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Theaterstream der Schaubühne : Auf der Intensivstation der Moderne

  • -Aktualisiert am

Von immer Wilderen besiegt: Bruno Ganz als Pentheus, umringt vom Chor der Bakchen Bild: HELGA KNEIDL

Verschwommenes Traumbild aus anderer Zeit: Euripides’ „Bakchen“ an der Berliner Schaubühne in der Inszenierung von Klaus Michael Grüber.

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          Klaus Michael Grüber hat die „Bakchen“ inszeniert. In einem weißen Krankensaal mit weißen Brettern, weißer Wand und weißer Klopapierrolle samt Halterung – das goldene Kalb dieser Tage. Wer den aseptisch-abweisenden, neonbeleuchteten Raum als vernünftiger Mensch betritt, wird in der Tür erst desinfiziert. Fünf Hände sprühen von der Seite den begehrten Stoff über den ganzen Körper. Nur Götter fahren ohne Vorsichtsmaßnahme herein, auf einer Bahre festgebunden, die Wimpern schwarz geschminkt: Dionysos hat sich mit Menschlichkeit infiziert, absichtlich, denn er will Pentheus, dem überheblichen Herrscher der Stadt Theben, beweisen, dass er, der anarchische Sohn des Zeus, ihm seine klug durchdachte Ordnung leicht durcheinanderbringen kann durch Rausch und Wahnsinn.

          Nackt, mit einer Penistasche ums Gemächt, läuft ihm zu Klängen von Strawinskys „Apollon Musagète“ der Speichel aus dem Mund, rappelt er auf seiner Bahre, bis er herunterfällt. Zwei schöne Pferde hat er sich als Gefährten mitgebracht, die warten still hinter einer Glaswand auf ihren Auftrag, schlagen hin und wieder mit dem Schweif oder schütteln bedächtig ihren Kopf. Sie sind die Wächter des Geschehens, sie werden sich vielleicht erinnern, wenn alle anderen alles längst vergessen haben. Dionysos’ weitere Begleiter sind die manischen Bacchantinnen, der Chor der „Bakchen“, Meisterinnen der fatalen Unordnung. Mit wahnverzückten starren Augen treten sie Weintrauben platt, singen Griechisches und reißen die Bretter aus dem Boden. Aus dem dunklen Untergrund heben sie zwei Erdmännchen auf, mit Farbklecksen und Kalkklumpen bedeckt, Kadmos, Poseidons Enkel, und Teiresias, den Seher, zum kurzen Reden ans Tageslicht gebracht. „Macht ist nicht das, was Gewalt hat über Menschen“, schwört ihnen Teiresias und gibt damit ihrem wilden Treiben den Segen, lässt Wahnsinn die neue Verfassung sein und Oberstes zu unterst kehren.

          Im Bann der unkontrollierbaren Sinne

          Doch einmal siegt die alte Ordnung noch, fährt all ihre instrumentelle Macht gegen die Chaoten auf. Ordnungshüter in weiß-gelben Schutzanzügen und Fechtmasken stellen die Verhältnisse wieder her, begrenzen den Schaden und säubern den Boden mit einer alles schluckenden Kehrmaschine. Danach ist die Arena bereitet für den ungleichen Kampf zweier Herrscher. Die Modelle, die Euripides in seinem 406 vor Christus verfassten Stück gegeneinander antreten lässt, sind Kopfvernunft auf der einen und Bauchgefühl auf der anderen Seite. Pentheus ist der Repräsentant des „Nous“, der „vernehmenden“ Kraft (Heidegger), Dionysos steht unter dem Bann der unkontrollierbaren Sinne, des festlichen Chaos. Macht hat der eine, Gewalt der andere. Grüber findet für diese elementare Ungleichheit gleich nach Pentheus’ erstem Auftritt ein schönes homoerotisches Bild: Nackt stehen die beiden Kämpfer voreinander, befühlen, streicheln sich, fassen einander in den Schritt – dann wird es Pentheus zu bunt, und er gibt seinem Gegenüber eine schallende Ohrfeige. Stolz geht er fort, dreht aber gleich wieder um und bemerkt, dass er im Schatten des anderen steht, dass er, so sehr er auch seine Zehenspitzen streckt, der Kleinere und stets Besiegte sein wird. Bruno Ganz führt diesen pulsierenden Moment der Enttäuschung mit aller Raffinesse seines Spiels vor, lässt seinen eingebildeten König, der stets überzeugt war, sich vom Schicksal „unabhängig machen“ zu können, aufbegehren.

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