https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/theater-ersan-mondtag-inszeniert-webers-freischuetz-in-kassel-17807403.html

„Freischütz“ in Kassel : Kettensägenmassaker in der Wolfsschlucht

  • -Aktualisiert am

Solche Pilze! Max (Mirko Roschkowski, links) ist außer sich. Bild: Birgit Hupfeld

Ersan Mondtag inszeniert in Kassel Carl Maria von Webers Oper „Der Freischütz“ ideenreich zwischen Otto Dix und Rocky Horror Picture Show.

          3 Min.

          Den „Freischütz“ auf die Bühne zu bringen ist ein Himmelfahrtskommando – nicht nur weil der Teufel einen großen Auftritt hat. Kein Zufall, dass sich René Jacobs bei seiner zentralen Produktion zweihundert Jahre nach der Uraufführung für eine konzertante Version entschieden hat. Sie wurde 2021 wegen Corona gecancelt und soll nun mit einer Tournee im kommenden Mai nachgeholt werden. „In diesem Werk ist die Welt noch voller Rätsel“, meinte schon Wilhelm Furtwängler, als er das Stück 1954 in Salzburg dirigierte, „wir müssen vergessen, dass wir im Zeitalter der autoritären Weltpolitik, der weltumspannenden und kein Geheimnis mehr übrig lassenden Technik leben.“ Was müssen wir und was dürfen wir auf keinen Fall vergessen, um mit dem „Freischütz“ einigermaßen zurechtzukommen?

          Ersan Mondtag und sein Team, in dem Till Briegleb als Dramaturg, Textbastler und Tiefenbohrer eine zentrale Rolle spielt, versuchen es in Kassel mit einem knallbunten, postmodernen Mix. Max ist ein traumatisierter Soldat, der nicht – wie es in der Sage heißt – im Irrenhaus endet, sondern von Anfang an durch Pfleger in Schach gehalten wird, die seine Opiumräusche protokollieren. Sein Aufbegehren gegen „finstre Mächte“, die ihn umgeben, bekommt einen neuen Sinn. Wahrheit und Wirklichkeit rücken drogengestützt zusammen. In Kassel läuft das auf eine Mischung aus Otto Dix und der Rocky Horror Picture Show hinaus. Teresa Verghos opulente Kostüme sind Variationen der Verfratzung. Eine Portion Fantasy spielt mit. Nina Pellers Drehbühne zeigt vorne eine Pinte mit der Aufschrift „The Outpost“, als sei die neueste Staffel der Serie auf Netflix gelandet. Auch da geht es bekanntlich um Söldner und übernatürliche Kräfte. Auf dem anderen Teil der Bühne schießen Pilze wie Halluzinationen in die Höhe.

          Margrethe Fredheim (Agathe) und Mitglieder des Opernchors
          Margrethe Fredheim (Agathe) und Mitglieder des Opernchors : Bild: Birgit Hupfeld

          Was die Natur betrifft, gab es berechtigten Zwischenapplaus. Die Hölle findet sich nicht in der Wolfsschlucht, sondern im szenischen Vorspiel dazu. Ohrenbetäubender Lärm von drei Kettensägen, die Baumstämme massakrieren; Waldarbeiter, die Äste durch den Häcksler treiben. Ein Tableau vivant als Anklage gegen diejenigen, die Rodungsaktionen zynisch mit „Nachhaltigkeitsprämien“ belohnen. Schade nur, dass sie selten in die Oper gehen.

          Dass der „Freischütz“ aus sehr unterschiedlichen Gründen zur Nationaloper stilisiert wurde, nehmen Mondtag und sein Team ernst. Der Steinadler, den Max mit einer Freikugel schießt, fällt – eine schöne Pointe – als Doppeladler mit zwei Köpfen vom Schnürboden. Das schlaffe Wappentier nicht nur als Requisit, sondern als Metapher. Statt des Ölschinkens vom Erbförster Kuno rutscht ein schwergerahmtes Foto von der Wand. Oscar Robert Henschel ist darauf zu sehen, der Mann, der Kassel im „Dritten Reich“ zum Standort florierender Rüstungsproduktion machte – mit Tausenden von Zwangsarbeitern. Als „Alter Nazi“ geistert er durch die gesprochenen Dialoge.

          Schrillbunt, aber immer brav bei der Sache

          Immer wieder blitzen Momente auf, in denen man merkt, wo der Abend hinwill, wo er auch hinkönnte, gestützt auf Adornos „Freischütz“-Deutung in den „Moments musicaux“, die nicht nur im Programmheft genutzt wird, sondern auch auf der Szene, etwa wenn der Brautchor als Todessymbol erscheint. Doch der vielfältigen Perspektivierung stemmen sich Hindernisse entgegen. Samiel, der teuflische Jäger, soll als Wiedergänger aus Lautréamonts Maldoror-Roman gelten, was eine dialektische Volte zu viel ist, theatralisch kaum sinnfällig wird und – vor allem – zu grauslich langen, von Zeigefinger-Rhetorik durchsetzten Textpassagen führt.

          Das Hauptproblem besteht darin, dass Mondtag sich zwar mit den Ideen seines Teams füttern lässt, sie aber als Regisseur nicht konsequent auswertet und verdichtet. So bleibt der schrillbunte Mix letztlich ganz brav und hermeneutisch bei der Sache – und bekommt sie doch nicht wirklich zu fassen. Denn Mondtag hört nicht in die Musik hinein, in ihre herrliche Hässlichkeit, ihre emanzipierten Klangfarben und bizarren Wechsel. Die Sänger führt er konventionell. Man spürt, dass sie körpersprachlich mehr können und wollen, als sie dürfen. Das Ännchen der stimmstarken und musikalisch pointensicheren Emma McNairy muss als Domina in weißen Lacklederstiefeln männliche Hündchen züchtigen. Auch die Agathe, von Margrethe Fredheim mit markantem Timbre und feinen vokalen Linien gestaltet, ist szenischen Leerstellen ausgesetzt. Mirko Roschkowski singt sich als Max mit tenoralem Aplomb und vielen Farben durch das aufgezwungene Korsett des Dauerpatienten.

          Ensemble und Opernchor
          Ensemble und Opernchor : Bild: Birgit Hupfeld

          Aus dem Orchestergraben tönt jene Biederkeit, die auf der Bühne unter allen Umständen vermieden werden soll. Mario Hartmuth, Erster Kapellmeister des Hauses, serviert schon die Ouvertüre als beschauliches Potpourri. Die Chöre wackeln öfter, und magischen Momenten der Partitur wie der über cis-Moll nach H-Dur strebenden Modulation, mit der Agathe eine sternklare Nacht nicht nur sieht, sondern einatmet, fehlt jedes klangliche und auch agogische Aroma.

          Was ist mit der musikalischen Tradition, die das A-Haus durchaus hat? Dazu passt, dass Kaspar vokale Grimassen schneidet und in den Nebenrollen auch Totalausfälle vorkommen. Da war Kassel schon mal weiter. Ersan Mondtag bleibt nicht nur der Oper, sondern auch der Schauerromantik treu. Direkt im Anschluss inszeniert er Marschners „Vampyr“ in Hannover.

          Weitere Themen

          Jenseits des Paradieses

          La Traviata in Darmstadt : Jenseits des Paradieses

          Starke Bilder liefert Karsten Wiegands Darmstädter Neuinszenierung von Giuseppe Verdis Oper „La Traviata“. Musikalisch fällt die Aufführung indes uneinheitlich aus.

          Selenskyj unerwünscht?

          Schlagerfestival Sanremo : Selenskyj unerwünscht?

          Das Schlagerfestival von Sanremo bringt seit Generationen die Generationen in Italien zusammen. Doch jetzt herrscht Streit. Der Anlass: die geplante Videobotschaft des ukrainischen Präsidenten.

          Küstenkillers Nemesis

          Nordseekrimi bei RTL : Küstenkillers Nemesis

          Cooles Ostfriesland: Mit der Serie „Dünentod“ fischt RTL bei den beliebten Nordseekrimis mit. Gebraucht hat das niemand, aber ihr Held Tjark Wolf hat Ausstrahlung und Geschmack.

          Topmeldungen

          Stillgelegte Ölplattform Gyda in Norwegen

          Nachhaltige Energieversorgung : Die Widersprüche von Shell, Exxon & Co.

          Mitarbeiter von Mineralölkonzernen verstehen immer weniger, wie Nachhaltigkeitsziele und Förderung zusammengehen. Von den guten Absichten von Shell, Exxon und Co. spüren sie wenig. Einige treten lautstark die Flucht an.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.