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Theater : Kinder, wollt ihr ewig leben?

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Großes Theater: „Schutz vor der Zukunft” Bild: Dorothee Wimmer

Von den Ab- und Ausgesonderten im Zukunftstotenhaus Europa: „Schutz vor der Zukunft“, das in Wien uraufgeführte Stück Christoph Marthalers, trifft Leben und Gesellschaft ins Herz. Aktueller und bewegender kann Theater nicht sein.

          Wer ist fortpflanzungswürdig? Wen sollte man aussondern? Wer darf weiterleben? Braucht man mit fünfundsechzig noch ein neues Herz?

          Wer gibt freiwillig den Löffel ab und sieht ein, daß er von seinem sechzigsten Geburtstag an der Gesellschaft nur noch asozial zur Last fällt? Wer spendet wem jetzt schon mal welches Organ? Und wer übernimmt die Kosten für die staatlichen Maßnahmen zur Förderung eines „sozial verträglichen Frühablebens“, damit die Relation zwischen Demographie, Rentenkasse und medizinischem Fortschritt wieder stimmt und die nachgefragten Gene der Erbgesunden sich marktwirtschaftlich ungehindert durchsetzen?

          Schutz vor der Zukunft

          Der rosige, runde, gutgelaunte und durchaus kultivierte Herr, der („Meine sehr geehrten Damen und Herren“) diese Fragen hinterm Rednerpult des in weiß-goldenem Stuck morbide prunkenden Jugendstiltheatersaals des Wiener Otto-Wagner-Spitals auf der luftigen Baumgartner-Höhe stellt, wo in alten Backsteinpavillons und hinter vergitterten Fenstern immer noch die Psychiatrisierten real schaurig hausen, redet wie ein seiner Fragen längst überdrüssiger, gelangweilt im Manuskript stochernder Vorstandsvorsitzender einer Reform- und Zukunftsgesellschaft. Das Stück, in dem er auftritt, heißt „Schutz vor der Zukunft“. Es ist Theater - und trifft das Leben und die Gesellschaft mitten ins Herz (und in alle anderen Organe auch).

          Am anderen Ende der Stadt, in der oberen Schalter- und Wartehalle des Südbahnhofs, schreit derweil eine hagere, blonde Dame im grauen Kleid, eine Schauspielerin, die vorgibt, eine Stammzellbiologin darzustellen, sie schaffe den genetisch neuen Menschen, aber sie wolle fort von hier, und keiner lasse sie; ihre Kolleginnen, merkwürdigerweise dürre Huren in Abendkleidern, möchten neue Körper, wahlweise endlich sterben dürfen oder mit achtundsechzig noch ein Baby; ein chassidischer Jude steigt auf eine Leiter und kündet von der Liebe im KZ und im Getto; ein Manager fühlt sich „ausgekotzt“; ein Soldat erzählt vom Ersten Weltkrieg.

          Eishockeyfans aus Bratislava

          Derweil kommen ganz real Züge aus Budapest und Pecs in Wien an, reale Reisende strömen durchs Theaterpublikum und die Schauspieler. Ein begeisterter, gottlob stummer, aber realer Betrunkener schwenkt eine Zeitung. Eine dicke, glücklich lächelnde, aber reale Geistesgestörte umwandelt die Szene. Reale Eishockeyfans aus Bratislava in grellen Shirts und Mützen stehen lässig zigarettenrauchend am Rand. Und lassen in ihrer Lebendigkeit und Rätselhaftigkeit das rätsellose Theater furchtbar verschmockt ausschauen.

          Dessen Stück heißt „Fort Europa“, entworfen und komponiert und inszeniert von Tom Lanoye und Johan Simons, vorgetragen von einer der überschätztesten Kitschtruppen Europas, „ZT Hollandia“ aus Gent. Ein Wehweh-Gesäusel von Wohlstandsleuten, die sich „zersplittert“ vorkommen und furchtbar weltschmerzig und aktualitätsgeil tun, indem sie irgendwas von „Fliehenwollen“, „Gentechnik“, „Entkommen“, „Dableibenmüssen“ raunend ahnen, aber zu Schumann, Tango und Bach nur peinlich wirken, wenn so getan wird, als komme Europa schon zum Einsturz, wenn eine Hure entdeckt, daß ihre Brüste schlaff werden. „ZT Hollandia“ glaubt, wenn es im Bahnhof spielt, bekomme es das Leben umsonst. Der Wiener Südbahnhof aber ist theatralischer und lebendiger als diese Truppe.

          Vor dem Leben flüchten

          Im Otto-Wagner-Spital dagegen möchte das Theater vor dem Leben förmlich flüchten: in Reden, Musik, Rezitation, Spiel, Gesang. Und wenn es vom Leben und dem Schrecken und den Schmerzen und den Ungeheuerlichkeiten redet und handelt, dann ganz sachlich, wie nebenbei. Als sei dies gar nicht der Rede wert. Und als sei die Schreckensvision von weltweitem Organtausch und dem Abspritzen der „natürlich Gezeugten mit miserablen Genen“ zugunsten der künstliche Gezeugten „mit Supergenen“, die am Markt besser durchzusetzen sind, das gemütlichst Normale, ja Banale, das man lächelnd und höflich zu quittieren habe. Dazu singt ein Chor „Irgendwo auf der Welt gibt's ein kleines bißchen Glück“. Vorher hatte eine aufgedunsene Sopranistin im Rüschenkleid Bach/Gounods „Ave Maria“ geschmettert.

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