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Theater: „Kein Schiff wird kommen“ : Sehet den Elefanten in der Mücke

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Starres Kleinkind in den Armen der mädchenhaft wuscheligen Mutter: Matthias Kelle mit Lisa Wildmann Bild: dpa

Die äußerst komischen Leiden eines jungen Theaterautors: Annette Pullen nimmt in Stuttgart Nis-Momme Stockmanns neues Stück „Kein Schiff wird kommen“ so leicht, dass es schwebt. Aber eigentlich ist es kein Stück, sondern eine Fläche - und diese Fläche ist „Föhr“.

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          Der junge Dramatiker Nis-Momme Stockmann, noch keine Dreißig, Jahrgang 1981, bisher zwei Stücke, zwei Uraufführungen binnen zweier Monate, überm Theatermarkt erschienen wie ein sanft glühender Komet (siehe Nis-Momme Stockmann: Der Mann, der die Welt schmeckt ), nennt sein drittes Stück - kein Stück. Sondern: „Eine Fläche.“ Diese Fläche, die den Titel „Kein Schiff wird kommen“ trägt, ist ungefähr identisch mit der Nordseeinsel Föhr. Dort ist Stockmann geboren und aufgewachsen. Seine Wurzelfläche. Heimatboden. Lebensleinwand. Auf diese projiziert er sich. Der Held von „Kein Schiff wird kommen“ ist der Autor selbst. Wenigstens sein Double. Der junge Stockmann hat schon die witzige, alte Kunst drauf, sich zwar in den Mittelpunkt zu stellen, aber dann doch von sich abzusehen. Auch wenn sein Theaterautor am Ende sagt: „Ich sehe mich. Und sonst sehe ich nichts.“ Es geht um anderes.

          Die Insel Föhr ist ja nicht Haiti. Dort bebt die Erde nicht. Dort stürzen keine Welten ein. Dort ist nur „alles so schief, entweder vom Wind oder von betrunken geführtem Werkzeug“ - was übrigens eine jener vielen kleinen, boshaft eleganten Formulierungen Stockmanns ist, die seiner Sprache etwas sanft Überlegenes gibt.

          Hübsch blühender Unsinn

          Auf dieser „schiefen Fläche“ Föhr hinterlassen selbst die großen, weltstürzenden Umbrüche keine Wirkung. Der junge Theaterautor nimmt in Stockmanns Stück die Fähre nach Föhr nicht nur, um heimzukommen, sondern weil er ein Stück über die Wende von 1989 schreiben soll, ein großes Drama, das die Theaterverlage von ihm verlangen, die es nach „Terror, Neonazis, Mauerfall“, nach „Nachhaltigkeit“ gelüstet. Während der junge Autor mit dem Großen, Weltstürzenden nichts anfangen kann, sich über die Großmannssucht der Theaterverlage lustig macht und lieber kleinere dramatische Brötchen backen würde. Was er seinem Vater in komisch nervigen, kumpelkrampfigen Gesprächen erzählt, in denen es darum geht, was ein junger Autor zu leiden hat, der über Sachen schreiben muss, die ihn nicht interessieren, weil die Sachen, die ihn interessieren, von den Theaterintendanten nicht gespielt werden, weil die Theaterintendanten nur Stücke über die Wende von 1989 und so wollten.

          Kumpelkrampfige Gespräche zwischen Vater (Jens Winterstein) und Jungdramatiker (Matthias Kelle)

          Das ist natürlich hübsch blühender Unsinn. Die wenigsten Intendanten wollten Wende-Stücke. Aber alle Theaterverlage und Intendanten wollen zurzeit Krisenstücke. „Schreiben Sie mal was über den Kapitalismus!“ ist ja genau so grauenvoll autorenbeengend, wie es „Schreiben Sie mal was über die Wende!“ gewesen wäre. Schreibanweisungsmotto: „Autor, gib uns den Knaller!“

          Der Knaller sind in „Kein Schiff wird kommen“ nicht die Wirkungen der Wende damals auf Föhr (Papa, habt ihr dem Ossi in der Wyker Kneipe nicht eins aufs Maul gehauen? - Wieso, der war ganz höflich, hat nur seine weiße Hosen vollgekackt, weil er besoffen war.) - der Knaller ist der Tod der Mutter damals, 1989, als sie Anfing, „Gespenster zu sehen“, sich vor dem Lindenbaum im Hof vor dem Haus zu fürchten, sich den Körper an den Riemen, mit denen sie ans Bett gefesselt wurde, wundzuscheuern, alles unter sich zu lassen. Und schließlich an einem Medikament starb, das ihr der Vater verabreichte, um sie ruhigzustellen.

          Eine gewisse epische Schwerelosigkeit

          Der Knaller auf Föhr ist der Vater („Papa hat Mundgeruch“), der mit dem Tod der Mutter, mit dem kleinen Kind, das der Autor damals war, nicht umgehen kann, der rührend schwer Zugang zu dem jungen Mann findet, auf dessen Schriftstellerkarriere er stolz ist und der ihn jetzt nach großen Dingen fragt, wobei die kleinen viel größer sind. Und das größte unter ihnen ist die mögliche Liebe zwischen Vater und Sohn. Trotz allem. Womöglich für Intendanten und Theaterverleger kein Thema. Für den Theaterautor die Sensation der Gewöhnlichkeit. Stockmann ist der Dramatiker solcher Gewöhnlichkeiten, die sich als Sensationen herausstellen. Unter den jungen Dramatikern der Umkehrer: Er sieht in den kleinsten Gewöhnlichkeitsmücken die größten Dramenelefanten.

          Was sich in „Kein Schiff wird kommen“ ergibt, ist kein Drama. Es ist, wie gesagt: eine Fläche. Diese wird beschrieben mit den Aufzeichnungen des Sohnes, kurzen Berichten, die er ins Diktaphon spricht, Zitaten des Vaters, Einsprengseln der Mutter. Wer hier spielt, der berichtet zugleich, dass er spielt. Wer hier fühlt, der erzählt zugleich, dass er fühlt. Wer hier Bier trinkt, erzählt zugleich davon, dass er Bier trinkt. Das Stück hat so immer zwei Ebenen, die Fläche zwei Böden. Es eignet ihm eine gewisse epische Schwerelosigkeit.

          Im Stuttgarter Theater im Depot, einer Nebenspielstätte des Staatsschauspiels, wo die Regisseurin Annette Pullen jetzt „Kein Schiff wird kommen“ zur Uraufschwebung gebracht hat, nimmt der junge Schauspieler Matthias Kelle den jungen verzweifelten Theaterautor in Pudelmütze und Kapuzenjacke geradezu rosig strahlend leicht. Wenn er erzählt, wie er Intendanten vergebens seine Stücke anbietet, dann markiert er das zitternde und bettelnde und buckelnde Hündchen; in den Armen seiner schizophrenen Mutter ist er das starre Kleinkind; seinem Papa, der ihn mit Pizzas und „negierenden Fragen“ à la „Aber Salami willst du nicht?“ nervt, fährt er ihm knallfroschig übers Maul; die Szene, in der er sich in der Manier eines Naturalismusdramas als stolzer, aus der Fremde heimkehrender, das schäbige Dorf in Demut vor ihm kriechen sehender Sohn phantasiert, durchbebt er wie einen irren Tanz.

          Das ist so unendlich schwer

          Hier reißt einer nicht sein Herz auf. Hier sieht man einen lustigen, vom Theater- wie vom Familienbetrieb leicht angefressenen, seine Angefressenheit aber auch sanft aggressiv genießenden postpubertären Wonnekloß, der locker mehrere Herzen in seiner Brust trägt. Am rührendsten das Sohnesherz. Unter der von der Bühnenbildnerin Iris kraft genial gebauten Wohnküche ganz aus weißem Gazéestoff, die sich schon auch mal in die Luft erhebt wie eine Kleinbürger-Fata-Morgana, werden auf einem grünen Plüschsofa die Leiden des jungen Autors in einer geisterleichten Familienschlacht verarztet: in der Lazarettecke, in der auf die Wunden, die das Leben schlägt, der Balsam zaghaften, aber heilenden Verständnisses gestrichen wird.

          So ist Jens Winterstein als Vater zwischen etlichen Kästen voll von „Flensburger Pils“, deren Inhalt unaufhörlich gezischt wird, ein leicht verwahrlost zigeunernder Dreitagebärtler auf der Seins-Kippe zum Penner, aber ein verkommen-patriarchaler Nähesucher. Lisa Wildmann setzt als mädchenhaft wuschelige Mutter, Mitspielerin, Mitberichterin und Erzähltextübernehmerin gegen das große weltverändernde Drama, nach dem der Sohn sucht, das kleine Drama des weltstürzenden Sterbens einer Einsamen und Verwirrten. Mit dem Lächeln einer hexenhaften Fremdfrau.

          Drei einsame Menschen, gespielt von entspannten, gelösten und von der Regie offenbar zu einer nüchtern empathischen Menschlichkeit und Freundlichkeit hin befreiten Schauspielern. Es sind ja die einfachsten Mittel, zu denen Stockmanns Stücke die Theater verführen können: Menschen darzustellen und menschlich zu sprechen. Das ist so unendlich schwer. Und kommt so selten vor. In Stuttgart ist es jetzt auf einmal wieder ganz leicht gefallen.

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