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Theater : Wann Se net bezahle, da werd nix vabummt

Der Springer-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner (links) und „Focus“-Herausgeber Helmut Markwort proben im Staatstheater. Bild: dpa

Darmstadt feiert im zweihundertsten Geburtstagsjahr von Ernst Elias Niebergall den „Datterich“ – mit äußerst prominenter Besetzung.

          Skandal in Darmstadt. Eine Theateraufführung wird gestört. Lauthals, mit Megaphon und antikem Chor. Junge Menschen in weißen Gewändern und goldenen Helmen verschaffen sich unter Protest des Publikums Eingang ins Große Haus des Staatstheaters, skandieren, auf Kothurnen stehend, Sätze wie „Ihr dürft den Datterich nicht spielen“, rufen irgendetwas von Schulden, wahrscheinlich haben sie David Graeber gelesen, und brüllen erregt aus dem Handgemenge mit Zuschauern heraus: „Enteignet Springer!“

          Auf der Bühne gibt eine Laienspielgruppe, was sie angeblich nicht soll spielen dürfen, die Darmstädter Mundartkomödie „Der Datterich“ von Ernst Elias Niebergall. Die handelt, 1841 entstanden, zwar nicht von einem Opfer systemrelevanter Banken oder Hedgefonds – „Bezahle, wann mer Geld hat, des is kah Kunst: awwer bezahle, wann mer kahns hat. . .“ –, sondern von einem Schnorrer, Säufer und Siwwesortelump. Und sie handelt trotz ein paar in den Sprechtext hineinaktualisierter Nebenbemerkungen über heutige Griechen auch mehr von der damaligen Türkengefahr: „Mir erläwe’s net, awwer sie wern sähe, daß ich recht hob: in fufzig Johr sinn mer all Derke!“ - „Der Deiwel, do derfe mer ja kahn Wei mehr drinke!“

          „Isch dausch mit kaam Kurferscht“

          Doch der Tiefsinn des medienkritischen Siebensortenphilosophen Niebergall – selbst übrigens bei seinem Tod 1843 in der dreifachen Höhe seines Lehrerjahressalärs überschuldet – entgeht den Protestierern. Niebergall lässt seine Figuren, voran den Drehermeister Dummbach, unter dem Einfluss von Zeitungslektüre Sätze sagen, die mehr logische Fehler als Hauptworte enthalten. Die krawallige Happening-Truppe, als die sie sich herausstellt, die auf dem Darmstädter Datterich-Festival auch genehmigte Auftritte gibt, hat nur eine Volltextsuche unternommen: wo von Schulden die Rede ist, muss es um den Kapitalismus gehen. „Gott, wos gehn die Limmel mit dem scheene Gedicht um!“ hätte der Datterich gesagt.

          Das Liebhaberensemble seinerseits geht sehr ordentlich mit dem schönen Lustspiel vom überschlauen Trinker und eigennützigen Heiratsvermittler um. Die Prominenz hat ihre Hausaufgaben gemacht. „Focus“-Gründer Helmut Markwort, der den Dummbach gibt, ist als Rampensau (Jedermann, My Fair Lady, The King’s Speech) wohlbekannt. Heinz Holzhauer, ebenfalls seit mehr als siebzig Jahren Darmstädter von Beruf, Rechtsprofessor im Ruhestand und Schulfreund Markworts, spielt den Titelhelden – „Isch dausch mit kaam Kurferscht“ - dialektfest.

          Sehr solide, mimisch wie im Akzent, die Leistung von Mathias Döpfner, auch er aus der Verlagsbranche, der als Bennelbächer das berühmte darmstädterische „wahrscheinlich“ auszusprechen hat: „Ehr wie net“ (Eher als nicht). Hochkomisch die (freiwillige?) Geste Uwe Wesps als Schneider Steifschächter: Der ehemalige ZDF-Meteorologe, der ein Leben lang mit dem Rücken zur Wetterkarte stehen musste, spielt hier komplett mit dem Rücken zum Publikum, weil jemand den Stuhl in Datterichs Mansarde halt so hingestellt hat und Wetterfrösche nichts an Requisiten ändern. Als halbblinder, klobiger Schuster Bengler muss Frank Lehmann, einst Börsenmoderator vom Hessischen Rundfunk, ein bisschen oft sagen, er werde die Außenstände des Datterich mit dem Prügel quittieren. Häufiger sind nur noch die Anspielungen aufs Darmstädter Fußballwunder.

          Guter Ruf gründet auf Trägheit und Kleinmut

          Doch auch Lehmann kommt mit der seltsamen Aufgabe zurecht, die Niebergall den Schauspielern stellt: Fast keine Figur ist sympathisch, die Biedermeier-Gemeinschaft hat Datterich in puncto Verstand nichts und auch sonst wenig voraus als ihren Besitz, und selbst Lisette, das Kellnermädchen, ewig jung: Inge Kelle bringt ziemlich viel unnötige Häme auf, wenn dem Zechpreller anderes als Wein eingeschenkt wird. Ernst Blochs Hinweis, man müsse die letzten Worte des Stücks – „Schadd, daß Ahns beim Hochzeitsschmaus fehle muß“ – „Ich wißt nit. Wer?“ – „De Datterich“ – richtig hören, um zu wissen, wie es zu inszenieren sei, hätte vielleicht noch mehr beachtet werden können. Denn der Datterich und sein Schatten Spirwes, sehr trocken Frank Sabais, „erfreie sich eines iwwele Rufs“ in einer Gemeinschaft, deren guter mehr auf Trägheit und Kleinmut gründet als auf Tugend.

          Variantenreich ist hier nur einer, weil er der im Dialekt jederzeit möglichen Schlagfertigkeit wirklich bedarf. Datterich hat keinen Charakter, er ist der Schauspieler im Schauspiel, der weder mit dem bezahlt, was er tut, noch mit dem, was er ist – er zahlt überhaupt nicht. Was den Bürgern Gewohnheit – das Herumsitzen bei Karten, Wein und Selbstlob – ist sein tägliches Pensum, weil ihm die Mittel fehlen, auch nur ein gewöhnliches Leben zu führen. Ihm wird nichts geschenkt und nichts geliehen („vabummt“). Er hat nichts als seine Rhetorik („aurora musis amica, des haaßt uf Deitsch: Morjends schläft mer am Beste“), sein Personengespür („Den kennt mer vielleicht melke“) und seine Unzuverlässigkeit: Lisette spricht von seinen „graue Katzenaage“. So abgründig konnten die Laien es nicht spielen, aber eine Ahnung davon, dass es so abgründig ist, bekam man schon.

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