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Theater in Dresden : Fragmente der Trauer

Von Schauern geschüttelt, die Schulter als wären sie ihm fremd: Christian Friedel als Macbeth Bild: Sebastian Hoppe

In dichtem Nebel verschwindet das Leben: In Dresden prȁsentiert Christian Friedel mit seiner Band einen theatralischen Konzertabend über Shakespeares „Macbeth“.

          3 Min.

          Eigentlich liegt über diesem Stück ein Fluch. Eine Legende besagt, dass 1606, bei einer der ersten Aufführungen von Macbeth, in Shakespeares legendärem Globe Theatre, ein Schauspieler, der Lady Macbeth verkörpern sollte, an plötzlichem Fieber starb. Shakespeare selbst musste angeblich einspringen, um den Theaterabend zu retten. Im 18. Jahrhundert kam es zu mehreren Aufführungen, bei denen der Bühnendolch durch ein echtes Schwert ausgetauscht wurde, was in blutigen Morden endete. Und in der Theaterwelt gilt es bis heute als unglückbringendes Sakrileg, den Namen des Stücks auszusprechen.

          Kevin Hanschke
          Volontär.

          Das Dresdner Schauspielhaus hat sich davon nicht abbringen lassen und eine Neuinszenierung von Macbeth bei dem Sȁnger und Schauspieler Christian Friedel in Auftrag gegeben. Doch auch diese Produktion stand bisher unter keinem guten Stern. Die Premiere, die im März stattfinden sollte, musste wegen der Pandemie abgesagt werden, die Uraufführung ist auf Januar 2021 verschoben. Damit das Publikum trotzdem schon zu Beginn der Spielzeit ein bisschen Macbeth-Luft schnuppert, haben Friedel und seine Band „Woods of Birnam“ einen theatralischen Konzertabend konzipiert, der „Essenzen“ präsentieren und den Zuschauern einen live aufgeführten „Trailer“ von dem zeigen soll, was kommen wird. Eine unübliche, aber keineswegs abwegige Idee. Gebannt wartet das Publikum auf die erste Szene, aber der Anfang der „Essenz“ ist ein wirklicher Videotrailer, der die aufwendigen Proben für das Stück, die Probleme während der Pandemie und die allgegenwärtige Frage, was das Theater in diesen Zeiten ausrichten kann, beantworten soll. Plötzlich, nachdem Christian Friedel den nicht auszusprechenden Namen seiner Hauptrolle im Video ausgesprochen hat, bricht der Film ab. In der Dunkelheit herrscht Stille, bis das grelle Licht im Saal aufleuchtet und ein vehementer Hochfrequenzschrei ertönt. Auf der Bühne werden bei dieser Aufführung nur zwei Charaktere zu sehen sein, Macbeth selbst und seine Gemahlin Lady Macbeth.

          Essenzen präsentieren

          Friedel verkörpert einen getriebenen Macbeth, verzweifelt, einsam und voller toxischer Selbstzweifel. Sein Gesicht ist bleich. Der stattliche Körper ist stets gebeugt, die Schultern hȁngen herab, als wȁren sie ihm fremd. Eindringlich sind besonders die Szenen, die die fiebrigen Träume des jungen Königs illustrieren. Antagonistisch und symbiotisch zugleich gibt sich Lady Macbeth, die von Nadja Stübiger gespielt wird. Sie ist eine hartherzige Gattin, berechnend, aber auch voller Liebe. Doch ihr Ehrgeiz und ihre Gier nach Macht sorgen dafür, dass sie Macbeths Männlichkeit in Frage stellt und ihn zum Mord an Duncan treibt. Friedel hat einen düsteren Macbeth konzipiert, mit einer Hauptfigur, die zwischen Depression und Wollust, Gier und Antriebslosigkeit hin und her schwankt. Videos zeigen die dunkle Magie der drei Hexen im Birnam Forest, sie stellen den anschwellenden Wahnsinn des Königs dar, der wie von Sinnen seinen Kopf mit erratischem Blick bewegt und hinter dem wie ein Omen die Königskrone aufblitzt.

          Aber nicht nur das Schauspiel, auch die Musik interpretiert das traditionsreiche Shakespeare-Stück neu. „Woods of Birnam“, Friedels Band, die nach dem Birnam Forest aus Macbeth benannt ist und 2011 von Friedel und vier anderen Musikern gegründet wurde, hat sich ganz der Vertonung von Theatertexten gewidmet und generiert mit ihren Indieballaden, basierend auf den Texten des englischen Autors, atmosphärische Klangräume, die mit dem minimalistischen Bühnenbild eine trȁumerische Verbindung eingehen. Das Szenenbild illustriert das Drama durch ein zartes, schnelles Silhouettenspiel. Licht und Schatten wechseln sich ab und werden musikalisch durch Klavierdissonanzen, laute Bassrhythmen und leichtfüßige Synthpopklänge untermalt. Manchmal wirkt das fast expressionistisch. Durch den Seidenvorhang, der an einigen Stellen heruntergelassen wird und die beiden Schauspieler in eine fließende, leicht verschwommene Aura taucht, erinnern die Szenen an die Stummfilme der Weimarer Republik, die heroischen Nibelungen von Fritz Lang, den psychologischen Wahnsinn von Robert Wienes Caligari.

          Der Satz des armen Macbeth legt sich darüber: „Leben ist ein armes Schattenbild.“ Aus dem Nichts erklingt die leise Stimme von Lady Macbeth, die in einem nebeligen Wald kauert und flüsternd „o thou, my lovely boy“, eine tieftraurige Ode über die Vergänglichkeit und den Zerfall der Liebe, singt. Oder der von Gitarrenklängen begleitete Song „Fear no more“, der von einem aufrecht stehenden, das Schwert fest in der Hand haltenden Macbeth interpretiert wird. Jetzt scheint sich der Mann von seinen Ängsten befreit zu haben, wirkt wie geläutert. „Ehre nach dem Tod sei dir“ heißt es in der letzten Strophe. Doch für Macbeth wird der Mord an Duncan bekanntermaßen nicht die erhoffte Kraft und das erträumte Selbstbewusstsein bringen, sondern den Untergang.

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