https://www.faz.net/-gqz-tng8

Theater : Schöner morden

  • Aktualisiert am

Man hätte Nina Hoss mitten auf eine leere Bühne stellen können: Sie hätte sie gefüllt Bild: Iko Freese / DRAMA.

Nina Hoss ist „Medea“ am Deutschen Theater. Vom Monströsen, Fremden dieser Frau spürt man in Berlin keinen Hauch. Nur vom Schönen, fast Erhabenen. Hier wird eine Frau groß gefeiert. Eine Rezension von Gerhard Stadelmaier.

          Unausgesprochen, unausgemalt, unausgestellt hing über dem ganzen Abend im Berliner Deutschen Theater ein Plakat, auf dem zu lesen gewesen wäre: So was tut man doch nicht! Dies Plakat hätte man sich in Form einer Gloriole vorzustellen gehabt, die überm Haupt der Hauptdarstellerin zu schweben die Pflicht gehabt hätte.

          Aber nun nicht aktivisch: nicht in dem Sinne, daß nun diese Frau dies oder jenes nicht hätte tun dürfen, denn sie darf - alles. Nein, passivisch: in dem Sinne, daß man mit dieser Frau, so, wie sie hier auftritt, nicht machen darf, was man mit ihr tut. Eine Frau, die so elegant im langen seidenen Designer-Alltagsschwarzen auf ihren Pumps selbst eine kleine Wohnküche nicht einfach nur betritt, sondern vielmehr beschwebt; eine Frau, die von sich sagt, daß sie einerseits zaubern könne (Giftgetränke inklusive), andererseits intellektuell alle anderen in den Nachtschatten stellen könne; eine Frau, die in ihren langen, schwarzen, edel gelockten, fülligen Haaren, ihren großen, geschmerzten dunklen Glühaugen, ihren schmalen, nervigen Gliedern und in ihrem musikalischen Superkörper immer gleich wirkt, als könne sie sofort die Carmen singen und nebenher ein dreiviertel Ensemble von Machotrotteltenören um den kleinen Erregungsfinger wickeln - eine solche Frau läßt man doch nicht sitzen! Betrügt man nicht mit einer langweiligen Königstochter! Verweist man nicht des Landes! Ihr nimmt man nicht die Kinder weg!

          Nina Hoss triumphiert

          So einer Frau komme man nicht mit Fisimatenten! Nicht mit Boten, Chören, Berichten, Einwänden, Ausflüchten, Intrigen, Staatsinteressen! Nina Hoss spielt die Medea des Euripides im Deutschen Theater als den Triumph einer absoluten, ungebrochenen, unanrührbaren Fraglosigkeit: Neben diesem Individuum, seiner Würde, seinen Gefühlen hat alles andere keine Chance. Über sie geht nichts.

          Wie vom Schmerz gemeißelt: Nina Hoss ist Medea

          Medea hat, um mit ihrem Geliebten Jason, der ihrem Barbarenstamm einen großen Schatz raubte, fliehen und ihn heiraten zu können, ihren Bruder getötet, hat beim Mord am Königsonkel von Jason mitgewirkt, wird am Ende ihre beiden Kinder abstechen, zuvor der Nebenbuhlerin ihres Mannes ein giftdurchtränktes und körperfleischätzendes Gewand und ein kopfhaut- und hirnfressendes goldenes Diadem schenken, was alles zusammen dem Vater der Nebenbuhlerin, dem König von Korinth, der sich voll Schmerz über seine Tochter wirft, ebenfalls die Haut vom Leibe brennen wird.

          Wer die Frau beleidigt, beleidigt das Höchste

          Im Jahr 431 vor Christus, als Euripides, der jüngste und der illusionsloseste, götterfernste der griechischen Tragiker, diese Frau nun nicht schon mythisch vorfand aus altem Geschichtenfundus, sondern sie aus eigenem neu erst erfand, war Medea ein ungeheurer Skandal. Und blieb es. Euripides mußte, um den Skandal abzufedern, Medea, der Enkelin des Sonnengottes, am Ende einen von Drachen gezogenen Himmelswagen spendieren, den sie weg vom jaulenden, heulenden Elendsmännchen Jason und vom flammenverzehrten Körpergemetzel da drunten wegchauffierte in die Transzendenz hinein.

          Vom Monströsen, Außerweltlichen, Fremden dieser Frau spüret man in Berlin keinen Hauch. Nur vom Schönen, ja fast Erhabenen. Hier wird eine Frau groß gefeiert. Und die Regisseurin Barbara Frey, deren Witz und Tugend darin liegen, daß sie Figuren nicht symbolisch oder zeichenhaft bricht oder dressiert, sondern sie wörtlich nimmt in dem, was sie sein wollen, läßt Medea nur einfach eine Frau sein. Als sei „Frau“ auf der Werteskala die oberste Kategorie. Und wer die Frau beleidigt, beleidigt das Höchste. Es hat fast was von Minnesang-Atmosphäre: hohe Fraue - niedere Männer.

          Weitere Themen

          Fans gedenken Michael Jackson Video-Seite öffnen

          Zehn Jahre nach dem Tod : Fans gedenken Michael Jackson

          Zehn Jahre nach seinem Tod ist er für sie immer noch ein Idol - trotz der Missbrauchsvorwürfe. Hunderte Menschen versammelten sich vor dem Forest-Lawn-Friedhof oder auf dem „Walk of Fame“ um dem „King of Pop“ zu gedenken.

          Zwischen Horrorfilm und Neorealismus Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Wo ist Kyra?" : Zwischen Horrorfilm und Neorealismus

          "Wo ist Kyra?" von Fotograf Andrew Dosunmu ist ein Hollywood-Film und Arthouse zugleich. Und beides auch wieder nicht. Denn die Zielgruppen beider Genre müssen sich an etwas gewöhnen, das sie sonst ablehnen. Warum der Film sowohl inhaltlich als auch künstlerisch sehenswert ist, verrät F.A.Z.-Redakteur Dietmar Dath.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.