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Theater in Rumänien : Menschen sind kleiner als ihre Ideen

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Eigenartige Subjekte versuchen Völkerverständigung: Szene aus Horváths „Hin und Her“ am rumänischen TNRS. Bild: Rares Helici

Viel Leidenschaft, aber auch viel Angst: Ein Bericht aus dem Maschinenraum der rumänischen Theaterszene. Am Nationaltheater in Sibiu wird für die deutsche Minderheit gespielt und Macht in Frage gestellt.

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          Ferdinand Havlicek gibt es nicht mehr. Das Land, in dem er lebte, hat ihn ausgewiesen, da seine Drogerie zugrunde ging und er der Wohlfahrtspflege nicht zur Last fallen soll. Der Staat, in den er abgeschoben werden soll, nimmt ihn aber nicht auf, obwohl er dort geboren wurde. Havlicek rast über die Brücke, von einem Grenzbeamten zum andern, zunächst noch eifrig, den Irrtum seiner doppelten Ausweisung aufzuklären. Doch die Schlagbäume bleiben auf beiden Seiten unten.

          Die hölzerne Brücke hingegen, die über den Grenzfluss führt, die dreht und dreht sich. An ihrem Fuße stehen die Buchstaben „Hin“, daneben Konstantin, ein Grenzer, der auf den nächtlichen Besuch der Grenzbeamtentochter von drüben wartet. Drüben, da steht das Wort „Her“ und Thomas Szamek, Konstantins Pendant, der kleinlich darauf achtet, dass niemand unrechtmäßig seine Grenze passiert. Und dazwischen, wie ein einsamer Bindestrich, der die zwei namenlosen Staaten in gewisser Weise miteinander verbindet, da steht der Schwabe Daniel Bucher als Havlicek. Und wenn die Brücke sich um ihre eigene Achse in Bewegung setzt, ist er als Mittelpunkt der Posse der Einzige, der sich um sich selbst dreht.

          Begleitung mit rumänischen Obertitel

          Alexander Riemenschneider, bekannt unter anderem durch seine Inszenierungen an den Bremer und Hamburger Schauspielhäusern, hat Ödön von Horváths „Hin und Her“ von 1933 auf die Bühne des Nationaltheaters Radu Stanca (TNRS) in Sibiu gebracht. In Sibiu oder auch Hermannstadt ist seit dem 16. Jahrhundert deutschsprachiges Theater zu sehen. Bis heute feiert das Nationaltheater vier bis sechs Premieren pro Spielzeit in deutscher Sprache. Seit der Revolution 1989 verlor es jedoch den größten Teil seines Publikums, die Siebenbürger Sachsen, ins deutschsprachige Ausland.

          Von den 20.000 Muttersprachlern sind mittlerweile nur noch eineinhalb tausend in Hermannstadt verblieben: „Für die Deutschen bist du Rumänin, in Rumänien bist du die Deutsche“, lamentiert Renate Müller-Nica. Seit mehr als vierzig Jahren arbeitet sie am Haus, zunächst als Schauspielerin, dann als Regisseurin und bis 2005 als Abteilungsleiterin. Nach Ende des Sozialismus rettete sie die deutschsprachige Sparte mit nur fünf verbliebenen Ensembleschauspielern ins neue Jahrtausend.

          Mittlerweile werden alle Stücke mit rumänischen Obertiteln gezeigt, doch wer nicht am Hermannstädter Brukenthal-Gymnasium Deutsch lernt oder gelernt hat, bleibt oft fern. Zu erfolgreich ist die rumänische Abteilung des Radu-Stanca-Theaters: Tourneen durch Japan und China, eine seit elf Jahren regelmäßig ausverkaufte „Faust“-Inszenierung und allem voran das internationale Theaterfestival im Juni jedes Jahres zeugen davon, dass Theater in Sibiu groß, wenn nicht gar global gedacht wird. 1993 hat Constantin Chiriac, bis heute schauspielender Intendant des TNRS, das Festival gegründet und zu einer der weltweit größten Messen für professionelles Theater gemacht.

          Harte Arbeitsbedingungen

          Nicht erst seit 2007, als Sibiu europäische Kulturhauptstadt war, was der Region jede Menge internationaler Gelder und Gäste einbrachte, ist Chiriac ein umtriebiger Theatermanager mit Kontakten zu Kulturschaffenden und Finanziers in aller Welt. Ein Schirmherr seines Festivals war in diesem Jahr Prinz Charles, ein weiterer selbstverständlich Klaus-Werner Iohannis, ein Duzfreund Chiriacs, einst gefeierter Bürgermeister von Hermannstadt und derzeit Rumäniens Präsident. Seit Jahren wird dessen Partei der deutschen Minderheit in die lokalen und landesweiten Parlamente gewählt, teils sogar mit absoluten Mehrheiten. Chiriac selbst sei schon fünfmal das Amt des Kultusministers angeboten worden, doch das Theater in Sibiu bleibt seine Lebensaufgabe.

          In altrosa Uniformen, unter Pickelhauben und angeklebten Zwirbelbärten hüpfen Daniel Plier aus Luxemburg und Valentin Späth aus Deutschland als Grenzer und Gendarm vor dem Grenzübergang auf und ab, den es zu verteidigen gilt: Sie schimpfen, stolpern und schlafen auf der Stelle ein, wenn die Posse es verlangt. In diesem Moment drehen X und Y, die Staatschefs der angrenzenden Länder, an der Brücke, um sich zu einer „heimlich menschlichen Aussprache“ zu treffen.

          Anca Cipariu ist seit 2011 am TNRS. Der dickbäuchige X ist ihre erste Rolle seit langem, in der sie nicht als klischeehaft attraktives Frauenzimmer auf der Bühne steht. Die 1987 geborene Rumänin will in fünf Jahren nicht mehr am Theater arbeiten, zumindest nicht unter den gegenwärtigen Bedingungen: Obwohl deutschsprachige Darsteller in Rumänien rar sind, unterschreibt sie alle sechs Monate einen neuen Halbjahresvertrag, andere müssen als freie Mitarbeiter sogar ihre Versicherung selbst zahlen. Unter diesen Umständen fällt es umso schwerer, sich querzustellen, wenn ein Regisseur an sieben Tagen der Woche Proben ansetzt oder nach einem Durchlauf bis zwei Uhr morgens noch eine Stunde Kritik übt.

          #MeToo in Rumänien

          Auch Daniel Plier ist grantig. Seit März 2015 leitet er die deutsche Abteilung, steht dennoch in fast jeder Produktion auf der Bühne und inszeniert nebenher selbst. Zudem ist er Luxemburger Honorarkonsul. Mitte September, einen Tag nach der Premiere von „Hin und Her“, beendet Plier sein Engagement als Abteilungsleiter. Überforderung ist gewiss nicht der Grund für seine Kündigung: „Welche Stücke in der kommenden Saison auf meinem Spielplan stehen, wurde über meinen Kopf hinweg entschieden“, so der Luxemburger. Er gibt zu, mehr Schauspieler als Manager zu sein, doch die fehlende Dialogbereitschaft von oben habe seine künstlerische Konzeption, aufgrund der knappen Ressourcen ohnehin eine Gratwanderung, geradezu unmöglich gemacht.

          Auch die meisten Schauspielhäuser in Deutschland sind vornehmlich vertikal organisiert, doch in Temeswar und Hermannstadt, an den beiden deutschsprachigen Theatern Rumäniens, stecke der Kommunismus noch in den Knochen und Köpfen, da ist Plier sich sicher. Die Mächtigen suchen sich Mitarbeiter, die ausführen und nicht gestalten wollen – hinter und auf der Bühne. Diejenigen aber, die nicht von den steilen Hierarchien profitieren, lassen vieles über sich ergehen. Der Hashtag #MeToo ist längst auch in der rumänischen Theaterszene ein Begriff, Konsequenzen müssen Regisseure nach sexuellen Übergriffen jedoch nicht befürchten.

          Zu undurchschaubar sind die Machenschaften der Entscheidungsträger, zu gering das Vertrauen in und die Hoffnung auf eine faire Kulturpolitik. Einen Betriebsrat gibt es am TNSR nicht. Aus Sorge um die eigene Existenz äußern sich zum Thema Hierarchien viele nicht: „Wenn Sie meinen Namen veröffentlichen, würden Sie mich hängen“, so eine Hermannstädter Theaterschaffende. Womöglich verlässt Eidloth das TNRS auch deshalb in Richtung Österreich, wo sie aufgewachsen ist: Weil sie dort selbst denken muss, anstatt Anweisungen von oben auszuführen. Sie ist kein Havlicek, sie lässt sich nicht festsetzen von einer Verwaltung, die wie eine Maschine gegen alles Menschliche arbeitet.

          „Irgendwohin, Sie eigensinniges Subjekt!“

          Die Arbeit von Alexander Riemenschneider jedenfalls begeistert das gesamte Ensemble. Selten seien Proben so produktiv, sagt Anca Cipariu. Wenige Regisseure, egal ob einheimisch oder aus dem deutschsprachigen Ausland, gäben den Darstellenden so viel spielerischen Freiraum, obwohl sie genau wissen, worauf sie hinauswollen. „Ich musste erst einmal anerkennen, dass Kommunikation hier anders funktioniert“, so der Regisseur, „aber im Grunde werden in Sibiu die gleichen Diskurse über Arbeits- und Machtverhältnisse geführt wie an den Theatern in Deutschland.“ Auch die Stückauswahl von Riemenschneider und Eidloth ist ein Glücksgriff: „Das Tolle an Horváth ist, dass er Menschen zeigt, die kleiner sind als ihre eigenen Ideen“, so Riemenschneider. Wenn „Hin und Her“ aus westeuropäischer Perspektive geradezu aufdringlich zeitgemäß scheint, so gewinnt die Hermannstädter Inszenierung durch ihr internationales Ensemble und den Blick des verschiedenartigen Publikums an besonderer Deutungstiefe.

          Für wen scheint dieses Stück geschrieben, wenn nicht für eine Siebenbürger Minderheit, die zwar kulturell sichtbar und politisch einflussreich, doch zugleich im Verscheiden begriffen ist? Wie gut, dass Riemenschneider all dies nicht mit westlicher Arroganz oder der Avantgarde-Keule verhandelt, sondern im besten Sinne Horváths als Volkstheater, das nicht nur diffuse Zwischenräume öffnet, sondern Raum lässt für Komik. Hinzu kommt die eigenartige Distanz der Figuren zu ihrer Sprache, dem kunstvollen Volkstheaterdeutsch des österreich-ungarischen Dramatikers: „Irgendwohin, Sie eigensinniges Subjekt!“, brüllt Ferdinand Havlicek, als man ihm sagt, er solle sich davonmachen: „Aber ich kann doch nicht verschwinden, ich bin doch schon verschwunden!“

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