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Theater : Nathan der Feiste

  • -Aktualisiert am

Bond, Nathan Bond: Klaus Maria Brandauer Bild: dpa/dpaweb

Lessings gottlose Wohlstandskinder: Klaus Maria Brandauer und anderen geht's einfach zu gut im Wiener Burgtheater. Dessen „Nathan der Weise“ ist die erste Untat der neuen Theatersaison.

          4 Min.

          Es gibt Theaterstücke, die sind wie Geschenke, die dauernd ausgeschlagen werden. Im Falle von Gotthold Ephraim Lessings "Nathan dem Weisen" aus dem Jahr 1779 zum Beispiel, einer der merkwürdigsten und schwierigsten und rührendsten dramatischen Wundergaben, wurde fast noch nie das Geschenk der Hauptrolle akzeptiert. Immer nur das der Titelrolle. Diese stellt einen jüdischen Kaufmann des zwölften Jahrhunderts, Zeitalter der Kreuzzüge, vor, "die Szene ist in Jerusalem". Die Hauptrolle aber spielt ein anderer.

          Dem Titelrollen-Juden wurden einst Frau und sieben Söhne durch ein Christenpogrom getötet, worauf der Jude ("Und doch ist Gott!") ein Christenmädchenbaby vorm sicheren Tod rettet, es als seine eigene Tochter aufzieht, die von einem Tempelherrn, einem wüsten christlichen Kreuzritter, geliebt wird, der vom muslimischen Sultan Saladin, der den jungen feindlichen Mann schon köpfen hat wollen lassen, im letzten Moment begnadigt ward, weil des Burschen Gesichtszüge den Muselherrscher an seinen toten Muselbruder erinnerten, der, verheiratet mit einer Christin, wie sich herausstellt, auch der Vater des vom Juden aufgezogenen Mädchens war - so daß am Ende alle, alle eine Familie sind. In dieser Familie behalten freilich die Muslime, das sind der Sultan, dessen Schwester Sittah, der Tempelherr als Sultansneffe und die Judentochter als Sultansnichte, die Oberhand.

          Verliebte Deppen oder Terroristen

          Die ganzen und die halben Christen aber sind entweder gefährliche, verliebte Deppen wie der Tempelherr, der wegen verschmähter Liebe den christenmädchenerziehenden Juden beim Patriarchen von Jerusalem anzeigt, oder Terroristen wie der Patriarch, der den Nathan ("Tut nichts, der Jude wird verbrannt!") gerne meucheln würde.

          Die Juden aber sind die Arrangeure: Nathan entdeckt mittels eines Büchelchens, das der Klosterbruder, der Gehilfe des Patriarchen, ihm zusteckt, daß seine Recha und der Tempelherr Geschwister und der Sultan und Nathans alter, im Kampf gefallener Freund Brüder sind. So fügt sich alles in dieser philomuslimischen Familienkomödie aus der Feder eines Christen aufs glücklichste, der allerdings dem Juden in der berühmten Ring-Parabel das in den Mund legt, was er selber von Religion hält, einer Religion, in der, "ob Jud', ob Christ, ob Muselmann", nicht Offenbarung und Orthodoxie, sondern nur die Praxis der "vorurteilsfreien Liebe", tätigen Güte und freundlichen Rücksicht zählt.

          Nathan spielt nicht die Hauptrolle

          Tauschen Busserl: Brandauer und Barbara Petritsch als Daja
          Tauschen Busserl: Brandauer und Barbara Petritsch als Daja : Bild: dpa/dpaweb

          Und genau hier liegt der Punkt, an dem Lessings Geschenk für gewöhnlich ausgeschlagen wird. Nicht allein dadurch, daß alle Titelrollenschauspieler und ihre Zuschauer und Kritiker bisher immer sofort zu begreifen hatten, daß natürlich die Welt außerhalb des Theaters keineswegs von Liebe, Güte, Rücksicht und Toleranz strotzt, daß Religionen und ihre Kämpfer, vor allem die muslimischen zur Zeit, die jeweils anderen bis aufs Terror- und Schwachsinnsblut bekämpfen, daß Kriege und Zerstörung und Intoleranz herrschen, daß in Palästina, Nordirland, Irak, Afghanistan und so weiter und so fort und lirumlarum ..., sondern auch dadurch, daß Nathan von Spielvogtshand schon mal ins KZ oder hinter Stacheldraht gesteckt ward und man sich im Jerusalem von damals das Auschwitz von gestern mitzuinszenieren mühte und man immer mit der Lessings-Wurst nach allen möglichen Aktualspeckseiten warf, schlägt man Lessings Geschenk aus. Denn Nathan spielt nicht die Hauptrolle.

          Die Hauptrolle spielt, ob die Theater wollen oder nicht, ein größerer: Gott, der Füger der Menschendetails zu einem gottsallmächtigen Theaterbild, in dem passieren kann, was will - am Ende wird alles gut, ordnet die Vorsehung die Zufälle als Notwendigkeiten, die Angriffe als Umarmungen, die Intrigen als Wunder, die Feinde als Familie. Obwohl der letzte Vers des dramatischen Gedichts aus dem Munde Saladins, gerichtet an den Tempelherrn: "Er wußte was davon, und konnte mich / Zu seinem Mörder machen wollen! Wart!" lautet und also eine der möglichen Katastrophen in der Rückschau noch einmal aufblitzen läßt, lautet doch der Hauptsatz: "Und doch ist Gott!" Und der Dramatiker ist der Obergott, der dem Gott der Vorsehung gebietet und ihn leitet - und ihn so beweist.

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