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Theater : Frackhüpfen in der Puppenkiste

  • -Aktualisiert am

Künstlich komisch: Nina Hoss als Lena und Markus Meyer als Leonce Bild: dpa

Der Fluch der Lieder: Bob Wilson und Herbert Grönemeyer fabrizieren "Leonce und Lena" im Berliner Ensemble. Büchners Stück wird von aller Trauer befreit. Aber von aller Lust auch. Sozusagen frohgemut klinisch tot.

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          Es waren zwei Königskinder. Die hatten einander nicht lieb. Und kriegen sich am Ende doch. Das ist das ganze Drama "Leonce und Lena" aus dem Jahre 1836. Ein Lustspiel. Meist stürzt es das Theater in rasende Depression. Zum Beispiel wurde Prinzessin Lena vom Reiche Pipi mit der Schleppe ihres Brautkleids gewürgt. Prinz Leonce aus dem Reiche Popo wurde in Bochum schon mal erschossen, in Leipzig ersoff er zusammen mit Lena schier im Sabber, der ihnen aus ihren Spastikermäulern troff, und in Hamburg wurden sie zu Gitarrenbegleitung in Pop-Kürbisse verwandelt.

          Töne wie Diamanten

          Daß zwei junge Leute, die sich nicht kennen, den Heiratsbefehl der herrschenden Alten in den Wind pusten, über alle Grenzen fliehen, im Grenzenlosen sich treffen, sich verlieben, ohne daß der eine vom anderen weiß, wer er ist, und dann vorm Traualtar erst ("O Zufall! O Vorsehung!") sich erkennen, sehr zur Gaudi der Alten - das bringt die Regie gerne um jeden szenischen Verstand. Georg Büchner, der dichtende Anatom, legt lächelnd Nerven bloß, die er mit spitzen Fingern flirrend anzupft, als gehörten sie zu einer sanftbitter verstimmten romantischen Laute.

          Die Theater aber trampeln auf diesen zarten Nerven meist unzart herum. Büchners schöne Sarkasmus-Sprachmusik, in der Töne wie Diamanten fein ins Seelenfleisch schneiden können, wird zum Wehgeschrei, Pflichtgeheul mit den Jungwölfen. "Leonce und Lena" - eine Qualpartie des Stadttheaters.

          Insofern ist es schon eine Erholung, wenn jetzt im Berliner Ensemble, einem der erfolgreichsten deutschen Stadttheater mit weit mehr als achtzig Prozent Platzausnutzung, wenn also jetzt in der deutschen Hauptstadtprovinz zum Schubidubidu-Synkopen-Swing aus dem Orchestergraben komische künstliche Leute vor dem geschlossenen Vorhang über die Bühne jagen in unaufhörlicher Hatz.

          In gigantischen Lederfräcken, mit Frisuren, die ihnen die Haare spitz zu Berge steigen lassen, mit langen Nasen, grell geschminkten Gesichtern, langen, fließenden Biedermeierkleidern. Als seien es gerade aus einem Puppenkistengrab entstiegene reizende hölzerne Untote, Kasperle-Gespenster. Der Hofstaat des Reiches Popo spielt Frackhüpfen wie im Schwips, als hätten alle in der Puppenkistenkantine noch schnell vorher einen Likör gekippt.

          "Leonce und Lena" - eine Operette.

          Jede Operette ist mit der Welt einverstanden, außer daß sie die Welt gern schöner hätte, als sie ist. Die Musik zu dieser "Leonce-und-Lena"-Operette stammt von Herbert Grönemeyer, der in seinen Rock- und Pop-Liedern und -Balladen gerne auf jedes Weltweh ein Quartseptakkord-Pflästerchen klebt (zum Beispiel "Vergiß deine Schuld, dein Vakuum" oder "Lieben wir uns gleich hier" in seinem neuen Album "Mensch").

          Büchner-Muzak

          Grönemeyer ist der Weltschmerz-Plüschhase mit dem sensibel feuchten Witterungsschnäuzchen fürs Vademecum der rechten Medizin. Seine siebenköpfige Band für den Abend nennt sich "Büchners Erben". Aber das Fähnlein der sieben Lärmechten tut, vom Klavier und Akkordeon über die Viola bis hin zu Banjo, Cello und Baß, alles, damit es keine Erbschaftssteuer zahlen muß.

          Denn wenn der Vorhang aufgeht, sieht man neben einem hohen reichskanzleiartig grauen Gemäuer ein großes helles Lichtviereck. Vor diesem steht im grandiosen Lederknitterfrack ein junger, eleganter, etwas teufelsbärtchenhaft dandyhaft müder junger Herr mit beginnenden Geheimratsecken. Da er senkrecht übers linke Auge eine große Narbe bis ins Hirn hinauf zu haben scheint, könnte man meinen, etwas habe ihn tief gespalten. Bis man dahinter kommt, daß der Hieb nur ein besonders interessanter Schminkstrich ist.

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