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Theater: „Kein Schiff wird kommen“ : Sehet den Elefanten in der Mücke

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Der Knaller auf Föhr ist der Vater („Papa hat Mundgeruch“), der mit dem Tod der Mutter, mit dem kleinen Kind, das der Autor damals war, nicht umgehen kann, der rührend schwer Zugang zu dem jungen Mann findet, auf dessen Schriftstellerkarriere er stolz ist und der ihn jetzt nach großen Dingen fragt, wobei die kleinen viel größer sind. Und das größte unter ihnen ist die mögliche Liebe zwischen Vater und Sohn. Trotz allem. Womöglich für Intendanten und Theaterverleger kein Thema. Für den Theaterautor die Sensation der Gewöhnlichkeit. Stockmann ist der Dramatiker solcher Gewöhnlichkeiten, die sich als Sensationen herausstellen. Unter den jungen Dramatikern der Umkehrer: Er sieht in den kleinsten Gewöhnlichkeitsmücken die größten Dramenelefanten.

Was sich in „Kein Schiff wird kommen“ ergibt, ist kein Drama. Es ist, wie gesagt: eine Fläche. Diese wird beschrieben mit den Aufzeichnungen des Sohnes, kurzen Berichten, die er ins Diktaphon spricht, Zitaten des Vaters, Einsprengseln der Mutter. Wer hier spielt, der berichtet zugleich, dass er spielt. Wer hier fühlt, der erzählt zugleich, dass er fühlt. Wer hier Bier trinkt, erzählt zugleich davon, dass er Bier trinkt. Das Stück hat so immer zwei Ebenen, die Fläche zwei Böden. Es eignet ihm eine gewisse epische Schwerelosigkeit.

Im Stuttgarter Theater im Depot, einer Nebenspielstätte des Staatsschauspiels, wo die Regisseurin Annette Pullen jetzt „Kein Schiff wird kommen“ zur Uraufschwebung gebracht hat, nimmt der junge Schauspieler Matthias Kelle den jungen verzweifelten Theaterautor in Pudelmütze und Kapuzenjacke geradezu rosig strahlend leicht. Wenn er erzählt, wie er Intendanten vergebens seine Stücke anbietet, dann markiert er das zitternde und bettelnde und buckelnde Hündchen; in den Armen seiner schizophrenen Mutter ist er das starre Kleinkind; seinem Papa, der ihn mit Pizzas und „negierenden Fragen“ à la „Aber Salami willst du nicht?“ nervt, fährt er ihm knallfroschig übers Maul; die Szene, in der er sich in der Manier eines Naturalismusdramas als stolzer, aus der Fremde heimkehrender, das schäbige Dorf in Demut vor ihm kriechen sehender Sohn phantasiert, durchbebt er wie einen irren Tanz.

Das ist so unendlich schwer

Hier reißt einer nicht sein Herz auf. Hier sieht man einen lustigen, vom Theater- wie vom Familienbetrieb leicht angefressenen, seine Angefressenheit aber auch sanft aggressiv genießenden postpubertären Wonnekloß, der locker mehrere Herzen in seiner Brust trägt. Am rührendsten das Sohnesherz. Unter der von der Bühnenbildnerin Iris kraft genial gebauten Wohnküche ganz aus weißem Gazéestoff, die sich schon auch mal in die Luft erhebt wie eine Kleinbürger-Fata-Morgana, werden auf einem grünen Plüschsofa die Leiden des jungen Autors in einer geisterleichten Familienschlacht verarztet: in der Lazarettecke, in der auf die Wunden, die das Leben schlägt, der Balsam zaghaften, aber heilenden Verständnisses gestrichen wird.

So ist Jens Winterstein als Vater zwischen etlichen Kästen voll von „Flensburger Pils“, deren Inhalt unaufhörlich gezischt wird, ein leicht verwahrlost zigeunernder Dreitagebärtler auf der Seins-Kippe zum Penner, aber ein verkommen-patriarchaler Nähesucher. Lisa Wildmann setzt als mädchenhaft wuschelige Mutter, Mitspielerin, Mitberichterin und Erzähltextübernehmerin gegen das große weltverändernde Drama, nach dem der Sohn sucht, das kleine Drama des weltstürzenden Sterbens einer Einsamen und Verwirrten. Mit dem Lächeln einer hexenhaften Fremdfrau.

Drei einsame Menschen, gespielt von entspannten, gelösten und von der Regie offenbar zu einer nüchtern empathischen Menschlichkeit und Freundlichkeit hin befreiten Schauspielern. Es sind ja die einfachsten Mittel, zu denen Stockmanns Stücke die Theater verführen können: Menschen darzustellen und menschlich zu sprechen. Das ist so unendlich schwer. Und kommt so selten vor. In Stuttgart ist es jetzt auf einmal wieder ganz leicht gefallen.

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