auf der Bühne sehen wir nur: Sex, Blut und Gewalt. Warum sich das Theater nicht mit „dem Leben“ verwechseln darf: über zwei Aufführungen in Berlin.

          5 Min.

          Eigentlich passiert etwas Wunderbares: Zwei deutsche Dramatiker halten die Welt an - und bringen sie fast zum Einsturz. Die Sonne verschwindet nicht mehr vom Himmel - und auf der Greifswalder Straße in Berlin kommt es zu wahnsinnigen Szenen mit Hunden, Giraffen, Gemüsehändlern, silbernen Löffeln, Wölfinnen, Liebhaberinnen und neurotischen Sängern. Die Geschichte geht nicht weiter - und eine gegenwärtige Partygesellschaft stürzt ab, hinunter zu Shakespeares „Titus Andronicus“ und durchspielt die alten Greuel noch einmal.

          In zwei neuen deutschen Stücken, an einem Wochenende in Berlin zu erleben, wird dem Lauf des Kosmos Einhalt geboten. Der eine Dramatiker, Roland Schimmelpfennig, ist noch keine vierzig. Sein Drama „Auf der Greifswalder Straße“ ist im Deutschen Theater unter der Regie von Jürgen Gosch uraufgeführt worden. Der andere Dramatiker, Botho Strauß, ist knapp über sechzig. Seine „Schändung“, eine Bearbeitung und Fortdichtung Shakespeares, ist im letzten Herbst in Paris von Luc Bondy uraufgeführt und jetzt im Berliner Ensemble zur deutschen Erstaufführung gebracht worden. Zwei Dramatiker-Generationen: zwei Weltstürze.

          Unser aller Blut

          Aber wenn wir jetzt an beide Aufführungen zurückdenken, sehen wir vor allem: rot. Rot wie Blut. Es scheint unaufhörlich zu fließen, spritzen, sprühen. Als habe das Theater unseren Augen einen schmutzigen, schlierigen, gallertartigen Verband auferlegt. Theaterblut zwar, aber Theaterblut meint so gut Blut, wie ein Theatertoter unser aller Tod meint, wenn er auf der Bühne liegt und es ihm ernst ist. So daß also auch unser Blut vergossen wird. Aber dann müßte dieses Blut da droben auch mit uns zu tun haben.

          Blutorgie: Kathrin Wehlisch in „Auf der Greifswalder Straße”

          Hier ist es so, als habe das Theater uns zwangsweise auf einen Kriegs- oder Katastrophenverbandsplatz beordert, wo lauter fremde, private Adern ihre Säfte ausspeien. Und wir sehen: Fahles. Fahl wie Fleischfarben. Theaterfleisch zwar, aber Theaterfleisch meint so gut das Leben, wie ein Theatermensch uns alle meint, wenn er auf der Bühne steht und es ihm ernst ist. So daß auch unsere Haut zu Markte getragen wird. Aber dann müßte diese Haut da droben auch mit uns zu tun haben.

          Blutgelüst und Rammelei

          Hier ist es so, als habe das Theater uns zwangsweise in eine Unisex-Umkleidekabine verbannt, wo wir einer Menge von unterschiedlichst präsentierten Pimmeln, Brüsten, Vulven, Schamhaaren fremder Leute, zufällig von Beruf Schauspieler, und einer noch größeren Menge von unterschiedlichster Unterwäsche konfrontiert sind (deren etwas biederer Baumwollanteil im Deutschen Theater freilich höher als im Berliner Ensemble zu sein scheint, wo man offenbar eher zu Satin tendiert). Wenn zwei deutsche Dramatiker toll und kühn die Welt anhalten und den Kosmos einstürzen, denken die deutschen Theater in ihrer Gratis-Kühnheit an ein bißchen Blutgelüst, ein bißchen Rammelei. Als hocke Mephisto überall als schon etwas angegrauter Chefdramaturg herum und komme nie über die Walpurgisnacht hinweg, in der wieder und immer wieder die Sau rausgelassen wird, die längst durch alle Dörfer gejagt ist.

          Weitere Themen

          Im Reich der Phantasie

          Clemens Brentano : Im Reich der Phantasie

          Mit Märchen und Liedern wollte sich Clemens Brentano weiterentwickeln: In „Gockel, Hinkel, Gakeleia“ hat der Frankfurter Kaufmannssohn das verschlungene Erzählen aus der Tradition arabischer Blütenornamentik auf die Spitze getrieben.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.