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Theater in Frankfurt : Hier stockt der Sprecher

Statuen in Zeitlupe: Goethes „Wilhelm Meister”-Roman als Bühnenstück in Frankfurt Bild: Birgit Hupfeld

So leicht ist diesem Bildungsroman nicht beizukommen: Am Schauspiel Frankfurt versenkt Regisseur Ulrich Rasche Goethes „Wilhelm Meister“ in einem Menschenwasserfall - eine theatralische Blendung.

          Wer eine große Sache vorhat, wird leicht nervös bei dem Gedanken, ein anderer könnte ihm zuvorkommen. Also schrieb Goethe am 5. August 1778 seinem Freund Merck einen Brief, in dem er ihn ermahnte: Er möge ihm doch „weder direkt noch indireckt ins theatralische Gehege kommen, indem ich das ganze Theaterwesen in einem Roman, wovon das erste Buch, dessen Anfang du gesehen hast, fertig vorzutragen bereit bin“.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Am Ende wurden sechs Bücher daraus, „Wilhelm Meisters theatralische Sendung“ stockte mitten im siebten, und als Goethe aus Italien zurückgekehrt war und sich viele Jahre später wieder an den „Meister“-Stoff machte, war das Theater darin nur noch ein Thema unter mehreren. Und noch viel später, in den „Wanderjahren“, ist es angesichts der gewaltigen Umbrüche der Biedermeierzeit nichts mehr als eine ferne Reminiszenz.

          Kindliche Begeisterung fürs Marionettentheater

          Aus diesem Grund betrachtet Ulrich Rasches „Wilhelm Meister. Eine theatralische Sendung“, die jetzt im Bockenheimer Depot ihre Premiere erlebte und damit Oliver Reeses zweites Intendantenjahr in Frankfurt einläutete, nicht nur von seinen verschütteten Anfängen her - er fragt auch danach, was es denn mit „dem ganzen Theaterwesen“ auf sich hat, und das könnte gerade zu Beginn der neuen Spielzeit recht aufschlussreich sein, in weltanschaulicher wie in ästhetischer Sicht.

          Auftakt mit Altmeister Goethe zum zweiten Jahr in Frankfurt: Schauspiel-Intendant Oliver Reese

          Viel mehr, so viel wird rasch klar, ist hier auch nicht zu holen: Denn einer Darstellung von Wilhelms Werdegang verweigert sich Rasche, die kindliche Begeisterung fürs Marionettentheater, die Liebe zur Schauspielerin Mariane (die in der „theatralischen Sendung“ von ihren Anfängen erzählt wird), die Freundschaft mit der Wandertruppe und dem Theaterdirektor Serlo - nichts davon spielt auf der abschüssigen Bühne des Bockenheimer Depots eine Rolle.

          Plädoyer für die Freiheit des Dichters

          Dafür sprechen Bettina Hoppe, Joachim Nimtz und ein sechzehnköpfiger Sprechchor kurze Ausschnitte aus dem Roman (ergänzt um Bibel-, Marx- und Adam-Smith-Zitate), ein zweiunddreißigköpfiger Chor singt dazu ein Amalgam aus Bach und Hugo Wolf, man läuft wie ein steter Zeitlupen-Menschenwasserfall von oben nach unten und dann von hinten wieder nach oben, die Bühnenscheinwerfer malen Streifen, die im Takt der Schritte ihre Farben ändern, und all dies stellt sich geradezu penetrant in den Dienst der aus dem Roman gezogenen Passagen, die etwa in den Liedertexten bestätigt oder kontrastiert werden. Und die schon nach zehn Minuten enervierend stockende Diktion der Sprecher und das bedeutungsheischende Zergliedern jeden Wortes in seine Silben macht die Sache nicht besser, und die Wucht, die darin zweifelsohne liegen soll, läuft, je weiter der Abend fortschreitet, umso zuverlässiger ins Leere.

          Was nun die vorgetragenen Weltanschauungen angeht, wird man am Ende der knapp zwei Stunden langen Aufführung nicht viel mehr wissen als am Anfang: Die Standpunkte sind rasch klar, der Feier des Dichters und dem unbedingten Plädoyer für dessen Freiheit vom Zwang zum Broterwerb entspricht die Feier des Theaters als alle Schichten verbindende Institution. Und als dann der Schauspieler Joachim Nimtz mit Zitaten von Wilhelms Freund Werner kommt, die den jungen Mann von seinem Kunsttrip abbringen sollen, wenn Wilhelm, wie Werner listig vorschlägt, gar seine Dichtergabe in den Dienst der Ökonomie stellen soll, dann ist gleich ein Chor zur Stelle, der ihn („Unglücklicher!“) harsch zurechtweist.

          Der Schauspieler als Einiger der Nation

          Dass dabei viel nivelliert wird, was im Roman erheblich differenzierter angelegt ist, liegt in der Natur der Sache. Dass allerdings in der Beschränkung auf die Zitate ohne Kontext sich kein „Meister“ zeigt, sondern manches äußerst missverständlich wird, ist ärgerlich: Wilhelms ekstatische Feier des Schauspielers, der als Einiger der Nation fungiere, hört sich doch anders an, wenn man weiß, dass sie ein Teil seines Werbens um die Schauspielerin Mariane ist. Und die markigen Sätze „Wenn ich auftrete, tue ich es um zu leben, wenn ich den Mund auftue, geschieht es, weil ich nicht schweigen darf“, die man hier als innere Notwendigkeit eines begeisterten Schauspielers deuten kann, nimmt man im Romankontext als Äußerungen einer altgedienten Aktrice wahr, die vom Broterwerb spricht.

          Ein interessantes Statement zum Spielzeitbeginn. Werner hätte seine Freude daran. Rasches Fassung verrät davon nichts.

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