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Theater in Rumänien : Menschen sind kleiner als ihre Ideen

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Anca Cipariu ist seit 2011 am TNRS. Der dickbäuchige X ist ihre erste Rolle seit langem, in der sie nicht als klischeehaft attraktives Frauenzimmer auf der Bühne steht. Die 1987 geborene Rumänin will in fünf Jahren nicht mehr am Theater arbeiten, zumindest nicht unter den gegenwärtigen Bedingungen: Obwohl deutschsprachige Darsteller in Rumänien rar sind, unterschreibt sie alle sechs Monate einen neuen Halbjahresvertrag, andere müssen als freie Mitarbeiter sogar ihre Versicherung selbst zahlen. Unter diesen Umständen fällt es umso schwerer, sich querzustellen, wenn ein Regisseur an sieben Tagen der Woche Proben ansetzt oder nach einem Durchlauf bis zwei Uhr morgens noch eine Stunde Kritik übt.

#MeToo in Rumänien

Auch Daniel Plier ist grantig. Seit März 2015 leitet er die deutsche Abteilung, steht dennoch in fast jeder Produktion auf der Bühne und inszeniert nebenher selbst. Zudem ist er Luxemburger Honorarkonsul. Mitte September, einen Tag nach der Premiere von „Hin und Her“, beendet Plier sein Engagement als Abteilungsleiter. Überforderung ist gewiss nicht der Grund für seine Kündigung: „Welche Stücke in der kommenden Saison auf meinem Spielplan stehen, wurde über meinen Kopf hinweg entschieden“, so der Luxemburger. Er gibt zu, mehr Schauspieler als Manager zu sein, doch die fehlende Dialogbereitschaft von oben habe seine künstlerische Konzeption, aufgrund der knappen Ressourcen ohnehin eine Gratwanderung, geradezu unmöglich gemacht.

Auch die meisten Schauspielhäuser in Deutschland sind vornehmlich vertikal organisiert, doch in Temeswar und Hermannstadt, an den beiden deutschsprachigen Theatern Rumäniens, stecke der Kommunismus noch in den Knochen und Köpfen, da ist Plier sich sicher. Die Mächtigen suchen sich Mitarbeiter, die ausführen und nicht gestalten wollen – hinter und auf der Bühne. Diejenigen aber, die nicht von den steilen Hierarchien profitieren, lassen vieles über sich ergehen. Der Hashtag #MeToo ist längst auch in der rumänischen Theaterszene ein Begriff, Konsequenzen müssen Regisseure nach sexuellen Übergriffen jedoch nicht befürchten.

Zu undurchschaubar sind die Machenschaften der Entscheidungsträger, zu gering das Vertrauen in und die Hoffnung auf eine faire Kulturpolitik. Einen Betriebsrat gibt es am TNSR nicht. Aus Sorge um die eigene Existenz äußern sich zum Thema Hierarchien viele nicht: „Wenn Sie meinen Namen veröffentlichen, würden Sie mich hängen“, so eine Hermannstädter Theaterschaffende. Womöglich verlässt Eidloth das TNRS auch deshalb in Richtung Österreich, wo sie aufgewachsen ist: Weil sie dort selbst denken muss, anstatt Anweisungen von oben auszuführen. Sie ist kein Havlicek, sie lässt sich nicht festsetzen von einer Verwaltung, die wie eine Maschine gegen alles Menschliche arbeitet.

„Irgendwohin, Sie eigensinniges Subjekt!“

Die Arbeit von Alexander Riemenschneider jedenfalls begeistert das gesamte Ensemble. Selten seien Proben so produktiv, sagt Anca Cipariu. Wenige Regisseure, egal ob einheimisch oder aus dem deutschsprachigen Ausland, gäben den Darstellenden so viel spielerischen Freiraum, obwohl sie genau wissen, worauf sie hinauswollen. „Ich musste erst einmal anerkennen, dass Kommunikation hier anders funktioniert“, so der Regisseur, „aber im Grunde werden in Sibiu die gleichen Diskurse über Arbeits- und Machtverhältnisse geführt wie an den Theatern in Deutschland.“ Auch die Stückauswahl von Riemenschneider und Eidloth ist ein Glücksgriff: „Das Tolle an Horváth ist, dass er Menschen zeigt, die kleiner sind als ihre eigenen Ideen“, so Riemenschneider. Wenn „Hin und Her“ aus westeuropäischer Perspektive geradezu aufdringlich zeitgemäß scheint, so gewinnt die Hermannstädter Inszenierung durch ihr internationales Ensemble und den Blick des verschiedenartigen Publikums an besonderer Deutungstiefe.

Für wen scheint dieses Stück geschrieben, wenn nicht für eine Siebenbürger Minderheit, die zwar kulturell sichtbar und politisch einflussreich, doch zugleich im Verscheiden begriffen ist? Wie gut, dass Riemenschneider all dies nicht mit westlicher Arroganz oder der Avantgarde-Keule verhandelt, sondern im besten Sinne Horváths als Volkstheater, das nicht nur diffuse Zwischenräume öffnet, sondern Raum lässt für Komik. Hinzu kommt die eigenartige Distanz der Figuren zu ihrer Sprache, dem kunstvollen Volkstheaterdeutsch des österreich-ungarischen Dramatikers: „Irgendwohin, Sie eigensinniges Subjekt!“, brüllt Ferdinand Havlicek, als man ihm sagt, er solle sich davonmachen: „Aber ich kann doch nicht verschwinden, ich bin doch schon verschwunden!“

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