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Theater im Stream : Die Kunst kennt keinen Kalender

Der Richter und sein Schüler: Bernhard Minetti als alter Schauspieler und Martin Wuttke im Hintergrund als Arturo Ui Bild: Foto: Brigitte Maria Mayer/ Akademie der Künste, Berlin, Bertolt-Brecht-Archiv, Theaterdokumentation

Kampf um die Epochenwende: Das Berliner Ensemble streamt Heiner Müllers legendäre Inszenierung von Brechts „Arturo Ui“ mit einem neunzigjährigen Bernhard Minetti und einem dreiunddreißigjährigen Martin Wuttke

          3 Min.

          Vierhundert Mal hat Martin Wuttke den Arturo Ui schon gespielt, seit fünfundzwanzig Jahren steht Brechts historische Gangstershow auf dem Spielplan des Berliner Ensemble. Wohl auch, weil es die letzte Inszenierung von Heiner Müller ist und damit gewissermaßen den unter Denkmalschutz stehenden Endpunkt einer Traditionslinie repräsentiert: Theater als didaktisches Mittel der politischen Bewusstseinsbildung. Müller, den Brecht bei einem von zwei kurzen Treffen in den frühen fünfziger Jahren nur lakonisch danach gefragt hatte, womit er sein Geld verdiene, glaubte selbst wohl nur noch bedingt daran. In seiner Autobiographie „Krieg ohne Schlacht“ hielt er fest, dass es im „Arturo Ui“ viel „Pennälerhaftes“ und leider nur einige „böse Stellen“ gebe. Mehr als die moralische Erbauung interessierte ihn die Zerstörung, der Schrecken des Untergangs. „Der Terrorismus ist die eigentliche Kraft“, heißt es ein paar Zeilen später.

          Simon Strauß
          Redakteur im Feuilleton.

          Der DDR-Dramatiker, dem sein Staat unter den Füßen weggebrochen war, identifizierte sich nach dem Mauerfall mit dem Historiker Theodor Mommsen, der nach dem Scheitern der römischen Republik nie über die Kaiserzeit schreiben konnte. Auch er, Müller, litt nach der Wende, die der Herrschaft des Kapitals nun endgültig Tor und Tür geöffnet hätte, an einer Schreibblockade: „der ungeschriebene Text ist eine Wunde / aus der das Blut geht, das kein Nachruhm stillt“, wie es in seinem Langgedicht „Mommsens Block“ heißt.

          Ekstasen-Farce

          Im Juni 1995, ein halbes Jahr vor seinem Tod, inszenierte Müller an Brechts Theater den „aufhaltsamen Aufstieg des Arturo Ui“ mit dem jungen Martin Wuttke in der Hauptrolle. Der ausgeschriebene Regisseur suchte im überzeichnet boulevardesken Stück nach neuem Futter für seinen Ekel am hier und jetzt. Und inszenierte Brechts 1941 im finnischen Exil entworfene Persiflage auf den Aufstieg des Großverbrechers Adolf Hitler als gewollt düstere Ekstasen-Farce mit viel chargenhafter Ausstattung (Zweireiher, Melonen, Brownings) und falscher Ironie. Die Grundnaivität des Stücks, nach dem die Nazis vornehmlich deshalb so schlimm waren, weil sie als Handlanger des Kapitals agierten, reproduziert Müller und garniert sie noch mit einer Prise Zynismus. Der immer wieder eingespielte Song „The Night Chicago Dies“ der heute nahezu vergessen Band „Paper Lace“ erinnert daran, dass die Handlung im Chicago der zwanziger Jahre spielt und zwar - wie das Rattern und Reflektieren einer vorbeirasenden U-Bahn belegen soll – in der Unterwelt.

          Was einen an dieser historischen Erfolgsinszenierung – die Dank der von Corona begünstigten Öffnung der Theaterarchive nun auch dem Spätgeborenen erfahrbar wird – überrascht, ist der biedere Realismus, mit dem hier das Hässliche vorgeführt wird. Eine zerknitterte Wertheim-Plastiktüte reicht da als Zeichen der kleinbürgerlichen Statusangst, auf die die Volksverführer angeblich ihren Erfolg bauten, ein Hakenkreuz, auf eine Fußsohle gekritzelt, soll als Schandmal die Nerven des Publikums aufrühren. War das nicht auch 1995 schon eine überholte Symbolsprache? Anders gesagt: Inszenierte hier nicht einer sein eigenes Überwunden-Sein? Und ließ auch deshalb einen Heroen der alten Zeit auftreten – den neunzigjährigen Bernhard Minetti – während jemanden aus dem Off rief: „Der ist passé“. Allein schon für diese eine Szene lohnt sich der Blick in die Archive: Wie Minetti als ausrangierter Schauspieler dem jungen Demagogenanwärter, der „nicht verkannt, sondern bemerkt sein“ will, Unterricht gibt in Gang, Bewegung und Aussprache. Wie er ihm Shakespeares Antonius-Rede vorspricht mit großer, selbstbewusster Achtung vor dem Ungeheuren der Sätze. Die Augen in die Unendlichkeit gerichtet, die Wangen scharf eingefallen als hätte Shylock persönlich ein Stück herausgeschnitten. Der Hals - von einem samtenen Mantelkragen umgeben – bebt beim Luftholen, als käme der Atem aus tiefer Vorzeit. Dagegen wie zum Beweis des vollzogenen Epochenwechsels: der junge Wuttke. Mit schwarz angeklatschtem Hitler-Scheitel gibt er den Ui als eine Art modernen Woyzeck. Er krächzt, kräht, kreischt und drückt die Worte am Kehlkopf vorbei, gibt seinen Körper unkontrolliert zuckend den Blicken preis. Er ist ein kläffender Hund mit roter Zunge, er ist ein rauchender Boss im Smoking, aber vor allem ist er gehetzt von den Furien der Neuzeit.

          In Wahrheit ist es eine „Querelle des Anciens et des Modernes“, die sich in dieser gut zehnminütigen Szene ereignet. Ein Herrschaftskampf mit ungewissem Ausgang. Gegen die imaginierten Stimmen des Fortschritts, die ihm den Shakespeare nehmen und etwa gegen einen Ibsen eintauschen wollen, verteidigt sich der alte, „klassikanische“ Schauspieler mit der Losung des Ewiggültigen: „Die Kunst kennt keinen Kalender“. Was man im Politischen annimmt, gilt für die Kunst eben nicht: dass Zeitenwechsel immer Besserung bringen. „Wir stehen zwischen Gräbern“ flüstert Arturo einmal und drückt damit auch das Epochengefühl seines Regisseurs aus. Vierhundert Vorstellungen lang hat es getragen. Um nun, in der neuen Krise, endgültig historisch geworden zu sein.

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