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Theater in Paris : Auf Messers Schneide

  • -Aktualisiert am

Isabelle Huppert in Robert Wilsons Inszenierung von „Mary Stuart“ Bild: Lucie Jansch

Zwei große Schauspielerinnen verzaubern Paris: Isabelle Huppert als Maria Stuart im „Théâtre de la Ville“ und Isabelle Adjani als Myrtle Gordon aus John Cassavetes „Opening Night“ im „Théâtre des Bouffes du Nord“.

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          Normalerweise sind die zehn Tage der Filmfestspiele von Cannes ein Moment, in dem Paris ohne Stars dasteht. Die Ikonen stehen in schönen Kleidern an der Côte d’Azur in der Sonne oder liegen am Pool des Hotel Martinez, den Daheimgebliebenen in der Hauptstadt bleiben nur der Regen und die B-Prominenz. In dieser Cannes-Woche war es allerdings anders. Während am Donnerstagabend im Grand Théâtre Lumière von Cannes der umstrittene Film „Mektoub My Love: Intermezzo“ von Abdelatif Kechiche seine Premiere feierte, konnte man etwa zur selben Zeit in der Hauptstadt zwei Schauspiel-Legenden, Gigantinnen ihres Fachs, auf zwei Bühnen sehen: Isabelle Huppert als Maria Stuart im „Théâtre de la Ville“ und Isabelle Adjani als Myrtle Gordon aus John Cassavetes „Opening Night“ im „Théâtre des Bouffes du Nord“. Die Abende könnten unterschiedlicher nicht sein.

          Isabelle Huppert, man kann es nicht anders sagen, ist an diesem Abend eine Maschine. Robert Wilson’s Theatermaschine. Es ist kurz nach zwanzig Uhr, als sich der Samtvorhang für die zweite Vorstellung von „Mary Said What She Said“ hebt. Auf der Bühne ist nicht mehr als eine blau leuchtende Leinwand und eine Silhouette im ausladenden Renaissance-Kleid zu sehen, man hört Kinderlachen durch den Raum schweben, Klaviermusik, die schwarze Gestalt bewegt sich mechanisch, wie eine Puppe: „Mary hat gesagt was sie gesagt hat, weil ...“, so beginnt der Monolog, den Huppert knapp neunzig Minuten lang runterrattert wie einen Rap.

          Ein Leben im Schnelldurchgang

          Sie rezitiert den Text des Amerikaners Darryl Pinckney, begleitet von der Musik Ludovico Enaudis, in rasantem Tempo, wiederholt die Sätze immer und immer wieder, betont sie neu, als Frage, als Anklage, lacht zwischendurch schrill auf, nahezu hysterisch, wie eine, die gefasst sein will, dann aber doch von der Angst wie von einem Messer durchbohrt wird. Sie rezitiert immer weiter, artikuliert übertrieben, so als sei dies eine Sprechübung und keine Aufführung, so lange, bis sich ihr blasses Gesicht zu einer Grimasse verzieht und sie mit weit geöffnetem Mund einen tonlosen Schrei in den Zuschauerraum wirft.

          Vielleicht ist diese Schauspielerin mehr für den Film als für die Bühne gemacht: Isabelle Adjani in „Opening Night“.

          Dort, im Zuschauerraum, in dem man unter anderen den Schriftsteller Edouard Louis erkennt, wittert man schon nach einer halben Stunde eine leichte Erschöpfung. Von dem, was Huppert erzählt, versteht man nur Bruchstücke: „Mary“ hat soeben erfahren, dass ihre Cousine, Elisabeth I., ihr Todesurteil unterzeichnet hat und die Hinrichtung am nächsten Tag stattfinden wird. Davon ausgehend, rollt sie ihr Leben im Schnelldurchgang auf: Da ist Frankreich, dessen Königin sie als Sechzehnjährige ein Jahr lang war, da ist die Rückkehr nach Schottland, zu ihrem Thron, die Heirat mit Henry Stuart, der Mord an diesem, die erneute Heirat, diesmal mit James, die Flucht, das Kind, das zurückbleibt, die achtzehn Jahre Gefangenschaft in England, die Cousine, Elisabeth I., die sie des Hochverrats beschuldigt und köpfen lassen wird. Und da sind immer wieder ihre Mägde: Die vier „Marys“, Beaton, Seton, Fleming und Livingston. Huppert wirft uns diese Elemente der Geschichte hin, wie Fetzen, wie einen verwirrten Bewusstseinsstrom, aus dem wir selbst einen Sinn zusammenflicken können. Oder auch nicht.

          Minimalistisches Tableau

          Schon ihr letzter Theaterauftritt in Paris, damals als „Phèdre(s)“, inszeniert von Krzysztof Warlikowski, war vor allem des physischen Kraftaktes wegen beeindruckend. Hier ist es ebenso, nur aus einem ganz anderen Grund. Wo sie damals vor Emotion und Leidenschaft zu platzen drohte, ist sie nun so starr, so unmenschlich, dass man fast vergisst, dass diese Stimme auch einen Körper hat. Isabelle Huppert sei eine der wenigen Schauspielerinnen, die fähig und willens seien, Abstraktion zu spielen, sagte Robert Wilson vor einigen Monaten. Und tatsächlich hat man hier den Eindruck, dass sie ausschließlich dazu da ist, das Material, die Farbe und den Pinsel für Wilson’s minimalistisches Tableau abzugeben. Von ihr selbst, der mächtigen Frau, der Ikone, ist in dieser technisch perfekten, aber unterkühlten Frauenrolle nichts zu finden.

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