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„Unterwerfung“ als Theaterstück : Ganz Paris träumt von der Liebe

Im Abendland hängt der Haussegen schief: François (Edgar Selge) versucht vergeblich, sich im Kreuz festzuklammern. Bild: Markus Scholz

Karin Beier inszeniert Houellebecqs Skandalroman „Unterwerfung“ als furioses Solo für Edgar Selge am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Doch nach der Pause scheint die Intendantin das Vertrauen in den Text und in Selges Virtuosität zu verlieren.

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          Das wichtigste Requisit des Abends ist das Kreuz, das es nicht gibt. Vor den Zuschauern im Deutschen Schauspielhaus wächst eine schwarze Wand in den Bühnenhimmel, in die eine große, bewegliche Scheibe eingelassen ist. Aus ihr hat der Bühnenbildner Olaf Altmann eine große kreuzförmige Öffnung herausgeschnitten. Das Kreuz ist abwesend, es hat sich buchstäblich in Luft ausgelöst. Zurückgeblieben sind nur noch seine Umrisse. Sie markieren die Leere und den Abgrund, die es hinterlassen hat. Dies ist das Vakuum, in dem Edgar Selge als Michel Houellebecqs Erzählerfigur François sich in den folgenden fast drei Stunden einrichten muss. Selge ist dabei so einsam und allein auf der Bühne wie die Figur, die er spielt. Es gibt nur François und die kreuzförmige Öffnung in der schwarzen Wand. Sie ist seine Hölle, seine Sofaecke, sein Bett, sein Aussichtsturm und seine Klosterzelle. Sie ist die Sorbonne, an der François lehrt, sie ist Paris, Frankreich, Europa. Das Kreuz aus Luft ist das ganze Abendland, das auf dem Spiel steht, denn es ist dabei, sich aufzulösen. Die Kraft, die darauf wartet, die Macht zu übernehmen, ist der Islam.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Michel Houellebecqs dystopischer Roman „Unterwerfung“, der Anfang des vergangenen Jahres just zum Zeitpunkt der islamistisch motivierten Terroranschläge auf die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ erschien, schildert die fiktive Islamisierung Frankreichs nach den Wahlen im Jahr 2022. Den einen gilt er als bösartige, islamophobe Satire, den anderen als gespenstisch-genialische Prophezeiung. Um die Machtübernahme durch den Wahlsieger Front National zu verhindern, schließen die übrigen Parteien ein Zweckbündnis mit der Bruderschaft der Muslime, deren charismatischer Anführer Ben Abbes im Jahr 2022 als erster Muslim in den Élysée-Palast einzieht und von einem europäisch-arabischen Großreich unter französischer Führung träumt. Sofort wird mit dem Umbau der Gesellschaft begonnen. Innerhalb kürzester Zeit sinkt die Arbeitslosenquote, denn Frauen dürfen keinen Beruf mehr ausüben. Das Bildungswesen wird islamisiert, denn wer die Kinder kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Dem demokratischen ersten Schritt zur Islamisierung des Landes soll der lange demographische Weg folgen. Als Abkürzung kommt die Polygamie ins Spiel. Die Rechnung ist einfach: Je mehr Frauen ein islamischer Mann hat, desto schneller wird die Bevölkerungsmehrheit muslimisch sein.

          Ein Mann auf dem absteigenden Ast

          Vielweiberei, großzügige Gehälter und diverse Privilegien sind die Lockmittel, mit denen François und seine Professorenkollegen an der nunmehr islamischen Universität Sorbonne einerseits ruhig gestellt und andererseits zum Übertritt zum Islam bewegt werden sollen. Ihr Schwanken währt nur kurze Zeit. Widerstand, und das ist die böseste Pointe von Houellebecqs rabenschwarzer Dystopie, sei von einem moralisch bankrotten Land wie Frankreich nicht mehr zu erwarten.

          Erzählt wird dies alles auf der Bühne wie im Roman von einer einzigen Figur: François, Mitte Vierzig, Literaturprofessor, Spezialist für den zu den großen Décadents der Jahrhundertwende zählenden Autor Joris-Karl Huysmans, Einzelgänger mit großem Verschleiß an Studentinnen, unpolitisch bis ins Mark, asozial, in harmonischer, aber durch Sinnkrise und Erektionsstörungen bedrohter Zweckgemeinschaft mit seinem Schwanz lebend, ist einerseits nahezu unbeteiligter Beobachter des Geschehens, andererseits die exemplarische Verkörperung der Krise zentraler westlicher Werte. Ein Mann auf dem absteigenden Ast. Ohne Bindung, Ambition, Ziele, Hoffnung. Hypochondrisch und egoman. Ein meist alkoholisierter Macho im fleckig-fusseligen Flaumgewand des Intellektuellen. Die Gegenwart ist für ihn leer, die Zukunft angstbesetzt.

          Ein stattliches Mitglied des Turnerbundes

          Edgar Selge spielt diesen François als Studie einer Verwahrlosung. Im ausgebeulten Anzug schlendert er zunächst über die Bühne zum Plattenspieler, der auf einem Tischchen auf ihn wartet. Man hört Houellebecqs rührend dünnen Sprechgesang und Selges Kommentar: Na ja, mit seinen Gedichten kann er ja machen, was er will. Dann gleitet Selge langsam in die Rolle, nimmt die Bühne in Besitz, zieht die Jacke aus, die er über dem Anzug trägt, kraxelt ins Kreuz, das sich immer mal wieder drehen wird. Dann muss Selge um sein Gleichgewicht bangen und mit den in einem Panikkauf gehamsterten Einkäufen kämpfen, die durcheinander purzeln wie Kugeln in der Lostrommel. Aus Vorräten wird allmählich Müll, den Selge einmal mit einer angeknabberten Lammkeule wegwischt wie mit einem Handfeger. Da ist das Kreuz aus Luft fast schon zur Müllhalde und Messie-Wohnstatt geworden.

          Der Umschlagpunkt des Abends: Selge schmiert sich Salbe zuerst auf die blutig gekratzten Füße, dann ins Gesicht, auf dem sich von nun an Blutrot und Clownweiß sinnfrei mischen.
          Der Umschlagpunkt des Abends: Selge schmiert sich Salbe zuerst auf die blutig gekratzten Füße, dann ins Gesicht, auf dem sich von nun an Blutrot und Clownweiß sinnfrei mischen. : Bild: Markus Scholz

          Nach der Pause wird die Angst der Regisseurin vor der Leere spürbar. Wie lange kann ein Monolog die Zuschauer bannen? Karin Beier, die Intendantin des Hauses, lässt Ausschnitte aus Reden von Marine Le Pen und Kaiser Augustus einspielen - auf Französisch und Latein. Weil François einen hässlich juckenden Ausschlag bekommen hat, schmiert Selge sich Salbe zuerst auf die blutig gekratzten Füße, dann ins Gesicht, auf dem sich von nun an Blutrot und Clownweiß sinnfrei mischen. Das ist der Umschlagpunkt des Abends. Eine Haltung zu den komplexen, zum Teil widersprüchlichen Positionen des Romans wird nicht erkennbar. Die Mittel der Regie werden nun immer gröber, als hätte sie das Vertrauen in den Text und in Selges Virtuosität verloren. Als François den neuen Universitätspräsidenten Rediger trifft, saust Selge ins Publikum und schüttelt einem Zuschauer in Reihe acht drei Mal die Hände. Wenig später zieht er den Anzug aus, damit mal wieder was passiert. Statt eines hypochondrischen „Männchens“ in Unterwäsche, wie François sich selbst bezeichnet, sehen wir ein stattliches Mitglied des akademischen Turnerbundes vor uns. Wo François melancholisch wird, bleibt Selge zynisch, wo seine Figur in Einsamkeit und Hilflosigkeit versinkt, verfällt Selge in allzu selbstgewisse, allzu kraftvolle Jovialiät. Was bei Houellebecq immer wieder auch zu berühren vermag, die durch und durch brüchig-depressive, hilflos-heillos-menschenscheue Verzweiflung seiner Figuren, geht ausgerechnet bei Selge, diesem großen Darsteller des Abgründigen, weitgehend verloren.

          Das andere Phantasma geht beinahe unter

          Es bleibt die imponierende Leistung eines großen Schauspielers. Aber statt eines Kraftaktes hätte man lieber subtilere Energieströme fließen sehen. Houellebecqs Roman ist eine Untergangs-, aber auch eine Reinigungs- und Erlösungsphantasie. Der François des Romans sorgt sich nicht um Frankreich oder das Abendland, er sorgt sich um sich selbst und sieht nur drei Optionen: Flucht in den Katholizismus wie Vorbild Huysmans, Selbstmord oder Konversion zum Islam.

          Edgar Selges Leistung ist imponierend. Aber statt eines Kraftaktes hätte man lieber subtilere Energieströme fließen sehen.
          Edgar Selges Leistung ist imponierend. Aber statt eines Kraftaktes hätte man lieber subtilere Energieströme fließen sehen. : Bild: Markus Scholz

          Am Ende, das im Roman im Konjunktiv erzählt wird, weil es vorerst nur in der Vorstellung von François geschieht, fährt die schwarze Wand mit der kreuzförmigen Öffnung in die Höhe. Der Bühnenraum ist aufgerissen, Selge schlüpft in einen Kaftan und setzt eine Gebetskappe auf, drei Burka-Trägerinnen mit rotlackierten Fingernägeln tragen die spärlichen Requisiten von der Bühne. Der Applaus ist mehr als stürmisch, der größte Teil des Publikums spendet stehend Beifall. Man wirkt erleichtert. Dass Houellebecq dem alten, in der Kölner Silvesternacht aktivierten Angstklischee von schwarzen Händen, die nach dem Fleisch weißer Frauen greifen, ein anderes Phantasma der Verfügbarkeit entgegengesetzt hat, nämlich das der devoten, allein ihrem Ehemann sexuell verfügbaren Muslima, geht beinahe unter. Karin Beier hat die Unterwerfung erträglich gemacht.

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