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Theater : Krümelmonsterkichern auf Sondermüll

  • -Aktualisiert am

Gewalttätige junge Migranten, die sich bedroht, benachteiligt, ungehört fühlen: Der französische Film „Hass“ ist dreizehn Jahre alt und doch brandaktuell. Sebastian Nübling inszeniert die Geschichte nun an den Münchner Kammerspielen.

          Wer nicht aufpasst, verschlingt sein Glück zu gierig. „Jusqu'ici tout va bien“ steht auf den hellblauen Pappbechern mit salzigem Popcorn, die im Foyer der Münchner Kammerspiele verteilt werden. Die Vorstellung hat noch nicht begonnen, da sind die meisten Becher schon geleert - selber schuld. „Bis jetzt ging's noch ganz gut“, übersetzt der gesättigte Altpapierproduzent den verschwörerischen Slogan - und weiter? Quietschend öffnet sich ein Schacht, und eine Salve leerer Obstkartons prasselt aus einem Bühnennichts in ein anderes Bühnennichts. Mit ihnen fallen Arme und Beine. Drei Menschen schwimmen dort, irgendwo in der alten Pappe. Recycling in der Banlieue?

          „Bis jetzt ging's noch ganz gut“, wiederholt auch der Mann in Saïds Geschichte unentwegt, während er aus dem fünfzigsten Stock eines Hochhauses fällt. „Aber wichtig ist nicht der Fall, sondern die Landung.“ Diese Geschichte bildet als Gesellschaftsmetapher Pro- wie Epilog, Warnung wie Losung eines frühen Films des französischen Regisseurs und Schauspielers Mathieu Kassovitz: „La Haine“, zu Deutsch „Hass“, dreizehn Jahre alt und doch brandaktuell. Denn nicht nur in den Pariser Vorstädten herrschen unverändert Krawalle - ausgelöst durch junge Migranten, die sich bedroht, benachteiligt, ungehört fühlen. Aggression bleibt Aggression; vielerorts fällt sie lärmend aus dem Nichts, zuletzt auch in den Münchner oder Frankfurter U-Bahnen.

          Beklemmende Coolheit

          Ein Versuch, die Empfindsamkeit des Films, seine beklemmende Coolheit, sanfte Parabelhaftigkeit und tiefenpoetische Schwarzweißästhetik auf eine Theaterbühne zu transponieren, müsste unweigerlich scheitern. Das setzt Regisseur Sebastian Nübling klugerweise voraus, wenn er seine mit Dramaturgie und Ensemble erarbeitete Fassung zur Uraufführung bringt. Die Episoden, in denen der Film die vierundzwanzig (letzten) Stunden im Leben von Vinz, Hubert und Saïd umreißt, kann man zwar auch auf der Münchner Einheitsbühne von Muriel Gerstner - teils wörtlich übersetzt, teils willkürlich improvisiert - verfolgen: Am Tag nach den jüngsten Ausschreitungen, an dem der gemeinsame Freund Abdel seinen Wunden erliegen und Vinz mit einer „Bullenknarre“ Vergeltung schwören wird, versucht etwa Saïd Schuldgeld einzutreiben, Hubert vertickt und -drückt Drogen, ein Junge erzählt einen schlechten Witz, ein Fremder eine rätselhafte Geschichte.

          Zwei von ihnen sitzen für einige Stunden im Knast, alle drei flüchten in die Geborgenheit eines naiven Humors oder lassen sich aus Langeweile provozieren - ein Spiel, das am Ende immer eskaliert. Um erst gar keine Verwechslung aufkommen zu lassen, werden die drei ungleichen Freunde bei Nübling namenlos von drei sportiven Schauspielerinnen verkörpert, die das vermeintlich obligatorische Schlagwort aller Außenseiter gleich programmatisch und großbuchstäblich auf den T-Shirts über ihren Herzen zur Schau tragen: „HASS“.

          Schräg und allegorisch

          Alles an dieser androgynen Horde in den grotesken Slums ihrer Pappkartonhalde ist entweder getto- oder disneymäßig schräg und allegorisch, astreine Provokation, von Pinocchio-Nasenwurst bis Aids-Haarschleife, von Körperbandage bis Rapper-Latzhose, von „Fuck die Polarkappen!“ bis „Liberté, Égalité, Fraternité“. Doch wo der Film stets den Finger am Abzug hält, wartend, ja lauernd, „jusqu'ici tout va bien“ eben, verballern auf der Bühne Brigitte Hobmeier, Katja Bürkle (in einem kraftvollen Gast-Debüt) und Katharina Schubert eineinhalb Stunden lang unermüdlich verbale und körperliche Fäkalpatronen. Munition statt Kommunikation. Junk-Theater aus Spaß am Hass. Hassspaß ohne dezidierte Symbolik, Spaßhass ohne tieferen Verstand. Dabei findet ausgerechnet das Mobiltelefon einmal eine gewitzte Daseinsberechtigung: nicht nur als Nachrichtenlieferant oder als Videokamera, die alle mutwillige Gewalt festhält. Es liefert auch den Soundtrack zum Projekt.

          Auch Kassovitz' Film ist nicht ganz frei von Verallgemeinerung: Schließlich sind seine drei französischen Vorstadtkumpel nicht von ungefähr jüdischer, afrikanischer und arabischer Abstammung. Nübling jedoch überstreckt den Zeigefinger so sehr, dass er seine Protagonisten, und seien sie auch noch so lustig stilisiert, auf eine merkwürdig ausgestellte Beliebigkeit reduziert: Bei ihm sind die drei auf ihrer Zivilisations-Sondermüllkippe allein, jenseits jeder Sozialisation. Letztlich können sie nur aufeinander und aus sich selbst heraus reagieren, und so bezieht der Theaterabend auch keinerlei Gegenposition. Die gewalttätigen Schikanen einzelner Polizisten etwa gehen unter, wenn Katja Bürkle kurzzeitig in deren Rolle schlüpft: vorher wie nachher pöbelnd, laut und grob.

          Nicht nur einmal zielt der Lauf der Pistole mitten in den hell erleuchteten Zuschauerraum. Doch selbst mit hassgeweihtem Popcorn im Bauch bleibt die gefühlte Distanz zu diesen Witzfiguren mit ihrem bekifften Krümelmonsterkichern immens. „Bis jetzt ging's noch ganz gut. Aber wichtig ist nicht der Fall, sondern die Landung.“ Im Film ist diese Landung tödlich; die Schuldfrage steht als schweres, schwarzes, persönliches Unrecht im Raum. Auf der Bühne werden die persönlichkeitslosen Außenseiter von einer neuen Kartonsalve begraben; die Schuldfrage aber bleibt irrelevant.

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