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Theater : Schrott mit dir, du Land der Bayern!

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Wirtshausgäste zwischen unschuldiger Natur und sündigem Inidviduum: Gundi Ellert an den Münchner Kammerspielen Bild: Winfried E. Rabanus

Schwitzen und witzeln: Feridun Zaimoglu und Günter Senkel haben für die Münchner Kammerspiele eine Bayernprovinzsaga geschrieben. Bei der Uraufführung schrammte „Alpsegen“ knapp am Theaterzirkus vorbei.

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          Bayerisch-niederländische Völkerverständigung, nächste Folge. Feridun Zaimoglu, Kindheitsmünchner, und sein Partner Günter Senkel schreiben für Johan Simons Münchner Kammerspiele-Ensemble eine mystisch-katholische Bayernprovinzsaga; der Alpenanrainer Sebastian Nübling setzt sie unter Mitarbeit von Lars Wittershagen in Szene und Töne. Und gleich zu Anfang ist klar: Nübling ist der Held des Abends. Noch zum Schlussapplaus traktiert er seinen Kaugummi so hektisch, als müsse er Beton zermalmen. Musste er auch. Denn mit „Alpsegen“, der Uraufführung des Senkel-Zaimoglu-Textes, war nicht nur eine Nuss zu knacken. Obendrauf blieb Nübling und der Dramaturgin Julia Lochte die Dramatisierung des „Erzählstücks“ überlassen.

          Wer nach der Textlektüre noch gutgelaunt ins Theater ging, ist eine beneidenswerte Frohnatur. Dünne Reminiszenzen an die Magie eines E.T.A. Hoffmann, die Biedermeierdécadencegemüter der Figuren Arthur Schnitzlers, Jeremias Gotthelfs heidnisch-christlicher Humanismus und Rainer Werner Fassbinders Bigotterie, all das verquirlt mit schwarzer Romantik, dafür kaum handlungsorientiert - das wäre Garantie genug für einen verschnarchten Abend. Für sein letztes Stück (“Schattenstimmen“) hatte Zaimoglu noch Illegale interviewt. Waren es dieses Mal vielleicht seine, von ihm ja exzessiv geschätzten Gartenzwerge? In Schriftform heraus kam jedenfalls ein ungesättigter Geisterpomp, an dem auch die Wesen des Wassers und der Lüfte schwülstig-düster teilhaben.

          Mitleid mit den Freistaatexistenzen

          Doch dann Nüblings Bühne! Schon das erste Bild der Aufführung bietet ziemlichen Theaterzauber. Der Vorhang hebt sich und öffnet auf einen zweiten, der zu einem varietéartigen Portal drapiert wurde. Dann aber tauchen im hinteren Bühnenbereich zwei feenartige Wesen auf. Weiße, vollverschleierte Gestalten, Burka-Elfen, von Nebelschwaden umspült. Die Verzauberung bleibt, auch nachdem das Auge diese zarten Schleierwesen als spiegelbildlich drapierte Bühnenzugänge identifiziert. Daraus purzelt dann jäh eine auf Knien rutschende Gemeinde von Beicht- oder Betgängern, die am anderen Ende der Bühne von der Rampe stürzen, als sitze ihnen die Hölle in den Leibern, während eine schöne Mischung aus Tubaklängen und Kuhglockengebimmel von ferne beruhigend versichert, dass dies alles im Lauf der Welt durchaus vorgesehen sei.

          Hat lange in München gelebt, das hat aber offenbar nichts genützt: Feridun Zaimoglu schrieb das Stück „Alpsegen”
          Hat lange in München gelebt, das hat aber offenbar nichts genützt: Feridun Zaimoglu schrieb das Stück „Alpsegen” : Bild: dpa

          Solche prallen, oft urig-komischen Szenen und Tableaus gibt es immer wieder auf der stimmig reduzierten, zwischen Blasstaubenblau und Jagdgrün changierenden Bühne von Muriel Gerstnern zu bestaunen. Natürlich ist Bayerntracht angesagt. Besonders punkten kann Michael Tregor, der als komasaufender Wirtshausgast dialektisch die Kluft zwischen unschuldiger Natur und sündigem Individuum beschwafelt: „Die Bäume schwitzen nicht, die Sterne schwitzen nicht, aber ich schwitze.“ Sofort kommt Mitleid auf mit den Freistaatexistenzen, die auf dem Weg ins Delirium so kräftig transpirieren müssen, nur weil ihnen noch keiner die Weinrebe erfand.

          Provinzler aus der Speckzone

          Schwitzen muss auch Curd, ein provinzbayerischer Familienpapa, der sich gerne mit einem schwulen Italiener (unsicher gespielt von Kristof Van Boven) im schwulen München mal was gönnen würde. Der Schauspieler Jochen Noch illustriert hübsch, wie sich die Schmierbacke Curd moralisch abrackert für ein bisschen Männersex. Ist aber zu katholisch, was in Bayern aber sowieso nicht allzu sehr mit religiös verwechselt werden sollte. Max, der Sohn des gescheiterten Schwulen, hält die Eskapaden des Papas, der, so Mama, „von der rechten Art abgekommen“ ist, nicht aus und sucht Zuflucht bei einer Wiedergängerin, gespielt von Wiebke Puls. Diese ist so nett, ihn vor seinem episch prophezeiten Suizid noch mit frisch gemolkenem Schamwasser zu massieren. Benny Claessens als Max deutet in dieser Rolle erstmals die Abgründe an, die sich offenbar hinter seiner Clownsbegabung verbergen.

          Da das Stück die dörflich biederen Charaktere aber genauso herbeilabert wie den Geisterreigen, ist auch durch beherzte Regie eine Charakterschärfe nicht wirklich zu erreichen. Die Figuren bleiben Münchner Speckzonen-Provinzler - mit dem alten Geisterproblem ausgestattet, keine Seele zu haben. Damit haben Zaimoglu und Senkel die Chance vergeigt, die ins Horror-Genre verbannten Geister für ein echtes Volksstück zurückzugewinnen. Nüblings Regie aber mit ihrer Begabung fürs Zirzensische hat hier paradoxerweise den schlimmsten Zirkus verhindert.

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