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Theater in Hamburg : Gut, besser, bestialisch

  • -Aktualisiert am

Am Ende erwächst aus den Trümmern eine Art Liebe: Maria Schrader als Martha und Devid Striesow als George Bild: Arno Declair

Willkommen im Seziersaal der Affekte: Karin Beier inszeniert Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ am Schauspielhaus Hamburg mit Maria Schrader und Devid Striesow.

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          Im Schauspielhaus Hamburg, mit über tausend Plätzen das größte Sprechtheater der Republik, pflegt man in der Intendanz der Regisseurin Karin Beier eine Tugend, die nicht überall verbreitet ist: Humor. So beginnt diesmal das Programmheft zu Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ (Redaktion: Christian Tschirner, Dramaturg) mit einigen dick eingerahmten „Warnhinweisen“. „Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass in dieser Vorstellung exzessiv geraucht wird“, heißt es, oder: „Zwei möglicherweise alkoholkranke Figuren werden von nicht alkoholkranken Darsteller*innen gespielt (Zeitpunkt der Drucklegung)“, oder: „Wir danken für Ihr Verständnis und versichern Ihnen, dass dafür unter keinen Umständen Nackte zu sehen sein werden.“

          Elegant sichert man sich damit einerseits gegen die Auswüchse der Political Correctness ab und amüsiert sich andererseits mit Charme und Schmäh über sie, indem man Freiheit wie Autonomie der Kunst betont. Um das weite Feld der eben nicht regulierbaren menschlichen Leidenschaften, Absichten und Verfehlungen geht es schließlich in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ von Edward Albee, 1962 in New York uraufgeführt und bis heute der Klassiker zum Thema „Eheliche Hölle in der guten Stube“ – wenn sich also ein Paar bis aufs Blut quält und trotzdem nicht auseinander kann. August Strindberg hat’s in seinem „Totentanz“ vorgemacht, Lars Norén in „Dämonen“ aufgefrischt. Aber auf die absurd-existentialistische Art und Weise, wie nun Karin Beier dieses pointierte, komisch-tieftraurig toxische Abgrundstück inszeniert, sind eher Autoren wie Beckett oder Sartre die Paten.

          Dementsprechend ist die von Thomas Dreissigacker entworfene Bühne unter sechs herabhängenden Lampen leer bis auf zwei weiße, flache Podeste. Hinten wächst ein kahler Baumstamm vom Boden durch die Decke und wirkt ebenso stylish wie degeneriert. Nach und nach werden in diesem Seziersaal der Affekte überall Gläser und Schnapsflaschen herumstehen, die von den Servierwagen stammen, die George, Hausherr und Geschichtsprofessor, hereinbrachte. Er schwankt am Anfang mit seiner auch betrunkenen Frau Martha müde von einer Party des Colleges herein, das Marthas Vater aufgebaut hat.

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          Doch der ohnedies lange Abend ist noch nicht zu Ende, weil sie den neuen Biologieprofessor samt Gattin als späte Gäste eingeladen hat. George ist sauer und möchte lieber ins Bett, Martha hingegen will das überhaupt nicht. Was beide sonst wollen oder nicht, dauert hier zwei Stunden – oder zwei Leben oder tau-send Tode. Der fesche Nick und seine namenlose beschränkte Frau, die einfach „Süße“ genannt wird, sind in dieser – nicht der ersten, nicht der letzten – Schlacht der Liebesleidensgiganten lediglich Kanonenfutter. Die anderen lassen sie erst weg, als der Morgen graut und der Alkohol bloß zu wüster Selbstentblößung – und grenzenloser Ernüchterung geführt hat.

          Maria Schrader und Devid Striesow als apokalyptische Ehereiter flechten in ihren schlimmen Hickhack freilich immer wieder schöne Momente des komplizenhaften Einverständnisses ein. Mal lachen sie über einen gelungenen Witz, mal verbünden sie sich in blindem Einverständnis gegen ihre Gäste. Josefine Israel poliert ihre „Süße“ mehr als naives denn als dummes Hascherl auf, das im treibsandigen Zynismus dieses Treffens keine Chance hat. Matti Krause als ihr ziemlich karrieristischer Mann möchte zwar nie wie George werden, ist allerdings, ungeachtet seiner ambitionierten Pläne, wohl direkt auf dem Weg dahin. In der Öde der kalten Bühnenlandschaft werden alle zu verirrten Clowns in eigener Sache und ihre bösen Kämpfe zu beklemmenden, obsessiven Endspielen der Liebe.

          Die bei aller analytischen Distanz menschenfreundlich durchgezeichnete Regie Karin Beiers gibt dem Ensemble viel Luft für ihre Rollen. Und die vier nutzen den psychologisch offenen Raum mit mentaler wie physischer Geistesgegenwart. Das Energielevel ist formvollendet hoch, die freigesetzten Kräfte lassen die Figuren fliegen und festkleben, sich verstecken und verlaufen, gewinnen müssen und verlieren wollen. Der Alkohol tröstet die trüben Tassen nicht, er macht sie dagegen nur noch trister: „Gut, besser, am besten, bestialisch“, steigert George einmal grammatikalisch falsch und inhaltlich richtig.

          Wenn sie sich am Ende um Kopf und Seele gesoffen haben, ohne ihren Weltekel wegspülen zu können, wenn Nick und Gattin endlich fort sind, nimmt George plötzlich Martha in die Arme – und sie lässt es zu. „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, singt er leise das alte Kinderlied, sie antwortet desillusioniert: „Ich.“ Zerzaust und geschockt verharren sie da wie die ersten Menschen auf der Erde, wie just vertrieben aus dem Paradies. Karin Beiers meisterliche Inszenierung mit dem grandiosen Ensemble zeigt wunderbar herzlich, wie gültig Albees Stück ist: Ganz im Ernst und heiter gelöst, nicht als Salonkomödienwitz, sondern als Paartherapietragödienkatastrophe. Großer Premierenjubel.

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