https://www.faz.net/-gqz-pmdc

Theater : Verdammter Faust

  • -Aktualisiert am

Das nackte Ego: Ingo Hülsmann als Faust Bild: AP

In Michael Thalheimers „Faust“ am Deutschen Theater in Berlin sehen wir die nationale deutsche Beispielfigur klarer denn je. Er gibt dem Faust furios und aufregend das, was andere ihm bisher verweigern: die Ursubstanz.

          5 Min.

          Gott ist gestrichen. Es gibt hier keinen Himmel. Der Teufel ist demnach auch gestrichen. Denn wenn die ganze Welt schon die Hölle ist, hat jeder schwefelstankumflorte Pferdefuß seinen Verführungswitz verloren. Mephisto ist nur noch ein hudelnder, knittelnder Stichwortgeber im grünen Schlabberpullover. Mit dem Pferdefuß legt er leider auch rasend plappernd alle Versfüße beiseite.

          Von ihm ist nichts zu verstehen: außer eben Stichworten. Der Weg "vom Himmel durch die Welt zur Hölle", den Goethe seine "Faust"-Dichtung gehen sah, wird hier nicht zurückgelegt. Kein dramatisches Weltgedicht. Man sieht hier nur einen dramatischen Weltzustand. Die Welt: kahlgefressen, abgefieselt, reduziert bis auf die Knochen. Es sind schon noch Goethes Knochen. Aber mit diesen scheint hier ein kalt-zynischer, überhaupt keinen Clownsspaß mehr verstehender Beckett nach der großen, dunklen Verzweiflungsspeckseite zu werfen.

          Endspiel vorm Riesenzylinder

          Aus der Verzweiflungsspeckseite hat der Bühnenbildner Olaf Altmann einen unendlich langsam sich drehenden schwarzen Zylinder gemacht. Vor dem Riesenzylinder, der die ganze Bühne einnimmt und so die Bühne allen und allem verschließt, spielen drei Menschen, vom Zylinder wie an die Rampe gequetscht, ihr Endspiel: wie in einem seltsamen Bunker. Heinrich Faust. Mephisto. Gretchen. Ein Dreieck. Mehr bleibt vom Drama nicht übrig. Nach dem Ende aller Welt. Zum Leben Verdammte, in einer Art völlig entleerter Weltreichskanzlei. Über dem Abend steht "Faust. Der Tragödie erster Teil". Es könnte auch stehen: "Der Untergang".

          Das Problem aller "Faust"-Inszenierungen besteht ja darin, daß deren Titelgestalt, auf deren ewige Modernität wir merkwürdigerweise so viel geben, doch in Wahrheit ein Papiertiger aus dem Mythenarchiv des Mittelalters ist. Faust könnte ja schon längst wissen, was nicht zu wissen er so lautstark beklagt, nämlich "was die Welt im Innersten zusammenhält". Er müßte es nur denken wollen. Denn alle Welterkenntnis ist subjektiv. Selbst noch der objektivste Weltbeobachter verändert subjektiv die beobachtete Welt. Einstein und Heisenberg wußten dies, unsere unfaustischen Fauste.

          Hülsmanns Faust und Sven Lehmann als Mephisto (l.)
          Hülsmanns Faust und Sven Lehmann als Mephisto (l.) : Bild: AP

          Grenzenlos egoistisch

          Goethes Faust hat sich mit seinem "innersten Zusammenhalt" längst erledigt. Den Sprung zum Subjekt hin mag er nie tun, verhält sich aber grenzenlos egoistisch. Für eine kurze, endliche, lächerlich egoistische Pseudowahrheit, für ein kleines Gefühlchen, eine Momentverlängerung, den vielzitierten Augenblick, der doch verweilen möge, weil er so schön sei, würde Faust in die Hölle fahren. Um für immer alles zu verlieren, würde er ein kleines bißchen was gewinnen wollen. Wie blöde muß man eigentlich noch sein, um als nationale deutsche Beispielfigur Karriere zu machen? Alles wissen zu wollen und das dann für fünf Gefühlsteufelspfennige aufs Spiel zu setzen - darüber hat schon Nietzsche, anders als Faust ein Welten-Selbstbildner von Graden, herzlich verächtlich lachen müssen. Faust - keine Gestalt. Eine Leerstelle.

          Weitere Themen

          Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

          Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

          Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

          Hamlet der Graue

          Ian McKellen gibt Shakespeare : Hamlet der Graue

          Nach fünfzig Jahren Pause spielt Ian McKellen wieder den jungen Prinzen. Bei seiner letzten Darbietung als Hamlet war der damals noch junge Mann überfordert, heute ist er zweiundachtzig und bereit.

          Topmeldungen

          „Impfen ohne Anmeldung“: Mit niederschwelligen Angeboten (wie hier vor dem Kongresshaus in Salzburg)  versucht Österreich, die Impfquote zu erhöhen.

          Impfen im Europa-Vergleich : Impfmuffel und Impfwillige

          In ostmitteleuropäischen Ländern wie Österreich, Ungarn, der Slowakei und der Tschechischen Republik versuchen die Regierungen verzweifelt, die Impfquote zu erhöhen. Dagegen fehlt in Spanien und Portugal der Impfstoff.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.