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Premiere von Madame Nielsen : Nur ein Martyrium rettet das Klima

  • -Aktualisiert am

Will der Mensch überleben, muss er die Menschlichkeit opfern: Madame Nielsen als „Madame Il Duce Mishima“, Bild: Emilie Therese

Vom Terror in Andersens Märchenstadt: Madame Nielsen zeigt mit „Die Welterlöserin“ ihr neustes Teufelswerk.

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          Man hat lange nichts mehr vom Staat gehört auf dem Theater. Das verwundert nicht: In seiner gegenwärtigen Ausprägung taugt er weder zum Sujet noch zur Rolle. Von der Tragik des Schmittschen Souveräns trennt ihn nahezu alles, weil wir es auch so wollten und weil wir noch halbwegs wissen, wozu dieser Souverän im Zweifel auch noch fähig ist. In seiner Handlungsmacht beschnitten, bleibt der Staat auf der Bühne aber Statist, und leiht man ihm dennoch ein paar Zeilen Text (etwa bei Inaugurationsfeiern amerikanischer Präsidenten), dann weiß man danach auch schnell wieder, warum man so etwas besser unterlässt. Der Staat ist ein schlechter Schauspieler.

          Wenn „Die Welterlöserin“ (dänisch: „Verdensfrelserinden“), das jüngste Stück der dänischen Universalkünstlerin Madame Nielsen und des Regisseurs Christian Lollike, nun den Staat wieder zum theatralen Zentrum erhebt, dann ist das folglich erklärungsbedürftig. Nielsens Darbietung ruht auf der durchaus schlüssigen Beobachtung auf, dass die Klimakatastrophe in Wahrheit der Ausgang einer Hamlet-Tragödie ist. Wir befinden uns längst in einem Ausnahmezustand, wir leben in ihm, aber derjenige, der eigentlich über den Ausnahmezustand gebietet – der Staat – zaudert, wägt ab, lässt wählen, verfolgt Partikularinteressen. Er hat vergessen, wer er eigentlich ist, oder besser: er hatte es vergessen. In der Pandemie nämlich fand er auf einmal momenthaft wieder zu sich, verhängte Ausgangssperren, befahl den großen Konzernen über Nacht, ihre Produktion umzustellen, eliminierte den Tourismus und reduzierte die CO2-Emission damit nahezu auf ein notwendiges Niveau. Und nun, mit Blick auf die fortschreitende Erderwärmung, stellt sich die Frage: Ist es nicht gerade dieser Staat, der zu retten wäre und der allein uns zu retten verstünde? Und so betritt nun in Gestalt der Madame Nielsen der Souverän erneut die Bühne – als „verdenstaten“, als Weltstaat.

          Die Heuchelei der Künstler

          Was sich am vergangenen Dienstag im „Teater Momentum“ von Odense vor den Augen und Ohren des Publikums entfaltet, will nicht nur als eine „Vorstellung‘ gelesen werden. Kunst war dem „Nielsen Movement“ noch nie Selbstzweck. Nicht, als der Theaterkritiker und Schriftsteller Claus Beck-Nielsen im Jahr 2000 von einem Tag auf den anderen zu einer namenlosen Straßenexistenz wurde. Nicht, als nach seinem Selbstmord ein Jahr darauf das „Beckwerk“ erst eine Silikonnachbildung dieser Person auf dem Kopenhagener Assistens-Friedhof beisetzen ließ und anschließend einen somit endgültig zum Phantom gewordenen Leptosomen als Emissär der Demokratie in den Irak und nach Afghanistan schickte. Nicht, als 2013 Nielsen aus einer französischen Klosterzelle als Frau wiederkehrte und nicht, als diese Frau sich vor drei Jahren auf der Bühne in eine schwarze Madonna verwandelte. Und an diesem Abend in Odense: natürlich immer noch nicht.

          Umringt vom Streichquartett „Halvcirkel“ nimmt Nielsen die Zuschauer mit auf eine Zeitreise, genau genommen sind es sogar zwei Zeitreisen. Die erste folgt der Spur einer bemerkenswerten Karriere, die ihren Anfang in der dänischen Musikszene der 80er nimmt, um späterhin unter den Leitsternen Andy Warhols und Karen Blixens ihre Bestimmung in einer Kunst der Ikone zu finden. Nielsen lässt diese Momente erzählend vorbeiflanieren. Sie spricht von „ihr“, dieser ausgemergelten Erscheinung, die nach ihrem Tod „mindestens zwanzig verschiedene Leben gelebt“ hat, von ihren Irrfahrten, ihrer Selbstbeherrschung und ihren Wünschen. Und dort, wo die Wünsche lauern, beginnt die „Welterlöserin“. Was nämlich wird aus dem künstlerischen Anspruch, in Büchern, Liedern, auf dem Theater die Welt zu verändern, wenn die Welt zu brennen beginnt? Wie ernst kann sich eine Kunst noch nehmen, wenn sie selbst nicht ernst macht mit dem Anspruch auf Welterlösung? Der Wunsch, die Einladung ans Literaturfestival nach Buenos Aires doch anzunehmen und im Namen der guten Sache um den Globus zu fliegen – er entwertet das Werk der geladenen Person und verwandelt diese in eine Heuchlerin. Es versteht sich von selbst, dass diese Verwandlung einer Künstlerin, deren Figur immer schon auch selbst leibhaft das Kunstwerk war, unerträglich werden muss. Und es versteht sich von selbst, dass sie auf diese Anfechtungen durch die Kulturindustrie nur eine rigorose Antwort geben kann: die des Martyriums.

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