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Theaterstream der Schaubühne : Auf der Intensivstation der Moderne

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Er, der mit aufklärerischer Selbstverständlichkeit die göttliche Herkunft des Dionysos leugnete, die Mythen auflösen und Einbildung durch Wissen stürzen wollte, muss einsehen, wer der Stärkere ist. Ein wenig ringen die beiden noch, lässt der erzengelhafte Michael König die weltlichen Glieder seines Gegners gegen seinen Götterkörper schlagen, dann berichtet ein Rinderhirte mit Kuhfüßen und zwei Hunden, dass Pentheus’ eigene Mutter ihm abtrünnig geworden sei und mit den berauschten Bakchen Orgien feiere. Sanft führt der Gott den zweifelnden Herrscher jetzt zu den Pferden, hilft ihm aufsitzen und geleitet ihn zum Kithairon, dem Berg, wo die Frauen „in rasendem Reigen stürmen“. Dort werden sie ihn in Stücke reißen, seinen Leib zerfleddern und zerstampfen. Den Kopf wird ihm seine Mutter im Rausch abschlagen, das Zeichen, dass der Wahn keine Grenzen kennt. Es ist der Triumph des verschwommenen Traumbilds über den klaren Geist, den Grüber in seiner Inszenierung auf magische Weise zelebriert. Das Dunkle, Irrationale stellt er der aufgeklärten Selbstgewissheit als fremde Kraft entgegen. Nicht als ästhetische Reflexe, sondern als geschichtlich wirksame Faktoren werden sie hier präsentiert – als regelrechtes Programm. Klaus Michael Grüber, der am Piccolo Teatro von Giorgio Strehler erzogene und dann durch den Intendanten Kurt Hübner nach Bremen geholte Künstler, hat an der Schaubühne neben Peter Stein weniger Regie geführt als Bilder ineinander verschwimmen lassen. Er ist ein großer Verundeutlicher, bei dem Worte mehr gesungen als gesprochen werden, Texte nicht betont, sondern vertont werden, er lässt auf der Bühne Zeichen geschehen, die man nicht vom Tag her verstehen, sondern von der Nachtseite aus anschauen soll. Sie mahnen auch so. Es braucht keine Vermittlung.

Den eigenen Sohn hingeschlachtet

Ein von heißer Farbe überschütteter Bote gibt einen nervenstrapazierend langen, von Orgeltönen unterlegten Bericht von Pentheus’ Vernichtung, dann tritt Edith Clever auf, als seine Mutter Agaue, blutüberströmt trägt sie den abgeschlagenen Kopf des Sohnes als stolze Trophäe in der Hand, brüllt im höchsten Siegeston nach ihrem Sohn. Diener tragen eine Bahre herein, auf der säuberlich die Bestandteile einer feinen Abendgarderobe – Gamaschen, Manschetten, Lackschuhe – präsentiert werden, das sind die Fetzen, die übrig geblieben sind vom zweiten Körper des Königs. Als sie erkennt, dass sie „den eigenen Sohn frohlockend hingeschlachtet“ hat, kriecht sie wie ein verwundetes Tier von dannen, und während sie minutenlang die Schmerzen herausschreit, läuft an der Decke ein Ventilator, strahlt von der Seite ein Licht, zuckt hinterm Glas das Pferd mit dem Schweif. Das letzte Bild: Der alte Vater und die verwundete Tochter sitzen nebeneinander und nähen die Körperkleiderteile wieder zusammen. „Wie alles sich verändert hat“, flüstert die Clever ungläubig, dann wird es Nacht.

Auf der Intensivstation der Moderne

Das konnte man sehen. Am 7. Februar 1974 im Philips-Pavillon des Messegeländes am Berliner Funkturm. Oder Dienstagabend in der Streamvorstellung der Schaubühne: Zweihundert Minuten lang lag man im Götterglauben gefangen auf der Intensivstation der Moderne.

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