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Theater in Berlin : Rutschgefahr des Alltags

  • -Aktualisiert am

Auf dem Monobloc-Thron: Nuray Demir und Minh Duc Pham fragen im Hebbel am Ufer, wer den Dreck wegmacht. Bild: Dorothea Tuch

Nicht nur sauber, sondern rein: „Semiotiken der Drecksarbeit“ von Nuray Demir und Minh Duc Pham untersucht im Berliner HAU 3 die Rituale der Raumreinigung.

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          Stubenrein – wie schön, wenn der Hund das geschafft hat! Die Menschheit als solche kriegt das ja bis heute nicht hin. Regelmäßige Toilettenbesuche sind zwar meistens kein Problem, aber was ist zum Beispiel mit dem Müll in den Ozeanen? Im All? Im Stadtpark? Die gute Stube Erde ist wirklich zum Sauhaufen geworden. Und auch sonstige Lebensräume bedürfen zusätzlich professioneller Reinigungskräfte von außerhalb, weil die Nutzer überfordert sind oder nicht selbst zupacken wollen. Doch wer sauber macht, genießt noch keine Wertschätzung und wird zudem äußerst schlecht bezahlt. In ihrem neuen Buch „Wer putzt die Schweiz?“ etwa erläutert Marianne Pletscher, dass es bei circa neun Mil­lionen Eidgenossen rund 5500 Firmen ­­in dieser Branche gibt, und mehr als 200.000 Menschen, die mit Putzen ihre Existenz finanzieren. Die meisten sind Migrantinnen und Migranten, viele ohne Aufenthalts- oder Arbeitsgenehmigung. Eines ist grenzüberschreitend festzustellen: „Je tiefer die Spezialisierung und damit der Lohn, desto höher der Anteil ausländischer Menschen. Noch krasser sind die Unterschiede zwischen Männern und Frauen: je kleiner der Lohn, desto größer der Frauenanteil.“

          Im Treppenhaus zum HAU 3, der Studiobühne des Berliner Theaters Hebbel am Ufer, sind bis in die dritte Etage gelbe Warnschilder aufgestellt, die auf die Rutschgefahr wegen frisch gewischter Böden hinweisen. Die besteht aber gar nicht, da die Stufen trocken sind, es sollen die Zuschauer nur schon mal für die Aufführung eingestimmt werden. Sie heißt „Semiotiken der Drecksarbeit“ und wird von Nuray Demir (Konzept, Choreographie, Performance) sowie „von und mit“ Minh Duc Pham bestritten. Sie und er tragen als anonyme Dienstleister identische Kittel und Hosen, wohl die Kluft einer Reinigungsfirma. Die nicht unlustige Stunde, in der uns diese Figuren gegenübertreten, könnte man als ironische, nonchalante, ungebundene szenische Studie über die Arbeit von Putzkräften in einer Welt bezeichnen, zu der sie weder sozial noch ökonomisch, weder intellektuell noch politisch Zugang haben.

          Zeremoniell der täglichen Vergeblichkeit

          Symbolisiert wird diese für sie fremde, abweisende Sphäre durch eine Unmenge von zum Teil lose postierten, zum Teil gestapelten Monobloc-Stühlen aus weißem Plastik. Sie werden von den zwei Darstellern in alle möglichen Ordnungen gebracht: nebeneinander, übereinander, mit Musik oder ohne, mit wechselndem Licht oder zwischen Nebelschwaden. Manchmal nehmen sie darauf für eine Pause Platz. Die Frau flicht die Haare des Mannes zu einem Zopf, er lässt es ungerührt geschehen, bewundert stolz das Monobloc-Gebirge, das sie einträchtig errichtet haben. Bald zerlegen sie es wieder, bauen Türme daraus, setzen sich nach oben, futtern vermutlich Pistazien, werfen die Schalen einfach auf den Boden hinunter. Ob das subversiv gemeint ist, als Protest gegen ihre Ausbeutung und Unterdrückung? Geputzt wird zumindest hier nur einmal, wenn die Frau am Anfang kurz durch das Publikum feudelt. Zwar haben die beiden einen großen Reinigungswagen in Reichweite, aus dem holen sie aber höchstens ihre Thermoskanne. Auch gesprochen wird nicht, allerdings werden das Gedicht einer „Gastarbeiterin“ und einige Betrachtungen über künstlerische Produktionsweisen eingespielt.

          Szene aus „Semiotiken der Drecksarbeit“.
          Szene aus „Semiotiken der Drecksarbeit“. : Bild: Dorothea Tuch

          Die Prosa auf dem Programmzettel freilich würde in ihrer ideologischen Superpower jedem Hochdruck-Kärcher Konkurrenz machen: Denn da fühlen sich die Protagonisten einer Generation zugehörig, „die mit aggressiven Allzweckreinigern der Cultural Studies den White Cube zum Erstrahlen bringt und ohne Schutzanzüge oder gewerkschaftliche Organisation den toxischen Müll aus den Theatern entsorgt“. Für das, was auch immer da angekündigt wird, wurde Gürsoy Doğtaş als „Cultural-Intimacy-Coach“ engagiert.

          Trotzdem sind die Choreographien des Stühlerückens und die Ritualisierungen der Bewegungsabläufe hübsch anzusehen, verweisen auf die ornamentale Monotonie mancher Arbeitsprozesse in der beruflichen wie haushälterischen Tretmühle. Soziologisch oder gesellschaftspolitisch ist das Projekt unergiebig, doch als Zeremoniell der täglichen Vergeblichkeit hat „Semiotiken der Drecksarbeit“ einigen Charme und sogar Spurenelemente von Humor. Die Frage, ob die Welt je wieder von unserem Schmutz befreit werden kann, wird uns jedenfalls noch lange beschäftigen.

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