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Theater: „Hauptsache Arbeit“ : Ratten auf dem singenden Schiff

  • -Aktualisiert am

Wer greift nach dem Rettungsschirm? Testversuche am flexiblen und beengten Mensch Bild: dpa

Und erlöse uns aus dem Großraumbüro: Sibylle Berg feiert im Stuttgarter Staatstheater ein Betriebsfest der Angestellten. „Hauptsache Arbeit“ ist eine rabenschwarze Groteske aus den tausend Rattenrennen der Arbeitswelt.

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          Sibylle Berg ist eine Höllenfürstin des Theaters. Mit diabolischer Traurigkeit und satanischem Sarkasmus grillt sie die armen Sünder, die noch an ein Leben vor dem Tode glauben und sich mit ihrem romantischen Lieben und Hoffen nur immer tiefer in die Verdammnis stürzen. Eine der schrecklichsten Höllen ist das Betriebsfest: infernalisch schon der dumpfe, angedrehte Frohsinn, die Umarmung trunkener Sozialpartner in der Kantine. Aber der unterste Höllenkreis ist doch die Motivationsparty auf einem Vergnügungsdampfer. Auf dem Unterdeck zieht ein Erfolgsguru - in Stuttgart gibt Bijan Zamani ihn hinreißend als Billiglohn-Mephisto mit Goldkettchen, Hasenzähnen und russischem Migrationshintergrund - die Psycho-Schraube an, bis die Selbstkritik und Tränen spritzen.

          Auf dem Oberdeck lockert unterdessen Florian von Manteuffel als Chef mit buddhistischer Führungsphilosophie und zu viel Testosteron seine Krawatte, um das beschädigte Ego seiner Low Performer vollends zu strangulieren. Verdiente Mitarbeiterinnen werden persönlich flachgelegt, allerdings nur mit einer Plastiktüte über dem Kopf: Der Herr ist zwar sentimental, aber nicht bereit, seinen Frauenhass auf dem Altar der Corporate Identity zu opfern.

          Höhepunkt des Wochenendes sind die Gesellschaftsspiele, Milgram-Experimente der Arbeitswelt: Wer die schönsten Ich-danke-der-Firma-Beiträge abliefert und das „Angsthasenspiel“ mit Stromschlägen belebt, behält seinen Job; die anderen dürfen sich auf der Straße neue Herausforderungen suchen. Natürlich ist der Chef mit seinem aus dem Bademantel quellenden Gummigemächt ein Schwein und der Motivationstrainer eine Ratte. Aber die Angestellten sind selbst schuld, wenn sie in ihren engen, harten Kojen „La Paloma“ singen. Der flexible Angestellte hält sich mit Sport, Darmspiegelungen, Psychopharmaka und Meditation für seine Ausbeutung und Hartz IV fit und weint nachts einsam in seinem Bett. „Ich hätte nichts dagegen, ausgelöscht zu werden“, sagt die Frau, ehe sie sich wieder ins Rattenrennen stürzt: Freizeit, Familie, Sex und Kultur sind ja auch nur Höllen. Nur nach Dienstschluss träumt die Sekretärin, ein Inder trete durch die Tür und erlöse sie aus dem Großraumbüro.

          Milde einer Gesellschaftsmelancholikerin

          Warum tun sich Menschen so etwas an? Sie müssten ja nicht gleich die Linke wählen oder sich umbringen: Ein bisschen mehr Freundlichkeit, Demut und vegetarische Selbstgenügsamkeit, ein bisschen weniger Gier, Fleisch und Konsumidiotie, und McKinseys Hölle wäre nur ein Fegefeuer der Vanitas, das sich locker aussitzen ließe. Frau Berg, durchaus erfolgreich mit ihrem selbstmörderischen Spaß- und Splattertheater, hat kürzlich, nach „Nur nachts“ am Burgtheater, durchblicken lassen, dass sie das zynische Gewitzel selbst leid sei und sich künftig mehr um den existentiellen Ernst des Lebens und seriöse Gesellschaftskritik kümmern wolle. In ihrem letzten Roman „Der Mann schläft“ sang sie tatsächlich schon gelassen, fast altersmilde das Loblied des unspektakulären Glücks im Winkel. Die Katastrophe ist keine Existenzform, der Selbstmord keine bevorzugte Option mehr, und überhaupt hat der Tod seinen Stachel verloren.

          „Hauptsache Arbeit“ ist eine rabenschwarze Groteske, brauchbar für wütende Gewerkschafter und Frauenbeauftragte sowie als unterhaltsame Tragikomödie. Anders als bei ihren Vorbildern Jelinek und Pollesch ist die Kritik der Entfremdung hier ein Stakkato kalauernder Textflächen und rasenden Theoriegefasels in den Kulissen der Unterhaltungsindustrie. Der Mensch, gefangen in „Wiederholungen und Enttäuschungen“, mag eine traurige, lächerliche Figur sein, aber er hat ein sentimentales Herz und manchmal sogar eine Seele. In einer Vorbemerkung zu ihrem „Straßenfeger“ schreibt Berg über die Darsteller: „Keine Ahnung, wie viele, doch sie sind gut gekleidet, unauffällig, aber nicht elend oder komisch.“

          Der Intendant Hasko Weber stand bisher nicht eben unter Komikverdacht. Er bevorzugt in der Regel schwere Kaliber wie Ibsen und Brecht, die asketisch strenge Form und Volker Löschs Politik der authentisch geballten Faust. Umso bemerkenswerter, wie munter er Bergs Firmenparty inszeniert. In Stuttgart wächst zusammen, was nicht unbedingt zusammengehört: Kritik der Konsum- und Arbeitsgesellschaft und finsterer absurder Humor, Angestellten-Tristesse und quietschbuntes Firmenkabarett. Hauptsache, Sozialismus. Schließlich wird auch bei Berg der nüchterne Kapitalist am Ende von seinen sklavischen Puntilas verprügelt und umgebracht.

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