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Theater : Endspiel einer Zeitbombe

  • -Aktualisiert am

Menschlicher Sprengstoff: Johanna Wokalek und Nicholas Ofczarek Bild: AP

Ein junger Mann kehrt aus dem Irak-Krieg heim und führt ihn weiter: gegen sich. Andrea Breth macht im Wiener Akademietheater aus dem kleinen Stück „Motortown“ von Simon Stephens eine große Höllenfahrt.

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          Bevor man sich diesem Stück in acht Szenen nähert, sollte man zwei Bewegungen machen: nach links den Klischees kurz mit dem Kopf zunicken, die am Rand von „Motortown“ herumliegen: die durch und durch schlechte Welt; die durch und durch verkommene Gesellschaft; der durch und durch böse Krieg. Nach rechts sich aber zu denen herabbeugen, die in solcher Welt, solcher Gesellschaft, solchem Krieg leben. Ihnen die Schädeldecken anheben. Und schauen, was drin tickt.

          In Dannys Kopf tickt eine Zeitbombe. Er war mit der britischen Armee im Irak, hielt es dort nicht mehr aus („Ich habe Kinder in Krankenwagen verfrachtet, die hatten gar keine Arme mehr“), kaufte sich frei, kehrt heim, wird von Marley, die er liebt, abgewiesen, weil ihr seine Briefe aus dem Irak „Angst gemacht haben“; kauft sich eine Pistole, will Marley erschießen, bringt es aber nicht fertig; foltert und tötet dafür Jade, eine minderjährige Farbige, die er dem pädophilen Pistolenzurichter und Weltekel-Guru Paul ausspannt, der von einem „Pornozoo der Folteropfer“ träumt; lässt ein Middle-Class-Swingerpärchen (sie Fernsehproduzentin, er Studienrat) abblitzen, das ihn zu einem flotten Dreier überreden will, gegen den Krieg demonstriert, aber sich an Folterbildern aufgeilt („Und für dieses Pack habe ich einen Krieg geführt“); landet, die Leiche der kleinen Schwarzen im Kofferraum, bei seinem debil-autistischen Bruder Lee, der ihn womöglich verraten wird und den er vorerst mit ein paar homosexuellen Streicheleinheiten ruhigstellt. Ende offen. Vorhang zu.

          Triumphale Rückkehr

          Eine Horrorshow auf der Basis ausgesuchtester Elendsversatzstücke. Alle Dramen des 1971 in der Nähe von Manchester geborenen Simon Stephens werfen Asozialblitzlichter aufs schreckliche Leben, zerrüttete Verhältnisse („Reiher“), leere Gesellschaftsstellen („One Minute“), zerstörte Familien („Country Music“), vergebliche Fluchtversuche („Am Strand der weiten Welt“), verkommene Welten im islamistischen Terrorschatten („Pornographie“). Und immer liegen bei ihm links die Klischees, stehen aber rechts die Menschen mit ihren offenen Schädeldecken. Im Wiener Akademietheater, wohin Andrea Breth jetzt nach längerer Krankheit triumphal zurückkehrt und „Motortown“ inszeniert, wird die Klischee-Seite des Stücks ein für allemal mit einem einzigen Superschlag erledigt: durch einen Coup der Zeichen.

          Die Bühnenbildnerin Annette Murschetz installiert herumliegende Reifen, umgestürzte Bürostühle, zerbrochene Fabrikwände, rostige Felgen, zerstörte Telefone. Die apokalyptische Resteverwertung einer abgewickelten Welt, in der es nichts mehr zu verdienen gibt als Verzweiflung. Was sich hier abspielt, ist ein Inferno: unter der Haut der Welt. Andrea Breth spielt grandios frisch und hart mit dem, womit sie immer spielt - unter der Oberfläche. Legt Nerven, Sehnen, Herz, Hirn und blutende Seelen frei. Ihr Reich: das Innere. Ihr Grund: der Abgrund. Ihre Temperatur: ein Höllenfieber.

          Eine Sprengstoffmischung

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