https://www.faz.net/-gqz-9uhmu

Theater in Berlin : Die Rückseite der Welt

  • -Aktualisiert am

Die zwei von der Diskurstankstelle: Milan Peschel (oben) und Martin Wuttke im neusten Pollesch-Abend in Berlin Bild: David Baltzer

Diskursschleifchen für ein unsichtbares Theater: René Pollesch inszeniert sein neues Stück „(Life on earth can be sweet) Donna“ am Deutschen Theater Berlin. Das ist unterhaltsam auf hohem Niveau.

          3 Min.

          Kann es ein Theater ohne Zuschauer geben? Kann man sich etwas vorstellen, wenn man die Augen schließt? Und was ist mit einem Schauspieler, der wunderbar den König Lear zu interpretieren versteht, aber bloß in seiner Küche und nie vor Publikum? Das sind Fragen, die einem in den Kopf kommen können, wenn man sich seit rund dreißig Jahren immer mit den Wirkungschancen des Theaters beschäftigt und immer wieder dessen Grundlagen testet, wie René Pollesch es tut. Er schreibt seine Stücke stets selbst, vergisst jedoch nie zu erwähnen, dass sie erst in Zusammenarbeit mit dem jeweiligen Ensemble entstanden und vollendet worden sind.

          Weg mit dem Illusionismus

          Pollesch wird ab 2021 Intendant der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Zuvor ist er in Berlin noch am Deutschen Theater beschäftigt, wo er jetzt mit „(Life on earth can be sweet) Donna“ seine dritte Uraufführung inszenierte. Darin wird mehrfach scherzhaft überlegt, was man denn von diesem Haus hinüber an die Volksbühne mitnehmen könnte: Kollegen, Auffassungen oder die Stellwände, mit denen die Bühnenbildnerin Anna Viebrock ein paar provisorische Schneisen und Schluchten organisiert hat. Und so wie sich hier die Rückseite der Welt mit ihren wackeligen Holzrahmen und halbwegs gespannten Stoffen und lockeren Schrauben zeigt, verhandelt auch das Stück eine Art öffentlichkeitsabgewandter Ästhetik. Einerseits bezieht sich Pollesch hier auf Bertolt Brecht und dessen episches Theater, das – um es kurz zu machen – den Illusionismus von der Bühne scheuchte und auf Gedanken statt auf Gefühle setzte. Andererseits versucht er, diesen Ansatz auszubauen, indem er sein Ensemble, bestehend aus Judith Hofmann, Jeremy Mockridge, Bernd Moss, Milan Peschel und Martin Wuttke, in allerlei diskursiven Schleifen über eine Art unsichtbares Theater diskutieren lässt: „Die Leute sagen ja immer nur: Ich hab nichts verstanden. Es ist doch viel besser, sie sagen auch noch: Ich hab nichts gesehen. Und ich hatte die Augen offen.“

          Ausgehend von Brechts Text „Die Straßenszene als Modell für episches Theater“ aus dem Jahr 1938, werden in kleinen, locker gefügten, oft absurden Szenen Paradigmen wie Rolle, Figur, Aktion, Emotion, Wahrheit, Drama, Repräsentation, Verfremdungseffekt oder szenische Präsenz vorgeführt. Manchmal hocken die fünf Darsteller nebeneinander an der Rampe und rauchen, oder sie rennen aufgeregt zwischen den Kulissen umher. Außerdem wird zu Beginn in einer gläsernen Nasszelle mit Wasser hantiert und anschließend akrobatisch auf dem Boden ausgerutscht. Mit einer „bestimmten Diskretion den eigenen Pathologien gegenüber“, wie Pollesch das künstlerische Programm des epischen Theaters umschreibt, hält er sich von direkten politischen Anspielungen fern, beschreibt die Dinge kühl von außen, anstatt in sie emphatisch hineinkriechen zu wollen: „Darstellung und Interpretation müssen aufhören. Sie sind nicht die Grenzen der Kultur“, fordert Hofmann einmal.

          Kunst hat keine Wirkung mehr

          Mit Brecht könnte man dem neunzig unterhaltsame Minuten dauernden Abend auch das Motto „Glotzt nicht so romantisch!“ zusprechen. Das Ensemble hat freilich das Nüchterne wie das Erhabene, das Verrückte wie das Amüsante bestens parat, es wird gealbert und getönt, doziert und gequasselt, passagenweise auch an die titelgebende Wissenschaftstheoretikerin Donna Haraway erinnert. Überhaupt ist das Stück reich an Verweisen auf die Tradition: ehemalige Schauspieler des Deutschen Theaters werden genauso aufgerufen wie Brecht oder Max Reinhardt, sogar zu Joseph Haydns „Abschiedssymphonie“ gibt es eine Verbindung. Der Legende nach verließen nämlich die Musiker bei der Uraufführung während des Adagios der Reihe nach das Podium, um dem Fürsten Esterházy zu signalisieren, dass sie endlich Urlaub wollten. Aber da sie nicht tatsächlich weggingen, sondern im Vorsaal auf die Entscheidung ihres Dienstherrn warteten, erklärt Pollesch heute: „Kunst hat seit Haydn keine Wirkung.“

          Nieder mit den Tortenstücken

          Es scheint, als habe er mit seiner neusten Produktion seine eigene künstlerische Position noch einmal geschärft. Die Dichte des Materials und das intellektuelle Potential dieses hinreißenden Abends sind analytisch aufregend und szenisch überzeugend. Sowohl im Dialog mit dem Bühnenbild als auch in der Arbeit mit den Schauspielern erweist sich René Pollesch als kraftvoller denn je. So kann an diesem Abend selbst über die Funktion der Drehbühne gesprochen werden, in welchem Winkel sie sich bewegen muss, um mehr als „Tortenstücke bürgerlichen Illusionstheaters“ anzubieten, und trotzdem ist das witzig und klug und einfach famoses episches Theater.

          Weitere Themen

          Wenn das Gras zu grün ist

          Jane Campion im Gespräch : Wenn das Gras zu grün ist

          Für „The Piano" wurde ihr als erster Frau in Cannes eine Goldene Palme verliehen, für „The Power of the Dog" unlängst in Venedig ein Silberner Löwe. Ein Gespräch mit der Regisseurin Jane Campion.

          Topmeldungen

          Gegenwind: Der amerikanische Präsident Joe Biden am  28. November am Flughafen von Nantucket

          Nord Stream 2 : Platzt der deutsch-amerikanische Deal?

          Im Senat kämpfen einige Republikaner für neue Sanktionen gegen die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2. Sie wollen Präsident Joe Biden die Möglichkeit nehmen, Ausnahmen zu erteilen. Doch Berlin versucht zu überzeugen.

          Atomabkommen mit Iran : Zweifel an Teherans Beteuerungen

          In Wien beginnt eine neue Verhandlungsrunde um eine Neuauflage des Atomabkommens mit Iran. Die beteiligten Staaten reagieren auf Beteuerungen Teherans äußerst skeptisch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.