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Theater: „Mysterien“ in Bochum : Ein Mann wie ein Lachs

Rotierender Herr rotiert pfeilgerade an ruhendem Damenherz vorbei: Anne Rietmeijer als Dagny und Steven Scharf als Nagel in den Bochumer „Mysterien“. Bild: Marcel Urlaub

Knut Hamsuns Roman „Mysterien“ hat einen bemerkenswerten Mann als Hauptfigur. In Bochum erobert er jetzt die Theaterbühne, inszeniert von Johan Simons.

          4 Min.

          Ist das der Phänotyp unserer Stunde? Nicht Dekadenz ist sein Pro­blem, sondern eine nervöse, fie­brige Egomanie, die der ganzen Welt trotzen und sie belehren will und mit sich selber nicht zu Rande kommt. Ein ebenso sensibler wie überheblicher Conférencier seines eigenen Lebens, ein verpeilter Sinnsucher und rigoroser Moralist, der über die eigenen Seelenschnürsenkel stolpert. Steven Scharf spielt diesen Johan Nilsen Nagel jetzt in Bochum. Ein Mann wie ein Lachs: kraftvoll, schillernd, glitschig. Immer stromaufwärts unterwegs. Aber im Grunde kommt er nicht vom Fleck.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Knut Hamsun, Bürgerschreck, Nobelpreisträger und übler Nazi-Kollaborateur bis ans Lebensende, hat sich mit dem 1892 erschienenen Roman „Mysterien“ gegen die Entzauberung der modernen Welt, die Rationalisierung der menschlichen Psyche und die Diktatur der Vernunft gewendet, hat Ibsen geschmäht und Nietzsche gehuldigt und mit Nagel, diesem „Ausländer des Daseins“, eine Art Selbstporträt geschaffen.

          Jetzt hat der Niederländer Johan Simons den Norweger Knut Hamsun im Ruhrgebiet inszeniert. Die Streicher der Bochumer Symphoniker tragen Clownskostüme und tauchen wie aus dem Nichts auf, wenn sie an die Brandmauer im Bühnenhintergrund und rechts und links über den Köpfen der Zuschauer auf die Wandvertäfelung projiziert werden. Carl Oesterhelts Erlösung verheißende, Er­lösung verweigernde Kompositionen begleiten eine eigenwillige, exakt gearbeitete Inszenierung, die immer wieder Rhythmus, Tonfall und Charakter wechselt, die den Herrenmenschen im Clown und den Clown im Herrenmenschen freilegt, in der Anne Rietmeijer als lebenshungrige Provinzschönheit Dagny aus Langeweile und kalter Backfisch­eitelkeit über Leichen geht, und die Honoratioren der Kleinstadt, in die Nagel eines Tages einfällt wie eine Plage, sich aufblasen wie Frösche im Tümpel.

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          Jing Xiang als Doktor Stenersen zele­briert ihre verlogene Pseudorationalität und Aufgeklärtheit mit stilisierter Gestik und exaltierter Körpersprache wie eine Mischung aus asiatischem Kampfsport und Tempeltanz, während William Cooper als ihr Ehemann, der „Bevollmächtigte“, die seelisch verkrüppelte männliche Obrigkeit verkörpert: ein ganz Korrekter, der Angst im Dunkeln hat und aus Schwäche andere treten und erniedrigen muss.

          Draußen, auf dem Vorplatz des Bochumer Schauspielhauses, leiten unterdessen zwei- bis dreihundert Jugendliche ihr Partywochenende ein. Sie haben ihre eigene Musik, große Lautsprecher und zahllose Getränke mitgebracht. Man sieht viel Nike und Adidas, Silberkettchen, Mascara und sorgfältig bronzierte Bauchfreiheit. Wie Putzerfische streifen erst drei, dann vier ergraute Flaschensammler zwischen den Vierzehn- bis Achtzehnjährigen umher, die in kleinen, sich ständig auflösenden und neu formierenden Grüppchen zusammenstehen. Es sind andere Posen, andere Riten als drinnen. Aber so viel anders ist nicht, worum es hier geht: sich nicht einschüchtern zu lassen von der Welt und ihrer Ordnung, in die man hineingezwungen werden soll, sich zu behaupten und zu sein, wer man will, gerade dann, wenn man nicht weiß, wer man ist. In der Pause bricht plötzlich ein Streit aus und eskaliert, minutenlang liegt eine Massenschlägerei in der Luft, Ordnungskräfte greifen ein und können nur mühsam verhindern, dass die Konfliktparteien ins Theaterfoyer eindringen. Dann geht drinnen die Vorstellung weiter.

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