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Theater in New York : Hier spielt die Politik

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Wie stehen die Aktien? Robert Beitzel als Agent bei der Weltpremiere des nachgelassenen Stücks „Masks Outrageous and Austere“ von Tennessee Williams Bild: Carol Rosegg

Neu entdeckt und neu inszeniert: Stücke von Bruce Norris, Tennessee Williams und Gore Vidal. Ein Rundgang über den Broadway in politisierten Zeiten.

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          Nicht nur auf der Bühne, im gesamten broadwaybarocken Gerald Schoenfeld Theatre tobt der Wahlkampf. Wo eine ungenannte Partei ihren nächsten Präsidentschaftskandidaten küren will, versinkt der Zuschauerraum unter Sternenbannern und tragen selbst die Platzanweiser und Limonadenverkäufer noch Strohhüte, die in den Nationalfarben leuchten. Wer nur zusehen und zuhören will, hat sich das falsche Theater ausgesucht. Im Eintrittspreis enthalten ist das obligatorische Bad in einer Stimmungsmache, die sich weder die Hits des patriotischen Liedguts noch das Kauderwelsch flott zerfetzter Ansprachen verkneift. Und das alles, bevor das eigentliche Stück begonnnen hat.

          Gespielt wird „The Best Man“, ein Politdrama des Essayisten, Romanciers, Drehbuchschreibers, glücklosen Senatskandidaten und notorischen Amerika-Kritikers Gore Vidal. Vor mehr als einem halben Jahrhundert am Broadway uraufgeführt, hat das Lehr- und Unterhaltungsstück nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Verstaubt, wenn nicht geradezu putzig verwittert ist es doch.

          Oder gibt es heute noch jemanden, der sich von Politikern schocken ließe, die bloß ans Maximieren ihrer Wahlchancen denken und über all dem dafür unentbehrlichen Intrigieren, Sabotieren und Torpedieren einfach keine Zeit mehr haben, sich mit ohnehin lästigen Sachfragen zu beschäftigen? Vidal hat ja so was von recht, und weil das so ist und weil die Zustände, die er schildert, sich heute noch sehr viel skandalöser zugespitzt haben, bleibt „The Best Man“ dazu verdammt, auf eine nur allzu bekannte Moralpauke zu hauen.

          Kein Triumph eines Übeltäters

          Herbeitrommeln lassen sich damit aber noch eine ganze Menge Leute. Sechs Monate vor der Präsidentenwahl im sozusagen wirklichen amerikanischen Leben ist das Theater bis auf den letzten Platz besetzt. Auftritts- und Szenenapplaus branden jedoch keinen Schauspielern entgegen, die als Parteisoldaten, Präsidentschaftskandidaten oder deren Ehefrauen darstellerisch für Hochspannung sorgen. Stars, Veteranen von Film und Fernsehen mit Namen wie Angela Lansbury, James Earl Jones, Candice Bergen und John Larroquette sind das Schmiermittel, das den Motor von Vidals Bühnenkreuzer zwar nicht vom Knirschen abbringt, aber am Laufen hält.

          Es geht um zwei Kandidaten, deren einer sich noch einen Rest von moralischer Haltung bewahrt und deren anderem kein Mittel zu widerwärtig ist, um sein Ziel zu erreichen. Klar, dass am Theaterboulevard dem Publikum kein Übeltäter zugemutet wird, der am Ende triumphiert. Zugleich wäre der halbwegs Gute auf dem Präsidententhron eine viel zu märchenhafte Lösung. Also beschließt der Autor, eine Art deus ex machina ins Weiße Haus zu schicken. Spätestens da erweist sich „The Best Man“ als unfähig, dem bevorstehenden Drama „Obama gegen Romney“ Konkurrenz zu machen.

          Ein aktuelles Rassendrama

          Es wäre voreilig, deswegen am Boulevard und seinen dramatischen Gewohnheiten ganz zu verzweifeln. So hat er endlich auch „Clybourne Park“ zu bieten, ein Stück, das ihn gewiss nicht sprengt, aber sogar seinen unterhaltsamen Zügen eine Sprengkraft verleiht, die echtes Bühnenleben freisetzt. Schallend gelacht wird in dem Zweiakter, den Bruce Norris erst im Jahr 1959 spielen lässt, dann fünfzig Jahre danach fortsetzt, allerdings ohne einen Abschluss zu finden. Wie auch? Ein Schwarzer mag inzwischen ins Weiße Haus eingezogen sein, aber im Haus in Clybourne Park kristallisieren sich damals wie jetzt die Folgen dessen, was gern als Rassenproblem umschrieben wird. Und darüber wird gelacht? Und werden auch noch zotige Witze in Serie gerissen?

          Das Lachen, das Norris eingeplant hat, ist alles andere als befreiend. „Clybourne Park“ ist noch weniger zuversichtlich als „A Raisin in the Sun“, Lorraine Hansberrys Klassiker unter Amerikas Rassendramen, auf den das neue Stück direkt verweist. Die schwarze Familie, die nach dem Ende des ersten Akts ins Haus von Bev und Russ, einem weißen Ehepaar in einem bis dahin weißen Stadtteil, zieht, hat sich Hansberry ausgedacht. Es sind die Youngsters.

          Versuche der Kontaktaufnahme

          Im zweiten Akt von „Clybourne Park“ sind die Youngsters schon wieder weg. Das Haus ist heruntergekommen, graffitiverschmiert, abbruchreif. Tatsächlich wollen Lindsey und Steve, ein junges, weißes Ehepaar, es abreißen und ein neues bauen. Ihre Nachbarn Lena und Kevin, ein schwarzes Ehepaar in dem mittlerweile schwarzen Stadtteil, können sich damit nicht gerade anfreunden. Lindsey und Steve sind für sie weiße Eindringlinge, die ihre schwarze Welt, wie unvollkommen sie auch sein mag, zerstören. So weit die Handlungsoberfläche. Norris belässt es nun aber beim Schwarzweißkonflikt ebenso wenig wie beim Gentrifizierungsgefecht. Banale Differenzen, ob beim Essen, Sprechen oder Witzereißen, weiten sich auf einmal über Rassen- und Zeitgrenzen hinaus in ein erschreckendes, weil urmenschliches Nichtbegreifen.

          „Clybourne Park“, das ist ein Absurdistan, wo keiner in der Lage ist, dem andern zuzuhören, von verstehen gar nicht zu reden. Lappalien entpuppen sich als Kriegserklärungen. Jeder Gedanke fordert eine groteske Verdrehung heraus, jede persönliche Regung trägt in sich schon den gesellschaftlichen Verstoß. Anders gesagt: Wie man es auch macht, immer ist es falsch. Zum Lachen, zum Brüllen komisch sind diese vergeblichen Versuche zwischenmenschlicher Kontaktaufnahme, dieses blinde Heran- und Herumtasten im grell ausgeleuchteten Beziehungslabor, diese Sehnsucht, diese Aussichtslosigkeit, ein geschwätziges Vakuum mit Leben zu füllen. Nichts bietet Halt, überall nur Misstrauen, Unzugänglichkeit, Menschen so glitschig wie Verwandlungskünstler. Russ, ein etwas grantiger, aber vernünftiger Kerl. Nein, ein armes Schwein. Nein, ein Monster. Bei Norris wird kein endgültiges Resümee gezogen.

          Eine Erbin und ihr Gigolo

          Vom Off Broadway hat es „Clybourne Park“ erst über London und Los Angeles an den Broadway geschafft, versehen bereits mit Pulitzerpreis und Laurence Olivier Award. Demnächst dürften ein paar Tonys fällig werden, nachdem das Stück gestern in vier Kategorien, darunter selbstverständlich „Best Play“, für jenen begehrtesten aller New Yorker Theaterpreise nominiert wurde.

          Eine Erfolgsstory, wie sie „In Masks Outrageous and Austere“ wohl kaum bevorsteht. Im kleinen Theater des Culture Project ist das angeblich letzte abendfüllende Drama, das Tennessee Williams hinterlassen hat, in einer technologisch überreizten Uraufführung zu erleben. Von Wänden aus Leuchtdioden und verspiegeltem Glas umgeben, kann sich der Zuschauer in einen sterilen Nightclub versetzt fühlen, aber das Personal, das dort gleich seine mannigfachen Psychosen ausstellt, stammt eindeutig aus dem schwülen Theaterreich des Südstaatenbarden.

          Die alternde, schwerreiche, total überspannte Erbin, die samt Gigolo und dessen Lustknabe in ein mysteriöses Niemandsland entführt wurde, musste zuvor etwa durch „Süßer Vogel Jugend“ geistern. Shirley Knight, seit Jahrzehnten Spezialistin für solch fragile Megären Williamsschen Zuschnitts, lässt da keine überhitzten Wünsche offen. Auch sie kann aber „In Masks Outrageous and Austere“ nicht davor bewahren, wie die Karikatur eines Tennessee-Williams-Stücks zu wirken. Nur der verdreifachte Agent Smith aus den „Matrix“-Filmen stört regietheatermäßig die Séance. Dafür passt er in den Nightclub.

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