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Theater : Warum singt Herr Video Schubert?

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Aus den Waben fallen Sprechblasen auf Herrn R. hinunter Bild: Alexander Paul Englert

„Warum läuft Herr R. Amok“ war 1970 ein großer Film von Rainer Werner Fassbinder über soziale Kälte und Einsamkeit. 2003 wird im Schauspiel Frankfurt daraus ein todschickes belangloses Theaterstück in der Regie von Michael Thalheimer.

          Am Ende von Rainer Werner Fassbinders Film "Warum läuft Herr R. Amok" - damals, 1970 - ergreift Herr R. einen Kerzenständer und erschlägt ganz ruhig drei freundliche Menschen: eine Nachbarin, seine Frau und seinen kleinen Sohn. Dann geht er zur Arbeit in sein Büro und erhängt sich dort in der Toilette. Die letzte Einstellung: Herr R. baumelt im Anzug und mit Krawatte vor einem butzenscheibenbunten Fenster über der Kloschüssel. Und der Schauspieler Kurt Raab, von dem Herr R. sein Initial hat, wirkte wie eine große, blasse, aufgedunsene teigige Larve, die alles Leben, das aus ihr hätte schlüpfen können, in sich verklumpt und verfrostet hatte. Als sei Herr R. mitten in der Gesellschaftsluft um ihn herum einfach erfroren. Und alle Farben des Films waren ausgeglüht, verfranst und erkaltet wie unter grellem Nordpoläquatorlicht. So begann im Kino damals die Eiszeit. Man sah einer Wirklichkeit ins Gesicht.

          Am Ende der "Uraufführung" der Theaterfassung des alten Films (apropos: gibt's eigentlich keine neuen Stücke mehr?) im Schauspiel Frankfurt - heute, 2003 - gibt es keinen Kerzenständer. Herr R. zieht einfach sein Sakko aus. Dann faltet er Hemd und Krawatte sorgfältig zusammen. Hierauf zieht er im Unterhemd ein paar Schnuten und zeigt Zunge - was er den ganzen Abend über in Gestalt seines hie und da groß auf die Bühnenhinterwand projizierten Video-Gesichts schon geübt hatte. Sodann singt er, statt sich zu erhängen oder jemanden zu erschlagen, im Playback-Verfahren die Nummer siebzehn aus der "Winterreise" von Schubert: "Es bellen die Hunde, es rasseln die Ketten" und "Ich bin zu Ende mit allen Träumen - was will ich unter den Schläfern säumen?". Und das Klavier grollt dazu aus dem Off in unerlöst tremolierenden Harmonien. Außer Schubert nichts gewesen. Tod, Not und Amok sind gestrichen. Sie sind nur noch eine sentimentale Tonspur. So feiert man im Schauspiel Frankfurt die Softeiszeit: Man schleckt an Zitaten herum. Das Medium Theater sagt hier wieder einmal, die Medien hätten die Figuren, hier eben Herrn R., geschluckt, der Mensch sei nur noch ein Bild, das Leben ein Zitat, das Subjekt eine Projektion. Das gute alte kulturkritische Blabla wird hier wieder mal belichtet, als sei's ein neues Dia. Was aber sagt das Haus zu diesem ganzen Subjektverschluckungselend? Es macht mit. Und läßt Herrn Video sogar noch Schubert singen. Hübsch schizophren habt ihr's hier. . .

          Nachbarin, Sohn und Frau müssen nun also genauso vervielfältigt und verschluckt weiterleben wie Herr R. Und der liebenswürdige Schauspieler Peter Moltzen wirkt als Herr R. wie ein blühendes Video-Honigkuchenpferd, das den nur achtzig Minuten kurzen Abend lang mit dem Rücken zu sechs todschicken bühnenhohen loftartigen Waben steht oder sitzt, aus denen es kein Elend, keine Not, keine Wut, sondern allenfalls eine gewisse amüsiert grienende Genervtheit zu saugen scheint. Denn in die todschicken Loft-Waben treten todschick kostümierte Leute, in sanftem Licht silhouettiert: die Frau, die Nachbarin, der Chef, die Arbeitskollegen, die Eltern. Mannequinhafte Puppen, die in die Szene oder aus ihr treten wie Wetterhäuschenfiguren, künstlich und kühl und superverschluckt. Diese Leute tun nicht weh. Sie tun gar nichts, außer daß zwischen Spiel- und Standbein Text abgespult und viel geraucht wird. Man hält sich an keinem Schicksal, keinen Konflikten, man hält sich an Zigaretten fest.

          Aus den Waben, die Olaf Altmann gebaut hat, fallen neben den vielen Rauchschwaden viele Sprechblasen auf Herrn R. hinunter. Und ein paar Zentimeter über ihm zerplatzen sie und treffen ihn nicht. Nur: was geht es ihn (und uns) dann an? Und wenn er selber spricht, im Schallplattenladen nach einer bestimmten Schlagermusik ("Geh nicht vorbei!" von Christian Anders) sucht, dann wird daraus, da Moltzen nicht die Plattenverkäuferin, sondern das Publikum anmacht, eine kleine bunte Kicher-Nummer - keine Szene aus Sehn-, Kitsch-, Liebessucht und großer Sprachnot. Hier flutscht alles ohne Not. Wenn es nicht in Rauch aufgeht.

          Bei Fassbinder spinnt und speichelt die Sprache Herrn R. am Arbeitsplatz, im Wohnzimmer, in der Kneipe, in der Küche und im Park mit plattem, purem Alltagsgeschwätz ein, das im Film genauso quälend lange dauert wie im Alltag. Bis der gigantische Banal-Kokon aus Schallplattenkauf, Autoreparaturdebatten, Beförderungswünschen, Brüderschaftstrinken bei Betriebsfeiern, Weihnachtsgeldgezerf' und seligen Erinnerungen an Jugendzeiten inklusive Gottesdienst- und Meßdienerabenteuer alles Leben erstickt. Fassbinder zeigt die Seele auf der Haut: im Angstschweiß getrocknet.

          Bei Michael Thalheimer, dem vielbeschäftigten Regisseur, der Stücke so lange abkocht, abfieselt und ausdünnt, bis er sie restlos in der Hand hat: nämlich als Skelette oder Präparate, und der deshalb die Anatomie mit dem Leben verwechselt, weshalb er seinen Figuren nie einen Tod oder ein Schicksal, nur Skelett-Geklapper gönnt, was manchmal intelligent, oft brutal, oft aber auch nur apart wirkt, aber gerade große Mode ist - bei Thalheimer also wirkt die skelettüberspannende Außenhaut des Herrn R. nur noch wie eine komische Leinwand, auf die Worte geworfen werden wie Pappebällchen. Bei Fassbinder dringen Worte ein und arbeiten unter der Haut. Bei Thalheimer prallen sie ab: Herr R., ein Trampolinmensch.

          Fassbinder hat einen wütenden Film gemacht, damals, 1970. Und eine Gesellschaft gezeigt, einen genauen sozialen Ort benannt, eine Welt umrissen, die von einem Tag auf den anderen in Trümmern liegt. Thalheimer beruhigt 2003 die Wut, vermeidet jeden sozialen Ort, verlegt die Welt ins Bühnenbild und läßt Herrn R. nicht mehr Amok laufen, sondern Schubert singen. Nur: Wenn so viel zwischen Fassbinder und Thalheimer liegt - wieso muß das dann überhaupt sein? Hätte man das Regiehonorar nicht besser investieren können? Zum Beispiel in einen Liederabend?

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