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Theater : Ein Wintermärchen der Erschöpften

  • -Aktualisiert am

Geliebter Esel: Andrea Clausen und Udo Samel Bild: REUTERS

Das Wiener Burgtheater setzt seinen Shakespeare-Zyklus mit dem „Sommernachtstraum“ fort. Dieser wird in Theu Boermans Inszenierung mit Udo Samel zum wild-frostigen Wintermärchen.

          3 Min.

          Selten sah man einen Puck derart von Wut zerfressen. Schon seine ersten Sätze speit er heraus, dass es hagelt, donnert und blitzt, bis das Festzelt für des Herzogs Hochzeitsfeier zusammenkracht. Dabei durften wir alle mitansehen, wie die schöne Kulisse aufgebaut und herausgeputzt worden war, denn wieder einmal musste die Bühnentechnik so tun, als wäre nichts rechtzeitig fertig geworden, nicht die weißgedeckten Tische für die angedeutete Festivität und auch nicht die Waldszenerie nach dem Einsturz. Vielleicht wird das ja auch das verbindende Element im Shakespeare-Zyklus dieser Saison am Wiener Burgtheater. Man betritt den Zuschauerraum bei geöffnetem Vorhang, Arbeiter schrubben und kehren die Bühne, rücken die letzten Kulissen zurecht, dazu dröhnt Musik vom Band (siehe dazu auch anlässlich schon von „Viel Lärm um nichts“: Jan Bosse inszeniert Shakespeares „Viel Lärm um nichts“ im Burgtheater).

          Diesmal erkennt man wenigstens das Stück nicht nur deshalb, weil der Titel auf dem Programmheft und den Abendspielplänen prangt. „Ein Sommernachtstraum“, entstanden vor 1598, möglicherweise bereits 1595, zählt im deutschen Sprachraum immer noch zu den meistgespielten Shakespeare-Komödien, und selbst die in dieser Inszenierung verwandte Fassung von Frank Günther entstellt die Übersetzung August Wilhelm Schlegels nicht sehr, fügt nur ein paar Kraft- und Fäkalausdrücke hinzu. Das soll anlässlich einer Eheschließung im Hochadel durchaus schon vorgekommen sein, selbst wenn es sich um den Herzog von Athen und seine Braut, die Amazonenkönigin Hippolyta, handelt.

          Ärger mit der Gemahlin

          Ausgerechnet bei diesen durchlauchtigsten Vorbereitungen stören die gebrochenen Eheversprechen von Hermia und Demetrius, denn sie will gegen Gesetz und väterlichen Willen lieber Lysander, der Bräutigam wird seinerseits von Helena beansprucht. Theseus gewährt eine Frist bis zu seiner eigenen Vermählung, um die Sache zu klären, die jungen Leute entweichen jedoch allesamt in die umliegenden Wälder, wo Elfenkönig Oberon herrscht. Dieser hat just eben Ärger mit seiner Gemahlin Titania, vielmehr sie mit ihm. Für vermehrte Verwirrung sorgen da noch sechs wackere Handwerker, die zu Ehren des hohen Brautpaares die Tragödie „Pyramus und Thisbe“ aufführen und in ebendiesem kargen Hain proben wollen. Kobold Puck soll auf Geheiß Oberons mit einem Liebestrank die nach seiner Meinung richtigen Partner zusammenführen und nebenbei Gattin Titania düpieren, was nach einigen Verwechslungen auch gelingt. Hernach kehrt Ruhe ein, dann wird geheiratet. Zur Feier des Tages folgt noch das Rüpelspiel der Arbeitsleute.

          Samel und Clausen, beobachtet von (v.l.) Barbara Mendel, Romana Klotz und Bibiane Zeller

          Theu Boermans Regie legt einige Schichten mehr an diese ohnedies leicht wirre Handlung. So ist der Puck kein übermütiger, witziger Waldgeist mit Bocksbeinchen und Spitzohren. Maria Happel bringt eine Elementargewalt auf die Bretter, die sich in Selbsthass einerseits und hündischer Ergebenheit ihrem Elfenkönig gegenüber andererseits aufsplittert und schließlich zerbrechen muss. Sie übertreibt's mit gnomenhafter Stimme und bleibt doch beängstigend, wenn sie zum Ende hin den Puck und den Zeremonienmeister des Athener Hofes ineinander verschmelzen lässt und eine gespenstische Version des Goffin-King-Schlagers „Will You (Still) Love Me Tomorrow“ schmettert. Ruhe findet sie erst, als sie über den Schlaf der erschöpften vier Menschlein im Walde wacht.

          Sodomie und Männerphantasie

          Nicht nur sie füllt zwei Rollen aus. Oberon und Theseus ist Peter Simonischek, Andrea Clausen gibt Hippolyta und Titania. Boerman, in letzter Zeit vor allem im Filmfach tätig (2006 Prix Europa für seine Fernsehproduktion „Die Auserwählten“), und seine Schauspieler zeigen diese Charaktere als einander jeweils spiegelnde Figuren. Wenn Theseus seine Hippolyta an ihre Niederlage erinnert, so fügt der viel mächtigere Oberon seiner Titania mit Zauberkraft Schmerzen zu, von der ein Herrscher von Athen wohl nur träumen kann. „Ist das nicht rührend?“, fragt er seine Entourage, als Titania, von magischer Tinte geblendet, sich dem in einen Esel verhexten Weber Zettel hingegeben hat. Sodomie und perverse Männerphantasie werden hier eins, doch man weiß nicht, ob Boermans Inszenierung damit das Publikum aufrütteln oder Shakespeare anschütten will. Simonischek verkörpert in beiden Rollen Kaltschnäuzigkeit, gepaart mit Anflügen von Mitleid für andere, nur nicht seine Frauen.

          Da bleibt Andrea Clausen nur Resignation, denn selbst ihre gewaltige Fee Titania zerbricht nach der eselhaften Demütigung. Umgeben von ergrauten Elfen in pastellrosa Chanelkostümchen, scheint ihre Zeit endgültig abgelaufen. Am besten geht's wohl dem Esel, aber auch ein überragender Udo Samel fühlt sich in der grauen Haut nicht wohl. Zu oft muss er noch als wiederhergestellter Zettel „iah!“ schreien. Trotzdem führt er seine Laientruppe beim Schlussauftritt an, obwohl es da statt des Bergamasker Tanzes nur einen Karaokegesang mit Hüftschwung zu „Azzurro“ setzt.

          Im Einklang mit solch proletenhaftem Verhalten werden alle sehr schnell handgreiflich. Rasch sind ein paar Ohrfeigen nicht nur angedroht, sondern auch ausgeteilt. Oberon reißt Puck an den Haaren oder schwingt die Knute, Lysander und Demetrius und Helena und Hermia prügeln aufeinander ein oder entledigen sich öfter mal ihrer Kleider oder wechseln diese untereinander - aha, Partnertausch. Selbst der Löwe aus der Laientruppe kann fast nicht mehr gebändigt werden. Das ist zeitweise sehr komisch und wird dem Geist des Stückes gerecht. Ein oder zwei Brutalitäten weniger, ein bißchen mehr Zurücknahme von Frau Happel ergäben einen mitreißenden Theaterabend mit Tiefgang. Aber man versteht den Kobold: In so einer Welt kann man selbst in einer Komödie nur darauf hoffen, daß irgend jemand einen auch am nächsten Tag noch lieben wird. Puck also bleibt bis zum bitteren Ende auf der Bühne, und der Letzte macht das Licht aus.

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