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Theater-Vorschau 2013/2014 : Ein Weltkrieg ist für alle da

  • -Aktualisiert am

Ein Beitrag zum Bildprogramm im Schauspielhaus Dresden: der Maler Luc Tuymans im April bei der Arbeit an dem Wandbild „Technicolour“. Auf dem Spielplan des Kleinen Hauses stehen indes das Demenz-Projekt „Weiße Flecken“ und das Einwohner-Projekt „Odyssee“ Bild: dpa

Die Bühnen werden in mageren Zeiten zwar episch fett, was sie mit Hungerkuren in Problemzonen aber wieder ausgleichen. Neue Dramatik? Fehlanzeige.

          Es komme jetzt häufig vor, so die Vertreterin eines großen deutschen Theaterverlages, dass die Dramaturgen auf sie zukämen und nun nicht um ein neues dramatisches Werk bäten. Sondern um einen Film oder Roman: Ob der Verlag ihnen nicht die Rechte daran besorgen könne, damit sie den Stoff bearbeiten könnten? So verkommt der Theaterverlag in dem Maße zur reinen Agentur, in dem die Theater episch verfetten. Aber dramatisch abmagern. Das Nachsehen hat der Stückeschreiber.

          Er wird förmlich zermahlen. Zwischen zwei Seuchenmühlsteinen. Seit vielen Spielzeiten schon. Einerseits zwischen der Bearbeiteritis, andererseits der Projekteritis der Theater. In Bremen zum Beispiel. Das dortige Theater kündigt „Herkunft“ an, naturgemäß „nach“ dem Roman von Oskar Roehler, einer biographischen Spurensuche in der „enthemmten Atmosphäre der 68er“. Zugleich werden reale Bremer Obdachlose, Straßenmusiker, Prostituierte, Polizisten und Drogendealer im Rahmen einer „Straßenoper“ im Kleinen Haus Auskunft über ihre „alltäglichen Aufführungen“ geben und wie es ihnen so geht dort draußen am Bahnhof und auf dem Strich.

          Florian Illies' Bestseller als Drama

          Abgesehen davon, dass man in Bremen auch in „Interviews mit Seniorinnen und Senioren“ nachfragen will, „was das Leben eigentlich lebenswert macht“ und „nach“ dem Roman „Schimmernder Dunst über Coby County“ von Leif Randt das Leben eines Literaturagenten „als Film oder Videospiel“ durchstreifen möchte, kommt neben den „Zehn Geboten“, naturgemäß „nach“ den Filmen von Krzysztof Kieslowski, dem „Kirschgarten“, dem „Faust“ und „Maria Stuart“ nur noch eine Elfriede-Jelinek-Textfläche namens „Tod-Krank.Doc“ als dramatisch Neues zur Uraufführung: Darin „gräbt man im Innersten, in dem, was darin, darunter liegt. Im Blutkuchen. Im Untergrund“.

          Und während sie in Oberhausen schon das jüngst erschienene „1913“-Bestseller-Sachbuch von Florian Illies auf die Bühne wuchten wollen, flankiert von dem Stalking-Roman „Angst“ des „Spiegel“-Manns Dirk Kurbjuweit (nachbearbeitet in Heilbronn zusammen mit Kurbjuweits Jungen-Freundschaft-Roman „Zweier ohne“), dem sie den „Gartenhaus“-Roman von Thomas Hürlimann hinterherschicken, setzt man in Braunschweig in einem „NSU-Projekt“ Beate Z. und ihre zwei Nazi-Untergrund-Uwes auf eine Couch im Zwickauer Wohnzimmer, um dem rechten Terror auf die Schliche zu kommen. Dieser Terror aus dem Untergrund kommt im Münchner Residenztheater (wo sie übrigens Célines „Reise ans Ende der Nacht“-Roman in Castorfs Regie bearbeiten) unterm Titel „Urteile“ zu den Ehren eines „dokumentarischen Projekts über die NSU-Opfer“. Das Staatstheater Karlsruhe will sich dagegen „zusammen mit der Bundesanwaltschaft“ in Sachen NSU einem „unfassbaren Problem nähern“.

          Der weiße Wolf und seine braunen Schafe im tabufreien Deutschland

          Immerhin lässt das Schauspiel Frankfurt den Dramaturgen Lothar Kittstein ein richtiges NSU-Drama schreiben, „Der weiße Wolf“, in dem eine „Reise in die Untiefen der deutschen Gesellschaft“ unternommen werden soll, in eine „Nation ohne Nationalismus“, in welcher der NSU eigentlich nicht vorgesehen sei, aber „auf eine Sehnsucht nach Identität, Heimat und nach dem Schwertstreich verweist, der den Knoten unentwirrbar verworrener Verhältnisse durchschlägt“. Aber, so die Frage im Frankfurter Saisonprospekt: Sei der rechte Terror nicht die Kehrseite der linken Sehnsucht nach dem „kommenden Aufstand“, der „allgemeinen Empörung“ - beides aber Ausdruck von „Unterströmungen im liberalisierten, tabufreien Deutschland“?

          Nimmt man das Schauspiel Dresden mit seinem Projekt über Demenz („Weiße Flecken“) oder seinem Projekt über Dresdner, die regiehonorarunterstützt erzählen, wie sie („Odyssee“) „in der Welt herumgekommen sind“; oder das Schauspiel Hannover, wo sie ein „Trainingslager“ mit „Reden in der Demokratie“ abhalten; oder Osnabrück, wo Jugendliche einfach „sich selbst“ darstellen; oder Aachen, wo „Alt und Jung aus verschiedenen Kulturen“ sich im Projekt „Erkennen lernen“; oder wiederum Karlsruhe, wo ehemalige Profis des KSC über „Das Leben nach dem Spiel“ in einem „dokufiktionalen Theaterprojekt“ plaudern - dann findet man es nicht mehr so absonderlich, dass sie in Heilbronn auf den Erfolgsfilm „Ziemlich beste Freunde“ in Sachen „Menschen mit Behinderung und ihre Helfer“ anspringen beziehungsweise auf dem Rollstuhltrittbrett mitfahren möchten.

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