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Theaterstream der Schaubühne : Auf der Intensivstation der Moderne

  • -Aktualisiert am

Von immer Wilderen besiegt: Bruno Ganz als Pentheus, umringt vom Chor der Bakchen Bild: HELGA KNEIDL

Verschwommenes Traumbild aus anderer Zeit: Euripides’ „Bakchen“ an der Berliner Schaubühne in der Inszenierung von Klaus Michael Grüber.

          4 Min.

          Klaus Michael Grüber hat die „Bakchen“ inszeniert. In einem weißen Krankensaal mit weißen Brettern, weißer Wand und weißer Klopapierrolle samt Halterung – das goldene Kalb dieser Tage. Wer den aseptisch-abweisenden, neonbeleuchteten Raum als vernünftiger Mensch betritt, wird in der Tür erst desinfiziert. Fünf Hände sprühen von der Seite den begehrten Stoff über den ganzen Körper. Nur Götter fahren ohne Vorsichtsmaßnahme herein, auf einer Bahre festgebunden, die Wimpern schwarz geschminkt: Dionysos hat sich mit Menschlichkeit infiziert, absichtlich, denn er will Pentheus, dem überheblichen Herrscher der Stadt Theben, beweisen, dass er, der anarchische Sohn des Zeus, ihm seine klug durchdachte Ordnung leicht durcheinanderbringen kann durch Rausch und Wahnsinn.

          Nackt, mit einer Penistasche ums Gemächt, läuft ihm zu Klängen von Strawinskys „Apollon Musagète“ der Speichel aus dem Mund, rappelt er auf seiner Bahre, bis er herunterfällt. Zwei schöne Pferde hat er sich als Gefährten mitgebracht, die warten still hinter einer Glaswand auf ihren Auftrag, schlagen hin und wieder mit dem Schweif oder schütteln bedächtig ihren Kopf. Sie sind die Wächter des Geschehens, sie werden sich vielleicht erinnern, wenn alle anderen alles längst vergessen haben. Dionysos’ weitere Begleiter sind die manischen Bacchantinnen, der Chor der „Bakchen“, Meisterinnen der fatalen Unordnung. Mit wahnverzückten starren Augen treten sie Weintrauben platt, singen Griechisches und reißen die Bretter aus dem Boden. Aus dem dunklen Untergrund heben sie zwei Erdmännchen auf, mit Farbklecksen und Kalkklumpen bedeckt, Kadmos, Poseidons Enkel, und Teiresias, den Seher, zum kurzen Reden ans Tageslicht gebracht. „Macht ist nicht das, was Gewalt hat über Menschen“, schwört ihnen Teiresias und gibt damit ihrem wilden Treiben den Segen, lässt Wahnsinn die neue Verfassung sein und Oberstes zu unterst kehren.

          Im Bann der unkontrollierbaren Sinne

          Doch einmal siegt die alte Ordnung noch, fährt all ihre instrumentelle Macht gegen die Chaoten auf. Ordnungshüter in weiß-gelben Schutzanzügen und Fechtmasken stellen die Verhältnisse wieder her, begrenzen den Schaden und säubern den Boden mit einer alles schluckenden Kehrmaschine. Danach ist die Arena bereitet für den ungleichen Kampf zweier Herrscher. Die Modelle, die Euripides in seinem 406 vor Christus verfassten Stück gegeneinander antreten lässt, sind Kopfvernunft auf der einen und Bauchgefühl auf der anderen Seite. Pentheus ist der Repräsentant des „Nous“, der „vernehmenden“ Kraft (Heidegger), Dionysos steht unter dem Bann der unkontrollierbaren Sinne, des festlichen Chaos. Macht hat der eine, Gewalt der andere. Grüber findet für diese elementare Ungleichheit gleich nach Pentheus’ erstem Auftritt ein schönes homoerotisches Bild: Nackt stehen die beiden Kämpfer voreinander, befühlen, streicheln sich, fassen einander in den Schritt – dann wird es Pentheus zu bunt, und er gibt seinem Gegenüber eine schallende Ohrfeige. Stolz geht er fort, dreht aber gleich wieder um und bemerkt, dass er im Schatten des anderen steht, dass er, so sehr er auch seine Zehenspitzen streckt, der Kleinere und stets Besiegte sein wird. Bruno Ganz führt diesen pulsierenden Moment der Enttäuschung mit aller Raffinesse seines Spiels vor, lässt seinen eingebildeten König, der stets überzeugt war, sich vom Schicksal „unabhängig machen“ zu können, aufbegehren.

          Er, der mit aufklärerischer Selbstverständlichkeit die göttliche Herkunft des Dionysos leugnete, die Mythen auflösen und Einbildung durch Wissen stürzen wollte, muss einsehen, wer der Stärkere ist. Ein wenig ringen die beiden noch, lässt der erzengelhafte Michael König die weltlichen Glieder seines Gegners gegen seinen Götterkörper schlagen, dann berichtet ein Rinderhirte mit Kuhfüßen und zwei Hunden, dass Pentheus’ eigene Mutter ihm abtrünnig geworden sei und mit den berauschten Bakchen Orgien feiere. Sanft führt der Gott den zweifelnden Herrscher jetzt zu den Pferden, hilft ihm aufsitzen und geleitet ihn zum Kithairon, dem Berg, wo die Frauen „in rasendem Reigen stürmen“. Dort werden sie ihn in Stücke reißen, seinen Leib zerfleddern und zerstampfen. Den Kopf wird ihm seine Mutter im Rausch abschlagen, das Zeichen, dass der Wahn keine Grenzen kennt. Es ist der Triumph des verschwommenen Traumbilds über den klaren Geist, den Grüber in seiner Inszenierung auf magische Weise zelebriert. Das Dunkle, Irrationale stellt er der aufgeklärten Selbstgewissheit als fremde Kraft entgegen. Nicht als ästhetische Reflexe, sondern als geschichtlich wirksame Faktoren werden sie hier präsentiert – als regelrechtes Programm. Klaus Michael Grüber, der am Piccolo Teatro von Giorgio Strehler erzogene und dann durch den Intendanten Kurt Hübner nach Bremen geholte Künstler, hat an der Schaubühne neben Peter Stein weniger Regie geführt als Bilder ineinander verschwimmen lassen. Er ist ein großer Verundeutlicher, bei dem Worte mehr gesungen als gesprochen werden, Texte nicht betont, sondern vertont werden, er lässt auf der Bühne Zeichen geschehen, die man nicht vom Tag her verstehen, sondern von der Nachtseite aus anschauen soll. Sie mahnen auch so. Es braucht keine Vermittlung.

          Den eigenen Sohn hingeschlachtet

          Ein von heißer Farbe überschütteter Bote gibt einen nervenstrapazierend langen, von Orgeltönen unterlegten Bericht von Pentheus’ Vernichtung, dann tritt Edith Clever auf, als seine Mutter Agaue, blutüberströmt trägt sie den abgeschlagenen Kopf des Sohnes als stolze Trophäe in der Hand, brüllt im höchsten Siegeston nach ihrem Sohn. Diener tragen eine Bahre herein, auf der säuberlich die Bestandteile einer feinen Abendgarderobe – Gamaschen, Manschetten, Lackschuhe – präsentiert werden, das sind die Fetzen, die übrig geblieben sind vom zweiten Körper des Königs. Als sie erkennt, dass sie „den eigenen Sohn frohlockend hingeschlachtet“ hat, kriecht sie wie ein verwundetes Tier von dannen, und während sie minutenlang die Schmerzen herausschreit, läuft an der Decke ein Ventilator, strahlt von der Seite ein Licht, zuckt hinterm Glas das Pferd mit dem Schweif. Das letzte Bild: Der alte Vater und die verwundete Tochter sitzen nebeneinander und nähen die Körperkleiderteile wieder zusammen. „Wie alles sich verändert hat“, flüstert die Clever ungläubig, dann wird es Nacht.

          Auf der Intensivstation der Moderne

          Das konnte man sehen. Am 7. Februar 1974 im Philips-Pavillon des Messegeländes am Berliner Funkturm. Oder Dienstagabend in der Streamvorstellung der Schaubühne: Zweihundert Minuten lang lag man im Götterglauben gefangen auf der Intensivstation der Moderne.

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