https://www.faz.net/-gqz-6zlip

Theater in New York : Hier spielt die Politik

  • -Aktualisiert am

Wie stehen die Aktien? Robert Beitzel als Agent bei der Weltpremiere des nachgelassenen Stücks „Masks Outrageous and Austere“ von Tennessee Williams Bild: Carol Rosegg

Neu entdeckt und neu inszeniert: Stücke von Bruce Norris, Tennessee Williams und Gore Vidal. Ein Rundgang über den Broadway in politisierten Zeiten.

          4 Min.

          Nicht nur auf der Bühne, im gesamten broadwaybarocken Gerald Schoenfeld Theatre tobt der Wahlkampf. Wo eine ungenannte Partei ihren nächsten Präsidentschaftskandidaten küren will, versinkt der Zuschauerraum unter Sternenbannern und tragen selbst die Platzanweiser und Limonadenverkäufer noch Strohhüte, die in den Nationalfarben leuchten. Wer nur zusehen und zuhören will, hat sich das falsche Theater ausgesucht. Im Eintrittspreis enthalten ist das obligatorische Bad in einer Stimmungsmache, die sich weder die Hits des patriotischen Liedguts noch das Kauderwelsch flott zerfetzter Ansprachen verkneift. Und das alles, bevor das eigentliche Stück begonnnen hat.

          Gespielt wird „The Best Man“, ein Politdrama des Essayisten, Romanciers, Drehbuchschreibers, glücklosen Senatskandidaten und notorischen Amerika-Kritikers Gore Vidal. Vor mehr als einem halben Jahrhundert am Broadway uraufgeführt, hat das Lehr- und Unterhaltungsstück nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Verstaubt, wenn nicht geradezu putzig verwittert ist es doch.

          Oder gibt es heute noch jemanden, der sich von Politikern schocken ließe, die bloß ans Maximieren ihrer Wahlchancen denken und über all dem dafür unentbehrlichen Intrigieren, Sabotieren und Torpedieren einfach keine Zeit mehr haben, sich mit ohnehin lästigen Sachfragen zu beschäftigen? Vidal hat ja so was von recht, und weil das so ist und weil die Zustände, die er schildert, sich heute noch sehr viel skandalöser zugespitzt haben, bleibt „The Best Man“ dazu verdammt, auf eine nur allzu bekannte Moralpauke zu hauen.

          Kein Triumph eines Übeltäters

          Herbeitrommeln lassen sich damit aber noch eine ganze Menge Leute. Sechs Monate vor der Präsidentenwahl im sozusagen wirklichen amerikanischen Leben ist das Theater bis auf den letzten Platz besetzt. Auftritts- und Szenenapplaus branden jedoch keinen Schauspielern entgegen, die als Parteisoldaten, Präsidentschaftskandidaten oder deren Ehefrauen darstellerisch für Hochspannung sorgen. Stars, Veteranen von Film und Fernsehen mit Namen wie Angela Lansbury, James Earl Jones, Candice Bergen und John Larroquette sind das Schmiermittel, das den Motor von Vidals Bühnenkreuzer zwar nicht vom Knirschen abbringt, aber am Laufen hält.

          Es geht um zwei Kandidaten, deren einer sich noch einen Rest von moralischer Haltung bewahrt und deren anderem kein Mittel zu widerwärtig ist, um sein Ziel zu erreichen. Klar, dass am Theaterboulevard dem Publikum kein Übeltäter zugemutet wird, der am Ende triumphiert. Zugleich wäre der halbwegs Gute auf dem Präsidententhron eine viel zu märchenhafte Lösung. Also beschließt der Autor, eine Art deus ex machina ins Weiße Haus zu schicken. Spätestens da erweist sich „The Best Man“ als unfähig, dem bevorstehenden Drama „Obama gegen Romney“ Konkurrenz zu machen.

          Ein aktuelles Rassendrama

          Es wäre voreilig, deswegen am Boulevard und seinen dramatischen Gewohnheiten ganz zu verzweifeln. So hat er endlich auch „Clybourne Park“ zu bieten, ein Stück, das ihn gewiss nicht sprengt, aber sogar seinen unterhaltsamen Zügen eine Sprengkraft verleiht, die echtes Bühnenleben freisetzt. Schallend gelacht wird in dem Zweiakter, den Bruce Norris erst im Jahr 1959 spielen lässt, dann fünfzig Jahre danach fortsetzt, allerdings ohne einen Abschluss zu finden. Wie auch? Ein Schwarzer mag inzwischen ins Weiße Haus eingezogen sein, aber im Haus in Clybourne Park kristallisieren sich damals wie jetzt die Folgen dessen, was gern als Rassenproblem umschrieben wird. Und darüber wird gelacht? Und werden auch noch zotige Witze in Serie gerissen?

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.