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„Postwest“ und „Radar Ost“ : Ich höre Schüsse und fühle mich gut

  • -Aktualisiert am

Szene aus dem digitalen Gastspiel des Theaters Rote Fackel aus Nowosibirsk: Tatyana (Darya Emelyanova), unglücklich verliebt in Puschkins „Onegin“. Bild: Viktor Dmitriev

Gleich zwei Berliner Festivals versuchen sich an einer Vermessung der osteuropäischen Theaterlandschaft. Dass diese im Westen wahrgenommen wird, ist für manches Ensemble überlebenswichtig.

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          Moskau, das ist die Stadt der Sehnsüchte. Jahr um Jahr strömen Zehntausende junge Menschen aus der russischen Provinz in die Zehnmillionenmetropole. Sie sind auf der Suche nach Aufstieg, nach Glück und Anerkennung. Einer von ihnen ist Alexander Adujew. Er ist ein Romantiker, der bei seinem zynischen Onkel Peter Iwanowitsch unterkommt. Der junge Mann soll erzogen werden, den richtigen Umgang lernen. Aber „Sascha“ träumt davon, Revoluzzer zu sein und „so lange zu reden, bis es zu spät ist“. Über die Zeit verliert er den Glauben an die Liebe und das Gute im Menschen. Seine Träume bleiben unerfüllt, die große Stadt entpuppt sich als Illusion.

          Diese „alltägliche Geschichte“, die sich vermutlich noch immer Tag für Tag in allen Metropolen dieser Welt wiederholt, stammt aus dem gleichnamigen Roman von Iwan Gontscharow und wurde vom soeben abermals vors Gericht gezerrten Kirill Serebrennikow am Gogol Center in Moskau adaptiert. Er überträgt das 1848 erschienene Werk in die Gegenwart des kapitalistischen Russland und lässt über allen Szenen das emblematische Logo der Moskauer Metro schweben.

          Schaufenster für avantgardistische Produktionen

          Erstmals war seine Inszenierung nun für eine breitere Öffentlichkeit online im digitalen Zuschauerraum des Deutschen Theaters zu sehen, denn zwei Berliner Festivals versuchen sich in diesen Tagen an einer Vermessung der osteuropäischen Theaterlandschaft. Während sich die erste Ausgabe von „Postwest“ an der Volksbühne den Beziehungen zwischen osteuropäischem und deutschem Theater widmet und dafür zwölf Produktionen in Auftrag gegeben hat, will „Radar Ost“ am Deutschen Theater ein Schaufenster für die avantgardistischen Produktionen des „globalen Ostens“ sein. In Zeiten von Corona muss das naturgemäß im digitalen Raum stattfinden.

          Für das Deutsche Theater hat das Designkollektiv Cyber-Räuber das Haus in eine digitale Graphic-Novel übertragen, durch die der Besucher online flanieren kann. Bühnen aus Russland, der Ukraine, Polen, Tschechien, Ungarn, Georgien, Albanien und vielen anderen Länder der Region beteiligen sich an den beiden Festivals. Ziel ist es, die Vielfalt des osteuropäischen Theaters abzubilden, um das dramatische Geschehen hierzulande zu inspirieren.

          Die Aufführungen seien „rabiater, minimalistischer und hätten dadurch einen viel anarchischeren Charakter“, sagt Intendant Ulrich Khuon, überall spüre man im Osten den Hunger nach künstlerischem Aufbegehren und Innovation. Auffallend sei dabei besonders das ukrainische Theater. Während an den großen Häusern in Kiew, Lwiw oder Odessa zwar immer noch der Geist der sowjetischen Theaterwelt weht, mit Intendantenposten auf Lebenszeit und traditionellen Ensembles, die die Klassiker der russischen Literatur aufführen, sucht die Off-Theaterszene des Landes nach einer eigenen ukrainischen Theateridentität und wagt den Bruch nicht nur mit sowjetischen, sondern auch mit westlichen Traditionen.

          Im Zentrum dieser Entwicklung stehen das Left Bank Theatre, das DAKH und die kleine Gruppe TseSho in Kiew. Alle drei setzen sich mit den Abgründen ihrer Gegenwart auseinander, verarbeiten Themen wie Krieg, Holodomor, Nationalismus und Korruption und mischen dazu verschiedene Theaterformen miteinander. Improvisation, durchdesignte Bühnenbilder, die Konzentration auf das gesprochene Wort und das Spiel mit den Besonderheiten der ukrainischen Sprache sind die Neuerungen, mit denen sich die freien Ensembles von den oft naturalistischen und pompösen Inszenierungen des traditionellen Theaters abgrenzen.

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