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Billiger Wohnraum in München? : Nein: Mitsprechtheater in Luxusapartments

Mit Einkaufswagen als Rettungsboot: die Belafou am Gärtnerplatz, eines der Münchner „Shabbyshabby apartments“. Bild: Patrick Bahners

Die Münchner Kammerspiele haben vierundzwanzig temporäre Spielstätten in der Stadt verteilt. Die „Shabbyshabby apartments“ sind Mitsprechtheater, Luxusapartments und zugleich Stadttheater im wahrsten Sinne.

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          Das Boot ist nicht voll. Wir schlafen auf dem Unterdeck in einem Doppelbett mit weißblauer Bettwäsche. Auf dieser Ebene könnte man noch zwei Isomatten auslegen. Die aus Brettern gezimmerte „Minibar“ im Bug ist nur eine Attrappe. Oben auf der Brücke gibt es einen weiteren Schlafplatz: die Hängematte über der Luke. Aber man müsste hier ja gar kein Auge zutun. In lustiger Runde könnte man die liebevoll gefertigten Requisiten studieren: das hölzerne Steuerrad, die Bullaugen aus dem Waschsalon, das aus einer Hifi-Anlage der Epoche vor der Neuen Deutschen Welle herausgebrochene Armaturenbrett. Die Whiskyflasche ist leer, und fließendes Wasser zur Auflösung des Brausepulvers aus den überall herumliegenden „Ahoi“-Tütchen mit dem feschen Matrosen gibt es nicht. War aber auch nicht versprochen worden! Dafür ist der Bonbonsack prall gefüllt. Und für höhere geistige Genüsse ist gesorgt: Die Schiffsbibliothek mit dem „Schwarm“ und dem „Namen der Rose“ hält für mehrere Nächte vor. Draußen vor der Kabinentür wartet ein Liegestuhl. Dort kann man sich in die Zeit der alten Wikinger zurückversetzen, die zur Orientierung nur die Sonne und die Sterne hatten. Man blickt dann durstig auf das mythische Weinland, die unerreichbare Gegenküste: Die Bars haben jetzt alle geschlossen, verweigern Einlass und Einblick wie das unter einer Plane verborgene Staatstheater am Gärtnerplatz.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Der Gärtnerplatz ist unser Ankerplatz! So könnte in der Manier von Fontanes „John Maynard“ die Ballade dieser Nacht beginnen. Überschrift: Belafou. Der Name prangt am Rumpf. Was flüstert er den Passanten zu? Dass man, um sich hier einzuschiffen, wo nicht einmal Strom fließt, schön doof sein muss? Ein Narr, ein Filmnarr, der sich ausmalt, Bela Lugosi hätte in dieser Kulisse „Die Kombüse des Dr. Fu Manchu“ drehen können? Der Seelenkäufer - die an Steuerbord herabhängende Metallleiter sieht einfach zu einladend aus - passt jedenfalls perfekt zum verhüllten Volksopernhaus auf der anderen Seite des Platzes. Ein Geisterschiff, das sich nicht von der Stelle bewegt: der liegende Holländer. Oder besser Niederrheiner, denn das Kollektiv der Schiffsbaumeister, das sich Labor Fou nennt, kommt aus Köln. Das Schiff ist 7,90 Meter lang, 1,95 Meter breit und vier Meter hoch. Wie heißt der Kapitän? Sein Name steht nicht im Logbuch, er ändert sich täglich. Das Patent kostet 35 Euro. Man erwirbt das einmalige Übernachtungsrecht für zwei Personen. Im Mietpreis inbegriffen: Frühstück in der Kantine der Kammerspiele.

          Dreimal rüttelt es an der Tür

          Der Admiral heißt Matthias Lilienthal. Dem Berliner, der seine dramaturgischen Lorbeeren in Frank Castorfs Volksbühne und als Prinzipal des in HAU umgetauften Hebbel-Theaters errang, hat die Stadt München das Kommando über ihr Theater übertragen. Lilienthal macht Mitsprechtheater. Er will Debattenstoffe auf die Bühne und Bühnenstoffe unter das Volk bringen. Zur Eröffnung seiner ersten Spielzeit bleibt der Vorhang im Schauspielhaus an der Maximilianstraße zu. Der neue Intendant spielt mit den Begriffen Kammerspiele und Stadttheater, stülpt sie von innen nach außen. An vierundzwanzig Orten im öffentlichen Raum stoßen die Münchner einen Monat lang auf eine Kammer in der Stadt: eine wetterfeste Bruchbude, eine Nullzimmerwohnung, ein Häuschen im Grauen des Bürgersteigs oder Parkplatzes. Hinter den „Shabbyshabby apartments“ steht das alternative Stadtplanerbüro Raumlabor Berlin. In einem internationalen Wettbewerb gingen 250 Entwürfe ein. Unter den Mitgliedern der Jury waren die Münchner Stadtbaurätin Elisabeth Merk und Niklas Maak, Architekturredakteur dieses Feuilletons. Teilnahmebedingung: Die Baukosten pro Apartment waren mit 500 Euro gedeckelt.

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