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Theater in New York : Hier spielt die Politik

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Das Lachen, das Norris eingeplant hat, ist alles andere als befreiend. „Clybourne Park“ ist noch weniger zuversichtlich als „A Raisin in the Sun“, Lorraine Hansberrys Klassiker unter Amerikas Rassendramen, auf den das neue Stück direkt verweist. Die schwarze Familie, die nach dem Ende des ersten Akts ins Haus von Bev und Russ, einem weißen Ehepaar in einem bis dahin weißen Stadtteil, zieht, hat sich Hansberry ausgedacht. Es sind die Youngsters.

Versuche der Kontaktaufnahme

Im zweiten Akt von „Clybourne Park“ sind die Youngsters schon wieder weg. Das Haus ist heruntergekommen, graffitiverschmiert, abbruchreif. Tatsächlich wollen Lindsey und Steve, ein junges, weißes Ehepaar, es abreißen und ein neues bauen. Ihre Nachbarn Lena und Kevin, ein schwarzes Ehepaar in dem mittlerweile schwarzen Stadtteil, können sich damit nicht gerade anfreunden. Lindsey und Steve sind für sie weiße Eindringlinge, die ihre schwarze Welt, wie unvollkommen sie auch sein mag, zerstören. So weit die Handlungsoberfläche. Norris belässt es nun aber beim Schwarzweißkonflikt ebenso wenig wie beim Gentrifizierungsgefecht. Banale Differenzen, ob beim Essen, Sprechen oder Witzereißen, weiten sich auf einmal über Rassen- und Zeitgrenzen hinaus in ein erschreckendes, weil urmenschliches Nichtbegreifen.

„Clybourne Park“, das ist ein Absurdistan, wo keiner in der Lage ist, dem andern zuzuhören, von verstehen gar nicht zu reden. Lappalien entpuppen sich als Kriegserklärungen. Jeder Gedanke fordert eine groteske Verdrehung heraus, jede persönliche Regung trägt in sich schon den gesellschaftlichen Verstoß. Anders gesagt: Wie man es auch macht, immer ist es falsch. Zum Lachen, zum Brüllen komisch sind diese vergeblichen Versuche zwischenmenschlicher Kontaktaufnahme, dieses blinde Heran- und Herumtasten im grell ausgeleuchteten Beziehungslabor, diese Sehnsucht, diese Aussichtslosigkeit, ein geschwätziges Vakuum mit Leben zu füllen. Nichts bietet Halt, überall nur Misstrauen, Unzugänglichkeit, Menschen so glitschig wie Verwandlungskünstler. Russ, ein etwas grantiger, aber vernünftiger Kerl. Nein, ein armes Schwein. Nein, ein Monster. Bei Norris wird kein endgültiges Resümee gezogen.

Eine Erbin und ihr Gigolo

Vom Off Broadway hat es „Clybourne Park“ erst über London und Los Angeles an den Broadway geschafft, versehen bereits mit Pulitzerpreis und Laurence Olivier Award. Demnächst dürften ein paar Tonys fällig werden, nachdem das Stück gestern in vier Kategorien, darunter selbstverständlich „Best Play“, für jenen begehrtesten aller New Yorker Theaterpreise nominiert wurde.

Eine Erfolgsstory, wie sie „In Masks Outrageous and Austere“ wohl kaum bevorsteht. Im kleinen Theater des Culture Project ist das angeblich letzte abendfüllende Drama, das Tennessee Williams hinterlassen hat, in einer technologisch überreizten Uraufführung zu erleben. Von Wänden aus Leuchtdioden und verspiegeltem Glas umgeben, kann sich der Zuschauer in einen sterilen Nightclub versetzt fühlen, aber das Personal, das dort gleich seine mannigfachen Psychosen ausstellt, stammt eindeutig aus dem schwülen Theaterreich des Südstaatenbarden.

Die alternde, schwerreiche, total überspannte Erbin, die samt Gigolo und dessen Lustknabe in ein mysteriöses Niemandsland entführt wurde, musste zuvor etwa durch „Süßer Vogel Jugend“ geistern. Shirley Knight, seit Jahrzehnten Spezialistin für solch fragile Megären Williamsschen Zuschnitts, lässt da keine überhitzten Wünsche offen. Auch sie kann aber „In Masks Outrageous and Austere“ nicht davor bewahren, wie die Karikatur eines Tennessee-Williams-Stücks zu wirken. Nur der verdreifachte Agent Smith aus den „Matrix“-Filmen stört regietheatermäßig die Séance. Dafür passt er in den Nightclub.

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