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Theater : Wahnsinn Wallenstein

  • -Aktualisiert am

Irrsinnsstudie eines herrschenden Subjekts: Brandauer als „Wallenstein” Bild: ddp

Peter Stein ist es geglückt: Er hat Schillers „Wallenstein“ mit Klaus Maria Brandauer in der Titelrolle ungekürzt auf die Bühne gebracht - und dabei gleich für ein großes Theaterereignis gesorgt. Von Gerhard Stadelmaier.

          8 Min.

          Es ist eine alte deutsche Geschichte, verdichtet. Am Anfang ein bisschen Würfelspiel, Gemüsesuppenkochen, Stammtischgequatsche, Busengegrapsche, Liedergebrüll, Muskelspielerei und Rauferei (in Knittelversen). Am Ende eine Welt, in den Abgrund gerissen (in Jamben). Dazwischen ein ewiger Krieg, dem „Friede“ ein zynisches Fremdwort ist. Außerdem Verrat, Intrigen, Rebellion, Verstellung, Täuschung, Größenwahn, Selbstmorde, Morde und eine aussichtslose Liebe, zerrieben zwischen Staatsaktionsmühlensteinen. Das ist die Weltzeit zwischen „Wallensteins Lager“ und „Wallensteins Tod“, dazwischen „Die Piccolomini“. Sie dauert in der Berliner Kindl-Halle, draußen in Neukölln, wo das Berliner Ensemble dem Regisseur Peter Stein eine Spielstätte hergerichtet hat, etwas über zehn Stunden. Eingeläutet wird sie von einem Gespenst.

          Der Schauspieler Walter Schmidinger, mimischer Inbegriff aller Glockenschicksale, denen es immer nur dreizehn schlägt, schlurft in schwarzem Anzug zur Rampe, ergreift zitternd ein paar Blatt auf einem Notenständer und trägt Schillers Prolog zum „Wallenstein“ vor, zitternd, bebend, ein emeritierter Clownsprofessor, bitterernst um Vers und Worte ringend, als gehe es für ihn sofort um Leben oder Tod, als gebe es nichts Ungeheures, Irrsinnigeres als der „scherzenden, der ernsten Maske Spiel“, als die „Hoffnung, die wir lang gehegt“, als den „großen Gegenstand“, der nur vermag, „den tiefen Grund der Menschheit aufzuregen“, und die Kunst, die sich des großen, des verwegenen, des verbrecherischen, weltstürzenden Gegenstands würdig erweisen müsse, Wallensteins, des „Lagers Abgott und der Länder Geißel“, seiner „unbezähmten Ehrsucht“, seines verrückten Charakterbilds, seines verzerrten Schattenbilds, das die Geschichte wirft und das die Bühne wieder „in des Lebens Drang“ zurückzuprojizieren hätte. Und Schmidinger rutscht mit Stimme und Mimik nervenquälend entlang am Abgrund des Hirnrisses zwischen den großen, wüsten historischen Geistern, die er zu rufen scheint, und deren Abbildmöglichkeiten auf der Bühne. Hätte er „Wahnsinn!“ geschrien am Ende und nicht „Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst“ hervorgekeucht, man hätte es ihm abgenommen.

          Klug bewegtes Gewimmel

          Aber dann das Spiel. Am Anfang: ein Bilderbogen. „Wallensteins Lager“. Belebtes Genre-Album, historische Abteilung. Miniaturmalerei mit großem Pinsel. Der Bühnenbildner Ferdinand Wögerbauer hat über zehn Zentimetern Kunstschnee (es ist Winter, das Jahr ist 1634, der Krieg dauert schon sechzehn Jahr') drei saubere Riesenzelte errichtet, eines links, eines rechts, jeweils längs, in der Mitten eines quer. Eine Bildsymmetrie, durch die Pluderhosen mit Säbeln und Stiefeln und Wamse und Spitzenkragen und breite Hüte mit hochgeschlagenem vorderem Rand wuseln in den Farben aller möglichen Regimenter und Waffengattungen des Dreißigjährigen Krieges. Zwischen den Pluderhosen und Hüten stecken wahlweise Chargen oder Statisten, die Arkebusiere, Scharfschützen, Jäger, Kroaten und Rekruten bilden, klug bewegtes Gewimmel, und dann und wann ein Papphelm.

          Wallenstein: Ein Wohltäter oder ein Verräter?

          Es geht hin und her: dem Kaiser treu sein oder dem Feldherrn Wallenstein? Wallenstein ist nicht anwesend. Vorgesetzte sind hier überhaupt nicht vorgesehen, höher als bis zum Wachtmeister bringt es das „Lager“ nicht. Wallensteins, des Feldherrn Bild wird nur von erhitzten Gehirnen gemalt. Ein Wohltäter? Ein Verräter? Mit ihm zum Teufel gehen? Ohne ihn sich vom Kaiser verheizen lassen? Eid brechen? Mit dem Feind paktieren? Den Kopf riskieren? Lauter Fragen, die vom Unterbau gestellt, vom Oberbau aber verhandelt werden. Der schnurrbartwischenden Gemütlichkeit halber wären diese Fragen hier eher rhetorischer, spielerischer, fast zigarettenbildhaft niedlicher Natur. Der Krieg als Idylle.

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