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Theater : Verdammter Faust

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Das macht, daß man in "Faust"-Inszenierungen durch die Jahrzehnte fast nie einen Faust zu sehen bekam, sondern: Behauptungen über eine Leerstelle. Zum Beispiel über Faust, den Kapitalisten (1977, Peymann); Faust, den Studienrat (1980, Hollmann); Faust, den philologischen Bariton (2000, Stein); Faust, den Fixer (1990, Engel); Faust, den frustrierten C-4-Professor (1987, Dorn); Faust, den Psychopathen (1990, Kirchner). Und so fort. Faust: ein Rahmen. Für Füller.

Der nackte Mensch

Jetzt, vielleicht zum ersten Mal, steht auf der Bühne zu allgemeiner Verblüffung: Faust ohne Füllung. Der nackte Mensch. Die wahre Leerstelle. Ein Rahmen aus Blut, Nerven und blankem Seelenfleisch. Ingo Hülsmann steht minutenlang da in Hemd und Hose, guckt erstaunt ins Licht, setzt, "Habe nun, ach", sein Wissen und Nichtwissen und Streben und Begehren in eine von Gott und der Welt und von allem Sinn verlassene Welt. Lauter Phantasmen. Wahngebilde. Verrücktheiten. Die ihm schwer auf Hirn und Seele liegen. Wie der Erdgeist, den er sich herbeiredet.

Die "Sterne weit" und die "Himmlischen" hält er auf Armeslänge von sich: als wäre er eine lebende Statue, allein gelassen, ein Materienbündel. Es leidet ganz entschieden: an nichts als an sich selber. Gott bleibt aus dem Spiel. Und Mephisto, von Pudel keine Spur, kommt aufs Stichwort "Sinn" von links hereingeschlendert. Nur, um der Sinnenleere die Grimassenkrone aufzusetzen. "Ach wäre ich nie geboren" ist der Schlüsselsatz dieser Inszenierung. Hülsmann spielt das, als käme sein Faust direkt aus Becketts "Warten auf Godot", wo es heißt, der Mensch werde "rittlings über Gräbern" geboren.

Wie unter Peitschenhieben

Hülsmanns Faust, groß, hochfahrend, fiebrig, bis hin zu Tränen erschüttert, krümmt sich unter allem, was jenseits des Lebensgrabesrandes an Katastrophen auf ihn zukommt, wie unter Peitschenhieben. Das heißt: was er sich ausmalt, daß es auf ihn zukomme - Weiber, Genuß, Macht, Gier, Geld, Wissen. Ein Ausgesetzter, Unbehauster, ein mal herrisches, mal bittendes Kind.

Ein Diktator, der im Befehlsgebell à la Hitler die Welt und den Teufel zu sich zitiert, um alles zu wollen und genau zu wissen, daß da längst nichts mehr zu holen ist. Außer gigantischen Verbrechen. Denn Faust ist, wenn er denn sonst nichts ist, ein Krimineller im großen Stil. Das Idol der Geistesdeutschen wird im Verlauf der beiden Tragödienteile schon bei Goethe zum Mörder, Giftmischer, Falschmünzer, Räuber, Brandstifter. (Was kaum einer so genau wissen will.) Eine schmutzige, wahnwitzige Figur auf einer Vers-Raserei durch die kleine und große Welt.

Grandiose Todestänzerin

Der Regisseur Michael Thalheimer, der schon mal aus Liliom einen brutal brüllenden Schläger, aus Leonce und Lena sabbernde Deppen, aus Woyzeck einen Amokläufer, dafür aus Fassbinders amoklaufendem Herrn R. ein schubertsingendes Video, aus Kleists Familie Schroffenstein eine Debilenbande, aus Tschechows drei Schwestern stumme Hühner, aber auch aus Lessings Emilia eine grandiose Todestänzerin gemacht hat, der Stücke, Figuren und Sprache kaltstellt, auskühlt und abnagt bis auf die Knochen, so daß es einen gelangweilt schaudert, gibt dem Faust in Berlin furios und aufregend das, was andere ihm bisher verweigern: die Ursubstanz. In ganzen zwei Spielstunden das Faustische: bestehend aus einem nackten, bloßen, armseligen, kriminellen Ego.

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